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Präsidentschaftswahlen Politik bremst Indiens Wachstum

Indien wählt heute einen neuen Präsidenten – aber keine neue Politik. Dabei stockt der Reformprozess, die Konjunktur erlahmt und ausländische Investoren sind verunsichert.

Präsidentschaftskandidat Pranab Mukherjee Quelle: dapd

Wenn heute die 4900 Wahlmänner – und -frauen den neuen Präsidenten Indiens wählen, werden manche sorgenvoll gen Himmel blicken. Nicht dass sie mit überirdischen Erscheinungen rechnen, die die Wahl beeinflussen könnten.

Denn dass der 76-jährige Pranab Mukherjee gewählt wird, daran besteht kein Zweifel. Er gehört zur Elite der regierenden Kongresspartei, Ende Juni trat er von seinem Amt als  Finanzminister zurück, um sich auf die Präsidentschaftswahl vorzubereiten. Er gilt als Favorit. Die Amtsinhaberin Prathiba Patil verzichtete auf eine zweite Amtsperiode, sein einziger ernstzunehmender  Gegenkandidat Agitok Sangma, der von der Opposition unterstützt wird, hat nur Außenseiterchancen. 

Was den Abgeordneten am Himmel Sorge bereitet, sind nicht die Wahlen, sondern die Wolken, genauer gesagt: der Monsun. Der Südwest-Monsun, der zwischen Juni und September das Land mit tropischen Regengüssen überzieht, ist lebenswichtig für die Landwirtschaft. Er allein bringt drei Viertel der jährlichen Niederschläge. Doch in diesem Jahr fällt der Regen ungleich auf das ausgetrocknete Land. Während der Norden und Nordwesten mit seinen Reisanbaugebieten nur die Hälfte der normalen Niederschläge abbekommen, regnet es im Osten und Nordosten doppelt so viel.

Stärken und Schwächen der BRIC-Staaten
Die Skyline der Millionen-Metropole Shanghai, China Quelle: REUTERS
Leute shoppen auf den Straßen von Sao Paulo, Brasilien Quelle: dapd
Der ehemalige brasilianische Präsident Lula da Silva mit ölverschmierten Händen auf einer Ölplattform vor Bacia De Campos Quelle: dpa
Indien befindet sich laut einer Studie der Weltbank zu den Rahmenbedingungen für unternehmerische Tätigkeiten nur auf Platz 132. Genehmigungen, Kredite bekommen, Vertragseinhaltung - alles ist auf dem Subkontinent mit erheblichen Aufwand und Unsicherheiten verbunden. Hinzu kommt Korruption, eines der größten Probleme für das Land. Transparency International listete Indien im Jahr 1999 noch auf Patz 72, elf Jahre später ist das Land auf Platz 87 im Korruptionsindex abgerutscht. Nicht nur für die ausländischen Unternehmen ist Korruption ein Ärgernis, weil sie stets fürchten müssen, dass Verträge nicht eingehalten werden. Korrupte Beamte und Politiker sind auch eine enormes Problem für die mittleren und unteren Schichten, denen schlicht das Geld zur Bestechung fehlt. Um öffentliche Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, die den Bürgern per Gesetz zustehen, müssen laut Transparency International mindestens 50 Prozent ihrer Befragten Bestechungsgelder zahlen. Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens. Analysten gehen davon aus, dass die Direktinvestitionen in Indien um ungefähr 31 Prozent zurückgegangen sind und aus dem indischen Aktienmarkt etwa 1,4 Milliarden Euro abgezogen worden sind. Besonders brisant: nach einer Studie der Washingtoner Global Financial Integrity Organisation leitete die Liberalisierung und Markt-Deregulierung im Jahr 1991 die Hochzeit der Korruption und des illegalen Geldtransfers ein. Im Bild: Der Antikorruptions-Aktivist, Anna Hazare, im August 2011 in Neu Delhi. Hazare ging für zwölf Tage in einen Hungerstreik, um gegen die grassierende Korruption seines Landes zu protestieren. Tausende Sympathisanten unterstützen den Aktivisten bis zum Schluss seiner Aktion. Quelle: dapd
Verkehrsstau auf dem Delhi-Gurgaon Expressway, in Neu Delhi, Indien. Quelle: AP
Im Bild: eine Fabrikarbeiterin in einer Textilfabrik aus der Provinz Anhui, China. Quelle: REUTERS
Im Bild: Ein Eierverkaufsstand in Jiaxing, Zhejiang Provinz. Quelle: REUTERS

Dürre in wichtigen Regionen ist aber ist das letzte, was Indien in diesem Jahr gebrauchen kann. Zwar erbringt die Landwirtschaft nur noch 14 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei, aber von dem Sektor hängt immer noch etwa jeder zweite der 1,2 Milliarden Einwohner des Landes ab. 

Aufgrund der regionalen Dürren rechnen Experten mit niedrigeren Ernteerträgen und steigenden Nahrungsmittelpreisen. Schon sind die Kontraktpreise für Zucker, Ölsaaten, Sojabohnen und Kurkuma an den Rohstoffbörsen auf neue Höchststände geklettert. 

Hartnäckige Inflation belastet die Verbraucher 

Nicht nur den Bauern, auch den Verbrauchern droht damit Leid. Schon jetzt müssen sie für viele Grundnahrungsmittel höhere Preise zahlen. Im zweiten Quartal stiegen die Großhandelspreise für Hülsenfrüchte um 7,5 Prozent, Gemüse um 28 Prozent, Kartoffeln um 75 Prozent und Zwiebeln um 16 Prozent. 

Neben den Mehrkosten fürs Essen belasten die höheren Spritpreise die indischen Konsumenten. Aufgrund der Abwertung der Rupie um mehr als 20 Prozent seit dem vergangenen Sommer haben sich die Energieimporte verteuert. Das Preisniveau für die Konsumenten dürfte  nach Einschätzung der Ökonomen der HSBC-Bank im zweiten Quartal auf fast zehn Prozent hochgeschnellt sein, nach gut sieben Prozent im ersten Quartal. Bleibt der Regen aus, drohen weiter hohe Preise.

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