Proteste in Kairo Verwirrung um Zahl der Opfer

In Kairo sind nach Angaben der Muslimbrüder mehr als 70 Protestierende durch einen Angriff der Sicherheitskräfte getötet worden. Ein Sprecher der Muslimbrüder sagte, die Zahl der Opfer könne noch viel höher sein.

Mursi von Militär gestürzt und unter Arrest
Das Militär hatte Mursi am Montag 48 Stunden Zeit gegeben, sich mit der Opposition zu verständigen und die Staatskrise zu beenden. Tagelang hatten massive Proteste für und gegen Mursi das Land erschüttert. Millionen Menschen hatten bei Kundgebungen in den vergangenen Tagen seinen Rücktritt gefordert. Die Islamisten wollen hingegen eine Entmachtung nicht hinnehmen. Mursi selbst hatte bis zuletzt einen Rücktritt ausgeschlossen. Quelle: REUTERS
Der Präsident des Verfassungsgerichts, Adli Mansur, soll vorläufig die Geschicke des Landes lenken, sagte Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sisi am Mittwoch in einer Fernsehansprache. Er kündigte zudem neue Präsidentschaftswahlen und die Aufhebung der im Vorjahr beschlossenen, von den Islamisten ausgearbeiteten Verfassung an. „Die Armee will nicht an der Macht bleiben“, versicherte Al-Sisi. Quelle: AP
In Kairo wurde die Ankündigung mit Freudenkundgebungen begrüßt. Feuerwerksraketen stiegen in den Himmel, hupende Autokorsos kreuzten durch die Stadt. Quelle: AP
Doch die Muslimbrüder und Mursis Anhänger im ägyptischen Volk wollen sich nicht einfach geschlagen geben. Mursi selbst sprach von einem „Putsch“. „Die Ankündigung der Streitkräfte wird von allen freien Menschen zurückgewiesen, die für ein ziviles, demokratisches Ägypten gekämpft haben“, teilte er kurz nach seiner Absetzung über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Er rief die Ägypter auf, friedlich zu bleiben und Blutvergießen zu vermeiden. Quelle: AP
Trotzdem kommt es in den Straßen zu Krawallen und Blutvergießen. Bei Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern des entmachteten Präsidenten starben in der Nacht landesweit mindestens 14 Menschen. Allein in der nordägyptischen Stadt Marsa Matruh kamen Sicherheitskräften zufolge acht Menschen ums Leben. Tote gab es auch in der Hafenstadt Alexandria und im südägyptischen Minja. Quelle: AP
Bereits am Mittwoch war der Machtkampf zwischen Mohammed Mursi und der Armee immer stärker auf eine Eskalation zugesteuert. Der islamistische Präsident hatte in einer mitternächtlichen Fernsehansprache seinen Rücktritt strikt abgelehnt und verwies darauf, dass er als erster frei gewählter Präsident des Landes legitimer Inhaber des höchsten Staatsamtes sei. Quelle: REUTERS

Im ägyptischen Programm des TV-Senders Al Dschasira hieß es, 120 Menschen seien bei dem Vorfall am Rande einer 24-Stunden-Wache von Mursi-Anhängern nahe einer Moschee getötet und etwa 4500 weitere verletzt worden. Der Sprecher der Muslimbrüder sagte weiter, die Sicherheitskräfte hätten gezielt auf Anhänger des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi geschossen. "Sie schießen nicht, um zu verletzen, sie schießen, um zu töten", sagte der Sprecher. Von den ägyptischen Behörden lagen zunächst keine Angaben zum Hergang vor.
Nach Angaben der Mursi nahestehenden Muslimbrüderschaft wurden Demonstranten in Kopf und Brust geschossen. Zunächst habe die Polizei in der Nacht mehrfach Tränengas eingesetzt. Dann hätten Sicherheitskräfte aus nächster Nähe auf Menschen geschossen, sagte El-Haddad. Reporter vor Ort sagten, auch Stunden nach Beginn der heftigen Unruhen seien noch Schüsse zu hören gewesen.

Aber die Angaben über die Zahl der Todesopfer ist widersprüchlich: Die amtliche Nachrichtenagentur MENA meldete allerdings nur zehn Tote und etwa 500 Verletzte. Opfer gab es auch in anderen Landesteilen. Offizielle Angaben über die Zahl der Toten gab es zunächst nicht.

Bereits am Freitag war es zu erneuten Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern Mursis gekommen. Dabei hatte es neun Tote und 200 Verletzte gegeben. Die meisten Toten gab es in Alexandria, der zweitgrößten Stadt des Landes.

Am Freitag waren im ganzen Land Hunderttausende dem Aufruf von Armeechef Abdel Fattah al-Sissi zu Demonstrationen gegen die Islamisten gefolgt, die ihrerseits in großer Zahl auf die Straße gingen. Angeheizt wurden die Proteste von dem Haftbefehl gegen den Islamisten Mursi, dem die Staatsanwaltschaft Mord an Soldaten und Zusammenarbeit mit der radikal-islamischen Hamas vorwirft. Das Militär hatte Mursi Anfang Juli nach Massenprotesten gegen dessen Politik der Islamisierung abgesetzt.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%