WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Proteste am Bosporus Gewalteskalation in der Türkei

Die Proteste gegen die islamisch-konservative Regierung in der Türkei dauern an. Der türkische Premier Erdogan vermutet hinter den Massenprotesten ausländische Verschwörer. Die Polizei geht mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Demonstranten vor.

Das Jahr der Proteste
Arabischer Frühling Quelle: dpa
Occupy Wall Street Quelle: REUTERS
Stuttgart 21 Quelle: REUTERS
Euro (gegen Sparmaßnahmen) Quelle: dpa
Euro (gegen Euro-Rettung) Quelle: dapd
Tottenham Quelle: Reuters
Camila Vallejo Quelle: REUTERS

Es musste wohl dazu kommen: Bei den Massenprotesten in der Türkei ist seit Montag das erste offizielle Todesopfer zu beklagen. Ein 20-Jähriger Demonstrant wurde getötet, als im Istanbuler Stadtteil Ümraniye ein Taxifahrer in eine Gruppe von Demonstranten raste. Ob der junge Mann das einzige Opfer ist, weiß man nicht. Seit dem Wochenende kursierten in Istanbul Gerüchte, wonach bei den Unruhen mindestens zwei Menschen ums Leben gekommen seien. Auch über die Zahl der Verletzten gibt es keine Klarheit. Innenminister Muammer Güler spricht von 173; der türkische Ärzteverband TTB berichtete hingegen, allein in Istanbul habe es bisher 1480 Verletzte gegeben, von denen einige in Lebensgefahr schweben. Weitere 414 werden aus Ankara gemeldet, 420 aus der westtürkischen Hafenstadt Izmir.

Das Land ist im Aufruhr, die Protestwelle überrollt Anatolien wie ein Tsunami – und der Regierungschef geht auf Reisen: Am Montag bestieg Tayyip Erdogan am Istanbuler Flughafen seinen Regierungsjet, um nach Nordafrika aufzubrechen. Aber nicht, ohne denkwürdige Abschiedsworte zu sprechen: Hinter den Unruhen stünden „ausländische Mächte“. Er könne noch keine Namen enthüllen, sagte Erdogan, aber der türkische Geheimdienst ermittle bereits, man werde mit den Drahtziehern der Unruhen abrechnen, so der Premier.

Erdogan will in den nächsten Tagen Marokko, Tunesien und Algerien besuchen, Länder, die als Handelspartner für die Türkei in den vergangenen Jahren wachsende Bedeutung gewonnen haben. Länder aber auch, deren Herrscher im „arabischen Frühling“ mit Protesten konfrontiert waren. Interessante Reiseziele also für Erdogan, der jetzt eine Art „türkischen Frühling“ erlebt. Obwohl: Bisher scheinen ihn die schweren Unruhen, die sich seit dem vergangenen Freitag vom kleinen Istanbuler Gezi-Park wie ein Flächenbrand auf das ganze Land auszubreiten beginnen, nicht sonderlich zu beunruhigen. Bevor er nach Marokko startete, sagte Erdogan zu den Reportern: „Entspannen Sie sich, all das wird sich wieder legen.“

Danach sieht es allerdings bisher nicht aus. Auf dem Istanbuler Taksim-Platz bauten die Demonstranten am Montag neue Barrikaden. Die Polizei, die sich am Samstagnachmittag nach schweren Straßenkämpfen zurückgezogen hatte, blieb zunächst auf Distanz. Hier, im Gezi-Park am Rand des Taksim-Platzes, hatte alles angefangen – mit einem friedlichen Protest von etwa 50 Menschen gegen Pläne Erdogans, hier eine vor 70 Jahren abgerissene Kaserne aus der ottomanischen Ära zu rekonstruieren, „um die Geschichte auferstehen zu lassen“, wie der Premier sagt. Für das Projekt sollen Bäume fallen. Das wollen die Anwohner verhindern, ihr Park ist eine der letzten grünen Oasen in der Istanbuler Betonwüste. Als die Polizei vergangene Woche mit einem überaus brutalen nächtlichen Einsatz das Camp der Demonstranten zerstörte, begann die Eskalation.

Länderprofil Türkei

Am Wochenende griffen die Proteste auf rund die Hälfte aller türkischen Provinzen über. Was als Demonstration gegen das Abholzen einiger Bäume begonnen hatte, wurde zu einem Aufstand gegen den selbstherrlichen, autoritären Führungsstil Erdogans und die Dominanz seiner islamischen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP), die immer stärker ins Privatleben der Türken hineinregiert und ihnen mit Maßnahmen wie den kürzlich beschlossenen Alkoholverboten einen religiösen Lebensstil aufzuzwingen versucht.

Die Revolte kommt auf den ersten Blick überraschend. Denn unter Erdogan, der das Land seit mehr als zehn Jahren regiert, erlebte die Türkei einen in ihrer jüngeren Geschichte beispiellosen wirtschaftlichen Boom. Das Land stieg unter die 20 größten Wirtschaftsnationen der Erde auf, die Wachstumsraten konnten sich in manchen Jahren mit denen Chinas messen, die maroden Staatsfinanzen wurden saniert.

Inhalt
  • Gewalteskalation in der Türkei
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%