WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Rainer Brüderle "Wir brauchen etwas europäischen Patriotismus"

Seite 2/2

Für Fortschritte auf dem Binnenmarkt fordert der französische Rechnungshof eine Harmonisierung der Steuern. Welche Vorbildfunktion könnte ein Voranschreiten Deutschlands und Frankreichs haben?

Brüderle: Wir brauchen mehr Vergleichbarkeit, also eine ähnliche Bemessungsgrundlage. Es nützt ja nichts, einen Steuersatz von 15 Prozent mit einem anderen von 30 Prozent zu vergleichen, wenn wir die Bemessungsgrundlage dieser Steuersätze nicht im Blick haben. Ich begrüße daher die Diskussion in Frankreich. Es ist gut, dass es zwischen Frankreich und Deutschland immer mehr Annäherung gibt, dass es also eine Konvergenz in der Wirtschaftspolitik gibt. Einheitliche Steuersätze von Hammerfest bis Palermo sind aber unrealistisch.

Meinen Sie, die Franzosen werden marktwirtschaftlicher, oder Deutschland setzt immer mehr auf Staatswirtschaft?

Brüderle: Frankreich hat seine Märkte zunehmend geöffnet und viele marktwirtschaftliche Strukturen geschaffen. Von dieser Öffnung haben beide Länder durchaus profitiert.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Manchmal haben die Franzosen genau das gleiche Gefühl, erst recht, seit Deutschland so schnell aus der Finanzkrise herausgekommen ist. Die Daten für Frankreich sind dagegen teilweise verheerend.

    Brüderle: Wir sind weit davon entfernt, uns wie Schulmeister aufzuführen. Frankreich setzt andere Schwerpunkte, zum Beispiel durch die große Bedeutung der Sicherheitspolitik. Ich kann nur für Deutschland sagen: Ein Mehr an Freiraum für den Markt, kombiniert mit einer konsequenten Sparpolitik, hat sich für uns erfolgreich ausgewirkt.

    Trotzdem hat man das Gefühl, dass es zwischen Sarkozy und Merkel gelegentlich rumpelt. Eine Liaison, die sich schnell küsst und schnell schlägt.

    Brüderle: Man kann sich gut verstehen und trotzdem gelegentlich unterschiedlicher Meinung sein. Das zeichnet unsere lebendige deutsch-französische Partnerschaft aus. Anders wäre es langweilig, oder?

    Trotzdem schien das Einvernehmen zwischen den jeweiligen Regierungschefs vor 20 oder 40 Jahren stärker.

    Brüderle: Das mag so erscheinen, liegt aber eher daran, dass dies früher auch ganz anders zelebriert worden ist. Da gehörten die Begegnungen noch nicht zur Regierungsroutine im Monatsrhythmus, sondern waren noch etwas Besonderes. Denken Sie beispielsweise an das Treffen von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle in Bad Kreuznach oder an Kanzler Helmut Kohl und Präsident François Mitterrand, als sie Hand in Hand in Verdun der Toten gedachten.

    Solches Pathos gibt es heute nicht mehr.

    Brüderle: Die jüngere Generation kennt das nicht mehr in dieser Ausprägung. Auch deshalb ist es unsere Aufgabe, dieses Pathos, wie Sie es nennen, ein wenig aufrechtzuerhalten. Wir brauchen auch in Zukunft etwas deutschen, französischen und europäischen Patriotismus. Eine vernünftige Staats- und Wirtschaftsstruktur braucht ein emotionales Band. Wer einmal verliebt war, weiß: Die Veranstaltungen des Lebens sind nicht nur rational.

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    Zur Startseite
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%