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Proteste im Iran Warum deutsche Unternehmen nicht im Iran investieren

Studentin inmitten der Ausschreitungen in der Universität Teheran. Quelle: AP

Als Exportziel ist der Iran bei deutschen Unternehmen gefragt. Aber investieren wollten sie nach Aufhebung der internationalen Sanktionen nicht. Die Enttäuschung darüber ist auch ein Grund für die aktuellen Proteste.

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Die Erwartungen waren groß. Die Wirtschaftsdelegationen gaben sich bei Amir Alizadeh im vergangenen Jahr die Klinke in die Hand. Allein 40 von ihnen kamen 2016. Der Deutsche mit iranischen Wurzeln arbeitet seit fünf Jahren für die deutsche Auslandshandelskammer in der iranischen Hauptstadt Teheran. Die Euphorie sei vorbei, sagt Alizadeh. Nicht erst seit Ausbruch der gewaltsamen Demonstrationen vor wenigen Tagen.

20 Tote soll es bei Demonstrationen in mehreren Städten des Landes gegeben haben, zuletzt gingen auch ultrakonservative Gegen-Demonstranten auf die Straße. In den vergangenen Tagen sah es aus, als würde der Iran im Chaos versinken, als drohe gar das Ende des Revolutionsregimes, das das Land seit bald 40 Jahren eisern regiert.

Mittlerweile ist die Lage in der Hauptstadt wieder ruhig. Zudem, sagt Alizadeh, seien vor allem kleinere Städte Zentren des Protests gewesen. „In Teheran waren nur einige Straßenzüge davon betroffen.“

Auch Peter Heidinger, ein deutscher Unternehmensberater, der erst vor einigen Monaten sein Büro in der iranischen Hauptstadt eröffnet hat, gibt Entwarnung. „Momentan ist die Lage normal und ruhig“, sagt er. „Aber wir wissen natürlich nicht, wie sich die Situation entwickelt.“

Um die Gründe für die Proteste zu verstehen, muss man etwa zwei Jahre zurückgehen. Nach mühsamen Verhandlungen mit den USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien und Deutschland fielen die Sanktionen gegen den Iran, die seit 2009 das Land ökonomisch in die Isolation gezwungen hatten. Für den iranischen Reform-Präsidenten Hassan Rohani war das ein mühsam erkaufter Sieg. Er konnte sich nicht zuletzt gegen konservative Kräfte durchsetzen, weil er die junge Bevölkerung auf seiner Seite hatte.

Die Euphorie war zunächst auf beiden Seiten groß. Durch das Embargo hatte sich ein Investitionsstau ergeben, und dementsprechend groß war der Modernisierungsbedarf jetzt. Aus Europa kamen die Wirtschaftsdelegationen, die von den Iranern mit offenen Armen empfangen wurden. Viele Geschäftsbeziehungen hatten auch die Sanktionszeit überdauert.

Doch im darauffolgenden Jahr machte sich Ernüchterung breit. Viele deutsche Unternehmen machen mit dem Land zwar gute Geschäfte: Allein in den ersten sieben Monaten 2017 stiegen die deutschen Exporte um 23 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro.

Das Bruttoinlandsprodukt des Irans wuchs 2016 um über sechs Prozent, die Inflation ist mit knapp neun Prozent hoch, aber gebändigt, und im Gegensatz zu den arabischen Golfstaaten ist die iranische Wirtschaft diversifizierter: Im vergangenen Jahr kamen erstmals über die Hälfte der staatlichen Einnahmen nicht durch den Verkauf von Öl.

Kenner des Landes schwärmen von der Verlässlichkeit und der Ausbildung der Iraner. Jörg Amend, Leiter der Fördertechnik beim Umwelttechnikunternehmen Doppstadt, dessen Produkte vor allem im Bergbau eingesetzt werden, ist begeistert vom Iran, nachdem er vor kurzem durch das Land gereist ist. „Das Land ist doch viel differenzierter als sein Image“, sagt er. „Die Menschen sind offen und gastfreundlich und sehr deutschlandaffin.“ In einem nächsten Schritt will das Unternehmen gemeinsam mit einem Partner vor Ort ein Vertriebs- und Service-Netzwerk aufbauen.

Schwierigkeiten bei Investitionen

Eine Produktion im Iran aufzubauen, steht allerdings für den Mittelständler nicht zur Debatte. So gut wie kein deutsches Unternehmen möchte im Iran dauerhaft investieren oder gar ein Werk aufbauen - und selbst wer wollte, stünde vor großen Schwierigkeiten.

„Die Probleme haben sich durch die Proteste nicht geändert“, sagt Alizadeh von der AHK in Teheran. Das betrifft vor allem den Zahlungsverkehr. Mit dem Atomabkommen nämlich fielen nicht alle internationalen Sanktionen. Die amerikanischen Strafmaßnahmen, die gegen das Land wegen terroristischer Aktivitäten verhängt wurden, bleiben bestehen.

Das macht Investitionen schwer, denn das Land ist noch immer weitgehend vom internationalen Zahlungsverkehr abgeschnitten. Eine Bank, die Iran-Geschäfte finanziert, läuft Gefahr, dafür in den USA bestraft zu werden. So wagen sich nur wenige, kleine europäische Banken ohne US-Geschäft an solche Deals.

Dabei sind es gerade ausländische Direktinvestitionen, die die iranische Wirtschaft dringend bräuchte. Sie könnten nämlich das drückendste Problem des Landes, die hohe Jugendarbeitslosigkeit, beseitigen helfen. Sie liegt bei knapp 30 Prozent und sorgt für viel Unmut in einem Land, in dem 55 Prozent jünger als 30 Jahre alt sind. Gerade diese Generation hatte sich von Reformer Rohani und dem Atomdeal Besserung erhofft.

Die konservativen Hardliner, insbesondere die Revolutionsgarden, profitierten indirekt von der Isolation des Landes. Sie hielten die Hand überall dort auf, wo wichtige Güter in den Iran herein oder aus ihm heraus geschmuggelt wurden, und kontrollierten die vom internationalen Wettbewerb abgeschirmte Wirtschaft.

Ob die Proteste weitergehen werden, dürfte also nicht zuletzt davon abhängen, was in den USA geschehen wird. Im Dezember verweigerte der Kongress entgegen Trumps Empfehlung weitere Sanktionen gegen den Iran. Am 12. Januar wird Präsident Trump wieder eine Meldung an den Kongress machen - und höchst wahrscheinlich abermals neue Sanktionen fordern. Diese Unsicherheit wird bis auf weiteres bestehen bleiben. „Und sie genügt, um dem Wirtschaftsstandort Iran zu schaden“, sagt Alizadeh.

 

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