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Post aus Harvard

Notenbank-Chef Bernanke verwirrt die Märkte

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

Ben Bernanke gibt sich alle Mühe, eine klare Aussage zur künftigen Politik der Federal Reserve zu machen. Doch die Lage bleibt diffus. Warum die Strategie niedriger Langfristzinsen mehr schadet als nützt.

Ben Bernanke Quelle: REUTERS

Angefangen mit seinem Auftritt vor dem Kongress in Washington am 22. Mai dieses Jahres gibt sich der Notenbankchef Ben Bernanke alle Mühe, eine klare Aussage zur zukünftigen Politik der Federal Reserve zu machen. Doch den Akteuren an den Finanzmärkten ist immer noch nicht deutlich, was Bernankes Botschaft vom Mai für die Geldpolitik der USA und für die Zinssätze bedeutet.

Formal waren Bernankes Äußerungen über die zwei unkonventionellen Strategien der Fed schon klar: Danach versucht die US-Notenbank zum einen, vergleichsweise exakte Leitlinien für die zukünftige Entwicklung der Federal Funds Rate zu geben. Gemeint sind die Zinsen, zu denen sich Geschäftsbanken untereinander über Nacht kurzfristig Geld leihen. Zweitens gibt die Fed Hinweise darauf, unter welchen Bedingungen sie ihre massiven allmonatlichen Rückkaufprogramme für Anleihen verringern und schließlich beenden will. Wie Bernanke betont, laufen diese beiden Strategien auf verschiedenen Schienen und müssen darum auf jeweils unterschiedliche Indikatoren der wirtschaftlichen Entwicklung reagieren.

Der Offenmarktausschuss, der aus den Fed-Gouverneuren und den Präsidenten der regionalen Notenbanken besteht, hat sich darauf geeinigt, den Leitzins solange nahe bei null zu lassen, bis die Arbeitslosenquote in den USA auf 6,5 Prozent sinkt und es danach aussieht, dass sie dort bleibt oder sogar noch weiter fällt. Bei einer derzeitigen Arbeitslosigkeit von 7,6 Prozent, die nur langsam zurückgeht, könnte die Fed also zu einer Zinssenkung möglicherweise erst 2015 bereit sein.

Die Fed hat aber Vorbehalte in diese Ankündigung eingebaut, die ihren Ausblick in die Zukunft diffus machen und ihm den Informationsgehalt rauben. So weist die Fed darauf hin, dass sie den Leitzins auch erhöhen könnte, wenn die voraussichtliche jährliche Inflationsrate von ihrem momentanen Niveau knapp unter zwei Prozent auf mehr als 2,5 Prozent steigen sollte. Jeder Hinweis fehlt, wie so eine „voraussichtliche zukünftige Inflationsrate“ zu ermitteln wäre. Dementsprechend könnte die Fed die Zinsen im Prinzip bereits erhöhen, bevor die Arbeitslosenquote auf 6,5 Prozent gesunken ist.

Überdies hat die Fed erkannt, dass die Arbeitslosenquote im vergangenen Jahr zum großen Teil darum zurückgegangen ist, weil viele Menschen ohne Beschäftigung aufgehört haben, nach Arbeit zu suchen und darum nicht mehr zu den Arbeitslosen zählen. So wäre eine Arbeitslosenquote unter 6,5 Prozent unter anderem entweder darauf zurückzuführen, dass die Erwerbsneigung weiter zurückgegangen ist oder, dass die Unternehmen mehr Teilzeitbeschäftigte eingestellt haben (was heißen würde, dass die Gesamtanzahl der Arbeitsstunden gar nicht gestiegen wäre). So könnte die Fed den Leitzins weiter niedrig lassen – trotz der gesunkenen Arbeitslosenquote.

Daher überrascht es nicht, dass die Märkte über die mutmaßliche Entwicklung der Federal Funds Rate in den kommenden zwei Jahren verwirrt sind. Und das ist wichtig, weil ein Anstieg dieses kurzfristigen Zinssatzes dazu führt, dass andere, längerfristige Zinssätze ebenfalls steigen.

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