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Post aus Harvard „Die CO2-Preise müssen schnell steigen“

Würden alle jungen Amerikaner im Alter von 18 bis 24 Jahren im November ihre Stimmen abgeben, hätte Trump kaum Chancen auf Wiederwahl, sagt Harvard-Ökonom Jeffrey Frankel. Quelle: imago images

Harvard-Ökonom Jeffrey Frankel fordert in einem exklusiven Gastbeitrag eine globale Strategie gegen den Klimawandel – und ruft die junge Generation in den USA auf, im November gegen Donald Trump zu stimmen.

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Jeffrey Frankel ist Ökonomie-Professor an der Harvard University.

Viele Anhänger von US-Präsident Donald Trump glauben offenbar, die globale Erwärmung sei ein Schwindel. Die meisten anderen stimmen hingegen überein, dass der Klimawandel ganz oben auf der Liste der wichtigen politischen Themen steht. Selbst Zentralbanker haben sich mit dem Klimawandel-Fieber angesteckt. Unter der Führung von Christine Lagarde hat nun auch die Europäische Zentralbank die Klimagesundheit des Planeten zu einer „entscheidenden Aufgabe” erklärt.

Macht das Sinn? Natürlich müssen Finanzinstitutionen manche Dinge im Lichte des Klimawandels neu überdenken. Eine Bank oder Versicherung würde bei der Berechnung des Risikos für Immobilienkredite einen gravierenden Fehler begehen, wenn sie der Standard-Methode folgten und die Wahrscheinlichkeit eines Hochwassers auf Grundlage von Daten der letzten 100 Jahre errechneten. Vielmehr ist hier ein vorausschauender Ansatz zu wählen und Schätzungen der zunehmend höheren Wahrscheinlichkeit derartiger Katastrophen einzubeziehen. Allerdings fehlt es Zentralbanken und internationalen Finanzinstitutionen schlicht an den notwendigen Instrumenten, die Treibhausgasemissionen direkt oder indirekt zu beeinflussen.

Welche Instrumente würden direkte Effekte haben? Technologische Innovationen in Bereichen wie der Solarenergie spielen sicherlich eine große Rolle bei der Abmilderung des Klimawandels. Es gibt durchaus Argumente dafür, dass Regierungen die Forschung im Bereich Klimawissenschaft und relevanter Technologien subventionieren sollten.

Technologie ist allerdings keine politische Strategie. Die politische Strategie, die uns den etwa im Pariser Klimaschutzabkommen festgelegten globalen Umweltzielen zu relativ geringen Kosten am nächsten bringt, besteht vielmehr darin, den Preis für die Emission von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen zu erhöhen. Dieser Preis lässt sich durch eine Steuer oder den Emissionshandel mit festen Obergrenzen des Emissionsausstoßes festzurren.

Theoretisch sind beide Ansätze gleichwertig: die Menge der CO2-Zertifikate wird sorgfältig berechnet, so dass der sich daraus ergebende Handelspreis jenem Preis entspricht, den man mit einer Steuer erreichen würde. In der realen Welt bestehen allerdings erhebliche Unterschiede zwischen der Regulierung von Preisen und Mengen. Denn hier kommen die Faktoren der Ungewissheit und der politischen Ökonomie ins Spiel.

Klar: Es wäre großartig, wenn sich die politischen Entscheidungsträger der Welt zu einem über ein ganzes Jahrhundert währenden Anstieg des CO2-Preises verpflichten könnten. In diesem Fall könnten die Menschen weit im Voraus planen. Unternehmen wüssten Bescheid über die Höhe der „Strafe“ für den Bau langlebiger Kohlekraftwerke. Doch realistisch ist das nicht. Selbst im Falle eines wundersamen Ausbruchs multilateraler Zusammenarbeit können die heutigen Staats- und Regierungschefs ihre Nachfolger nicht über die nächsten 50 Jahre festlegen. Dadurch ist eine langfristige Gewissheit über künftige Preise und Mengen der Treibhausgasemissionen ausgeschlossen.

Entscheidend ist daher, zumindest eine Erwartungshaltung zu schaffen, dass der CO2-Preis künftig steigen wird. Um das zu erreichen, müssen die Regierungen sofort beginnen, den Preis zu erhöhen; hochtrabende Stellungnahmen staatlicher Vertreter und das Hantieren mit Klimamodellen werden dazu nicht reichen.

Bleibt die Frage nach den politökonomischen Hürden. Regierungen sind auf globaler Ebene – wie im Kyoto-Protokoll 1997 und im Pariser Abkommen 2015 eher bereit, quantitativen Emissionszielen zuzustimmen als einer globalen CO2-Steuer. Diese wird als ein zu gravierender Eingriff in die staatliche Souveränität angesehen. Gleichwohl halte ich eine Steuer für sinnvoller als handelbare Emissionszertifikate. Frühere Versuche zur Einführung von Emissionszertifikaten sind (wie im Fall des europäischen Emissionshandelssystems) der Industrie tendenziell weit entgegengekommen. Es wurden mehr Zertifikate ausgestellt als ursprünglich beabsichtigt und zu viele an Altunternehmen vergeben.

Ein weiteres Problem ist die Lüge, die in den USA von Leugnern des Klimawandels verbreitet wird: dass es sich bei der globalen Erwärmung um einen Schwindel handeln würde mit dem Ziel, den staatlichen Einfluss zu stärken. Das ist eine sichere Methode, um bei den Präsidentschaftswahlen im November Stimmen für Donald Trump zu generieren.

Ich möchte jungen Menschen daher einen Rat geben. Es mag befriedigend sein, an einer von Greta Thunberg inspirierten Demonstration teilzunehmen. Aber von entscheidender Bedeutung ist wählen zu gehen. Würden alle jungen Amerikaner im Alter von 18 bis 24 Jahren im November ihre Stimmen abgeben, hätte Trump kaum Chancen auf Wiederwahl. Wenn die Ära Trump beendet ist, könnten die USA dem Pariser Abkommen wieder beitreten und wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung der globalen Erwärmung ergreifen. Und andere Regierungen hätten dann keine Ausrede mehr, diese Maßnahmen aufzuschieben.

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