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Post aus Harvard
Amerikaner sparen wenig - das soll sich ändern Quelle: imago

Die Amerikaner sind Spar-Muffel

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

Die US-Bürger konsumieren viel und sparen wenig. Das hat negative Folgen für die gesamte Volkswirtschaft. Wie die Regierung versucht, Abhilfe zu schaffen.

Amerikaner konsumieren viel und sparen wenig. Dieser Eindruck hat sich international seit dem Börsenboom der Neunzigerjahre verfestigt. Und tatsächlich: Blickt man auf die Entwicklung der Sparquote, also das Verhältnis der Ersparnisse zu den verfügbaren Einkommen der Bürger, so erkennt man einen deutlichen Abwärtstrend. Lag die Sparquote der Amerikaner zwischen 1960 und 1980 im Schnitt noch zwischen elf und zwölf Prozent, so hat sie sich seither auf nur noch 6,8 Prozent nahezu halbiert.

Für die Volkswirtschaft ist Sparen wichtig. Denn es bedeutet Konsumverzicht und macht Ressourcen für Investitionen, etwa den Bau von Fabriken und Anlagen, verfügbar. Der erhöhte Kapitalstock steigert die Produktivität und den Wohlstand der Menschen. 

Die Ursache für den säkularen Abwärtstrend der Sparquote ist unklar. Eine plausible Erklärung könnte sein, dass die Menschen im arbeitsfähigen Alter es nicht länger für erforderlich halten, für das Alter vorzusorgen. Sie vertrauen in die staatlichen Sozialprogramme. Diese wurden bereits in den 1930er Jahren ins Leben gerufen. In den 1960er und 1970er Jahren fürchteten manche Beobachter, die Programme könnten am Widerstand der konservativen Opposition scheitern. Doch als dem Programm 1982 das Geld auszugehen drohte, rettete es ausgerechnet der konservative Präsident Ronald Reagan. Seither ist klar, dass die Leistungen der Sozialversicherungen auch in Zukunft zur Verfügung stehen werden. Durch die Gesundheitsvorsorge für Alte und Arme, Medicare und Medicaid, erscheint vielen Bürgern zudem die private Vorsorge für das Gesundheitsrisiko überflüssig zu sein.

Doch ganz gleich, was die Ursache der niedrigen Sparquote ist: Es handelt sich um ein ernstes Problem, das politisches Handeln erfordert. Zum Glück haben sich die Einstellungen der Politiker zum Sparen im Laufe der Zeit geändert. In den Jahren direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich die Leute noch an die Große Depression erinnerten, hielten die Politiker eine niedrige Sparquote für wünschenswert. Diese, so glaubten sie, stärke die Konsumausgaben und damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und Beschäftigung. Als die Politiker jedoch erkannten, dass Sparen die Basis für gesunde Investitionen ist, die das Wachstum stimulieren, verabschiedete der Kongress Gesetze, die die Menschen zum Sparen anregen sollen.   

Das wichtigste Instrument sind die sogenannten 401k-Konten, die es den Arbeitgebern erlauben, Zuschüsse zu Altersvorsorgekonten ihrer Mitarbeiter zu leisten. Diese 401k-Pläne werden von den Arbeitgebern subventioniert und verwaltet. Außerdem schuf der Kongress steuerbegünstigte Altersvorsorgekonten, sogenannte IRAs, die es dem Einzelnen erlauben, bis zu 5500 Dollar jährlich zur Seite zu legen. Dabei können die Sparer ihr Guthaben nach eigenem Gutdünken verwalten. Beiträge zu den IRAs sind bis zu einer gewissen Höhe steuerabzugsfähig, und die Renditen aus den IRAs bleiben steuerfrei, bis das Geld abgerufen wird. Durch die höhere Rendite nach Steuern steigt der Anreiz zum Sparen.

Gleichwohl ist bei der Sparquote noch Luft nach oben. Millionen von Kleinunternehmen bieten bisher keine 401k-Sparpläne an, weil sie den damit verbundenen bürokratischen Aufwand scheuen. Zudem zögern die Unternehmen, ihre Mitarbeiter in diese Sparvariante zu drängen, da diese vor der Verrentung nicht auf das Geld zugreifen können. Der US-Kongress hat daher vorgeschlagen, dass sich Kleinunternehmen zusammentun, um die mit 401k-Sparplänen verbundenen Bürokratiekosten zu senken. Zudem könnte die Regierung einen Teil der Kosten übernehmen, die mit der Einrichtung der Sparpläne verbunden sind. 

Noch wichtiger aber wäre es, Sparpläne zu schaffen, in die die Arbeitnehmer automatisch einzahlen. Die Erfahrung zeigt, dass die Beschäftigten positiv darauf reagieren, wenn sie die Möglichkeit haben, das eingezahlte Geld nach Belieben - auch vor ihrem Rentenbeginn - abzuheben. So sind nur wenige Arbeitnehmer bereit, Geld in einen 401k-Plan einzuzahlen, wenn sie dafür fünf Prozent ihres Gehalts aufwenden müssen und erst bei Rentenbeginn darüber verfügen können. Erklärt man ihnen jedoch, dass sie jederzeit auf das Ersparte zugreifen können, sieht die Sache anders aus. Dann sind die meisten durchaus bereit, auf fünf Prozent ihres Gehalts zu verzichten, ohne dass sie tatsächlich vorzeitig auf das Ersparte zugreifen. 

Noch ist nicht sicher, ob die geplante Gesetzesänderung eine Mehrheit im Kongress findet. Klar ist jedoch, dass die Sparquote der privaten Haushalte in den USA zu niedrig ist und dass etwas getan werden muss, um sie wieder auf ihr früheres Niveau zu hieven.

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