Post aus Harvard

Obama auf der Verliererstraße

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

In sechs Monaten wählen die USA einen neuen Präsidenten - und das Ergebnis wird maßgeblich vom Konjunkturverlauf bestimmt. Für Obama sieht's nicht gut aus.

Eine Illustration zeigt die beiden Kontrahenten Barack Obama und Mitt Romney Quelle: Tim Brinton

Derzeit schleppt sich die amerikanische Wirtschaft mit langsamem Wachstum und hoher Arbeitslosigkeit voran. Die Wirtschaftsleistung wuchs vergangenes Jahr nur um 1,5 Prozent, und pro Kopf ist das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) heute niedriger als zu Beginn der ökonomischen Abwärtsbewegung Ende 2007. Im Jahresvergleich war das BIP im vierten Quartal 2011 zwar um drei Prozent gewachsen, aber mehr als die Hälfte dieses Wachstums war auf anwachsende Lagerhaltung zurückzuführen. Verkäufe an Endverbraucher – private Haushalte, Unternehmen, ausländische Kunden – waren übers Jahr nur um 1,1 Prozent gestiegen und damit sogar noch weniger als zuvor im Jahre 2011. Und dieses Jahr beträgt die vorläufige Schätzung des jährlichen BIP-Wachstums für das erste Quartal nur enttäuschende 2,2 Prozent. Für die Verkäufe an Endverbraucher betrug das Wachstum danach 1,6 Prozent.

Vernebelte Wirklichkeit

Ähnlich enttäuschend entwickelte sich der Arbeitsmarkt. 8,2 Prozent Arbeitslose im März: Das ist eine Quote fast drei Prozentpunkte über dem Wert, den die meisten Ökonomen für erstrebenswert und auf Dauer erträglich halten. Im Vergleich zu den neun Prozent vor einem Jahr sah es zwar ein wenig besser aus. Doch selbst dieser geringfügige Rückgang war zur Hälfte dadurch verursacht, dass sie Zahl der Arbeitslosen zurückging, nicht etwa durch entsprechend viele neue Arbeitsplätze und eine entsprechend höhere Beschäftigtenrate. 

In Wirklichkeit vernebelt die offizielle Arbeitslosenquote die Schwäche des Arbeitsmarktes. Geschätzte sechs Prozent aller Beschäftigten arbeiten weniger Wochenstunden, als sie eigentlich wollen, und etwa zwei Prozent der Erwerbspersonen haben keine Beschäftigung, auch wenn sie gerne arbeiten würden: Sie werden offiziell nicht zu den Arbeitslosen gerechnet, weil sie sich in einem  kurzen Zeitraum vor dem Stichtag nicht um eine Anstellung bemüht haben. Rechnet man diese beiden Gruppen zu den Arbeitslosen aus der staatlichen Statistik, kommt man auf 15 Prozent Erwerbspersonen, die weniger arbeiten, als sie selber wollen.

Gesunkene Reallöhne

Anfang des Jahres war die Zahl der Beschäftigten in der Gesamtheit der amerikanischen Unternehmen noch spürbar gestiegen, und das trug zu einer generell optimistischen Stimmung bei. Doch schon im März fiel dieser Beschäftigungsanstieg auf weniger als die Hälfte des in den Monaten zuvor registrierten Wertes, während die Zahl der Arbeitnehmer, die Arbeitslosenunterstützung beantragten, den höchsten Wert in vier Monaten erreichte.

Und auch die Arbeitsplatzbesitzer verzeichnen ein geringeres Einkommen. Die Reallöhne sind im Durchschnitt in den vergangenen Monaten gesunken und sind derzeit niedriger als vor anderthalb Jahren. Das gesamte Realeinkommen der Amerikaner nach Steuern ist pro Kopf ebenfalls gefallen, und bewegt sich jetzt auf einem Niveau wie zuletzt vor einem Jahr.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%