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Post aus Harvard Der planlose Donald Trump

Donald Trump hinter einem großen Mikrofon. Quelle: AP

In einem exklusiven Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche analysiert Harvard-Ökonom Jeffrey Frankel das Versagen der Trump-Administration in der Coronakrise – und stellt die Frage, warum historisch gesehen die Politik große Katastrophen oft nicht kommen sieht.

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Jeffrey Frankel ist Professor für Kapitalbildung und Wachstum an der Harvard University.

Tiefgreifende negative Ereignisse wie die Covid-19-Pandemie, der US-Immobiliencrash von 2007 bis 2009 oder die Terroranschläge vom 11. September 2001 werden häufig „Schwarze Schwäne“ genannt. Dies soll andeuten, dass niemand derartige Katastrophen hätte kommen sehen können.

In Wahrheit wussten kluge Analysten vor jedem dieser Ereignisse nicht nur, dass etwas passieren könnte. Sondern auch, dass es irgendwann passieren würde. Hätte die Politik die Gefahren bedacht und mehr vorbeugende Schritte unternommen, hätte sie die Geschehnisse abwenden oder abmildern können.

Was das Coronavirus angeht, warnen Epidemiologen und andere Gesundheitsexperten bereits seit Jahrzehnten vor dem Risiko einer viralen Pandemie, zuletzt erst im vorigen Jahr. Dies hat US-Präsident Donald Trump indes nicht von der Behauptung abgehalten, die Krise sei „ungeahnt“ hereingebrochen – und ein Thema, von dem „niemand jemals geglaubt hätte, dass es ein Problem werden könnte“. Wir erinnern uns: Auch nach den Anschlägen von 11. September 2001 hatte Präsident George W. Bush fälschlicherweise behauptet: „Es gab niemanden in unserer Regierung, und ich glaube auch nicht in der vorherigen, der sich hätte vorstellen können, dass Flugzeuge in dieser Weise in Gebäude fliegen könnten.“

Angesichts solcher Aussagen ist die Versuchung groß, die Schuld für Katastrophen allein bei unfähigen Politikern zu suchen. Aber mangelhafte politische Führung allein reicht als Erklärung nicht aus. Häufig wurden auch die Öffentlichkeit und die Finanzmärkte auf dem falschen Fuß erwischt. Unmittelbar vor der Finanzkrise 2008 hatten die Aktienmärkte historische Höchststände erreicht, genau wie vor dem jüngsten Crash, der Ende Februar begann. In beiden Fällen gab es eine Vielzahl vorhersehbarer „Tail-Risiken“, die vor irrationaler Übertreibung hätten warnen können.

In diesen Zeiten gingen Investoren nicht nur von übermäßig optimistischen Basisprognosen aus. Teilweise wurden die Risiken sogar komplett ausgeblendet. Der VIX – ein Indikator für die Volatilität der Finanzmärkte, der bisweilen auch als „Angstindex“ bezeichnet wird – stand vor den Krisen von 2007/2009 und 2020 beide Male in der Nähe eines Rekordtiefs.
Warum aber können uns extreme Ereignisse dennoch oft so sehr überraschen? Erstens können Analysten die Gesamtsituation falsch einschätzen, wenn sie ihr Netz bei der Analyse der Daten nicht weit genug auswerfen. Manchmal achten sie lediglich auf aktuelle Datensätze und meinen, in einer sich schnell verändernden Welt seien Ereignisse von vor 100 Jahren nicht mehr von Belang. Speziell die Amerikaner konzentrieren sich zudem zu stark auf sich selbst und beachten den Rest der Welt zu wenig. 2006 beispielsweise richteten sich die Finanzgenies bei der Bewertung der hypothekengebundenen Wertpapiere der USA in erster Linie nach der jüngsten Geschichte der US-Immobilienpreise – und damit im Prinzip nach der Regel, dass Häuserpreise nominal betrachtet niemals fallen. Aber diese Regel spiegelt lediglich die Tatsache wider, dass die Analysten selbst niemals einen flächendeckenden Zusammenbruch der Immobilienpreise erlebt haben. In den USA selbst war dies in den 1930ern der Fall, und in Japan sogar noch in den 1990ern. Aber diese Episoden spiegelten sich nicht in der Lebenserfahrung der US-Finanzanalysten wider.

Hätten die Analysten eine größere Datenbasis verwendet, hätte in ihre statistischen Modelle auch die Wahrscheinlichkeit einfließen können, dass Häuserpreise – und damit auch hypothekengestützte Wertpapiere – irgendwann fallen können. Finanzanalysten hingegen, die ihre Datengrundlage auf ihr eigenes Land und ihre eigene Zeit begrenzen, ähneln den britischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, die aus ihrer persönlichen Erfahrung heraus zu der Ansicht kamen, dass alle Schwäne weiß sind. Sie waren nie in Australien, wo im Jahrhundert zuvor schwarze Schwäne entdeckt wurden, und sie haben auch keine Ornithologen gefragt.

Und selbst wenn die Experten richtig liegen, hören ihnen die Politiker häufig nicht zu. Das politische System neigt dazu, auf Warnungen, die das Risiko einer Katastrophe auf scheinbar geringe fünf Prozent pro Jahr schätzen, nicht zu reagieren – sogar wenn die absehbaren Kosten dafür, solche Wahrscheinlichkeiten zu ignorieren, enorm sind. Die Experten, die bei Corona früh vor einer ernsten Pandemie warnten, lagen bei ihrer Risikoeinschätzung jedenfalls richtig. Die Regierung der Vereinigten Staaten war trotzdem nicht vorbereitet.

Schlimmer noch: 2018 hat die Trump-Regierung sogar eine Abteilung des Nationalen Sicherheitsrats abgeschafft, die von Präsident Barack Obama eingeführt worden war, um auf die Gefahr von Pandemien zu reagieren. Weiterhin hat die US-Regierung immer wieder versucht, die Haushalte der Zentren für Seuchenschutz und -vorbeugung sowie anderer öffentlicher Gesundheitseinrichtungen zu kürzen. Da wundert es nicht, dass Amerikas Erfolge beim Kampf gegen  mit der Pandemie – angesichts mangelnder Tests und der gefährlichen Knappheit wichtiger Pflegeeinrichtungen und medizinischer Ausrüstung – hinter denen in anderen industrialisierten Staaten zurückfällt.

Das Weiße Haus hat nicht nur Amerikas Reaktionsmöglichkeiten auf eine Pandemie eingeschränkt. Es verfügt auch bis heute über keinerlei Plan und erkennt noch nicht einmal, dass es einen Plan braucht – sogar nachdem offensichtlich wurde, dass sich der chinesische Coronavirus-Ausbruch in die ganze Welt verbreiten würde. Stattdessen zögerte die Regierung, gab anderen die Schuld, konnte nicht genug Tests bereitstellen und hielt so die Anzahl bestätigter Fälle künstlich niedrig. Vielleicht, um die Aktienkurse zu stützen?

Und was Trumps Behauptung, „niemand hat so etwas je zuvor gesehen“, angeht, muss man nur vier Jahre zurückblicken – auf den tödlichen Ebola-Ausbruch, der 11.000 Menschenleben kostete. Aber dies war ja weit weg, in Westafrika. Die Grippepandemie von 1918/1919 tötete zwar 675.000 Amerikaner (und rund 50 Millionen Menschen auf der ganzen Welt). Aber dies ist ja bereits über 100 Jahre her. Offensichtlich sind unsere Politiker nur dann beeindruckt, wenn eine Katastrophe eine große Anzahl von Menschenleben innerhalb ihres eigenen Landes und während ihrer Lebzeiten gekostet hat.

Jetzt lernen Amerika und die Welt eine Pandemie eben auf die harte Art kennen.

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