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Reise ins Perlflussdelta Hier entsteht die größte Metropole der Welt

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Einwohner zweiter Klasse

Für ein Praktikum bei TCL zog Nathan nach Guangzhou und lernte dort Lily kennen. Kurz darauf nahm er am TCL-Hauptsitz in Shenzhen einen Job an. Lily stammt aus der benachbarten Vier-Millionen-Stadt Huizhou. Die 24-Jährige spricht noch Kantonesisch, die Sprache der Alteingesessenen im Perlflussdelta. Heute ist sie damit inmitten der Zuwanderer in der Minderheit.

Deutsche sehen China als Bedrohung
Wirtschaftsmacht37 Prozent der befragten Deutschen assoziieren mit China vor allem eine starke Wirtschaftsmacht. Faszination und Angst polarisieren hierzulande die Bevölkerung im Bezug auf Chinas ökonomische Stärke. Das Land wird als Schlüsselrolle für die eigene und internationale Entwicklung gesehen und 57 Prozent der Befragten beurteilen die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen sogar als wichtiger als die zu den USA. Gleichzeitig geht mit dem Wirtschaftsboom Chinas aber auch die Angst einher, chinesische Unternehmen könnten deutsche Firmen von den internationalen Märkten verdrängen. 59 Prozent der Deutschen empfinden Chinas starke Wirtschaft daher als Bedrohung. Quelle: dpa/dpaweb
BevölkerungswachstumBabyboom und Bevölkerungswachstum, daran denken 20 Prozent der Deutschen, wenn sie das Stichwort China hören. Derzeit leben 1,35 Milliarden Menschen in China, die Bevölkerungsdichte beträgt 143 Einwohner pro Quadratkilometer. Doch die Bevölkerung wird noch weiter wachsen, um 0,6 Prozent pro Jahr. Für 2032 rechnen Statistiken mit 1,467 Milliarden Menschen in China, bei einer gleichbleibenden Fertilitätsrate von 1,7 Kindern pro Frau. Viele Deutsche sehen das auch als Bedrohung an. Quelle: REUTERS
Kommunismus15 Prozent fällt spontan der Kommunismus ein, wenn sie an China denken. Während China im ökonomischen Bereich erfolgreich in den internationalen Handel eingebettet wurde und sich für ausländische Investoren geöffnet hat, ist das Land politisch in den Augen der Deutschen weiterhin ein diktatorisches Ein-Parteien-System unter Führung der Kommunistischen Partei. Die ist mit etwa 78 Millionen Mitglieder nicht nur die größte kommunistische Partei der Welt, sondern auch die mitgliederstärkste Partei allgemein. Deutsche verbinden mit ihr ein vornehmlich negatives Bild. Quelle: REUTERS
Chinesische MauerMan kennt sie aus Reiseprospekten und gefühlt jedes zweite China-Restaurant ist nach ihr benannt. Nicht weiter verwunderlich also, dass 15 Prozent der Befragten mit China die Chinesische Mauer assoziieren. Sie gilt als Weltkulturerbe und erstreckt sich über 21.196 Kilometer. Früher sollte die Mauer vor allem zum Schutz vor Völkern aus dem Norden dienen, heute ist sie eine der meistbesuchten Touristenattraktionen Chinas und lockt Reisende aus aller Welt an. 36 Prozent der Befragten haben daher sehr großes oder großes Interesse an China als Reiseland. Quelle: dpa
Chinesisches EssenPeking-Ente, Reis süß-sauer - und das alles mit Stäbchen: 14 Prozent der befragten Deutschen denken beim Stichwort China an chinesisches Essen. Was Viele aber nicht wissen: Chinesisches Essen ist nicht gleich chinesisches Essen. Die meisten der 23 Provinzen Chinas haben ihre eigene Regionalküche. Zu den populärsten gehört die würzige Küche aus Sichuan, die gerne Sojasauce, Ingwer und Frühlingszwiebeln verwendet, die scharfe Xiang-Küche aus Hunan und die kantonesische Yue-Küche, die vor allem durch die Verwendung ungewöhnlicher Zutaten wie Hundefleisch bekannt geworden ist. Übrigens: Die Peking-Ente ist das berühmteste Gericht der chinesischen Küche. Quelle: REUTERS
MenschenrechtsmissachtungEbenfalls 14 Prozent fallen zu China Menschenrechtsverletzungen ein. Auf die Frage, wo sie das Land gegenwärtig und in 15 Jahren beim Schutz der Menschenrechte sehen, ordneten 60 Prozent der Befragten die Volksrepublik in die Schlussgruppe ein, nur 1 Prozent sieht China als Spitzengruppe in Bezug auf Menschenrechte. Auch das Bild Chinas als ein Rechtsstaat stößt auf wenig Zustimmung bei den Deutschen. 49 Prozent stimmten der Aussagen gar nicht zur, nur 1 Prozent sieht China als Rechtsstaat an. 80 Prozent der befragten Bevölkerung geht außerdem davon aus, dass in China kaum oder keine Debatten über politische Themen geführt werden. Quelle: dpa
Diebstahl von Ideen12 Prozent denken, China spioniere deutsche Unternehmen aus und verkaufe die Ideen aus dem Westen als eigene. Nachgebaute Ware aus China, oft zum Spottpreis, macht deutschen Unternehmen das Leben schwer. Auch das Markenimage chinesischer Produkte ist bei den befragten Deutschen schlecht. So assoziieren viele Konsumenten in Deutschland chinesische Produkte mit einfache, technisch wenig anspruchsvolle Billigware. Quelle: dpa

Inzwischen schuften die Wanderarbeiter längst nicht mehr nur auf dem Bau oder wie menschliche Roboter an Fließbändern. Viele arbeiten heute als Kellner, Taxifahrer oder Händler. Sie wohnen nicht mehr in Fabrikkasernen, sondern mieten Wohnungen. Die Quartiere sind oft eng, manche alt, aber keine Slums. Wer es sich leisten kann, der zieht in einen Neubau.

Stadtbürger wird er dabei nicht. Denn das sozialistische Meldesystem teilt die Menschen in Stadt- und Landbewohner. Wer in der Provinz geboren ist, kann Jahrzehnte in einer Fabrik in Dongguan arbeiten, er bleibt offiziell Bürger seines Dorfes. Die Regelung half, den Zustrom der Menschen zu steuern und Elendsviertel zu verhindern. Als in der Wirtschaftskrise 2008 viele Fabriken schlossen, mussten Millionen Arbeiter in ihre Dörfer zurückkehren.

Heute ist gut die Hälfte der Bewohner der Region Einwohner zweiter Klasse. Wer kein Stadtbürger ist, hat kein Recht auf lokale Sozialleistungen, muss etwa Schulgebühren selbst zahlen. Das zu ändern würde nicht nur die kommunalen Finanzen überlasten. Viele Einheimische wollen ihre Privilegien nicht teilen. „Es gibt Konflikte zwischen Einheimischen und Zugezogenen“, sagt Experte Breitung, „aber sie spielen sich meist unter der Oberfläche ab.“

Nathan kommt in Shenzhen an. Der Bahnhof ist hochmodern, wie fast alles hier. Nathan geht zur U-Bahn, öffnet das Drehkreuz mit seiner elektronischen Fahrkarte und wartet. Auf Flachdisplays läuft Werbung für Instant-Nudeln und Gesichtscreme. Die Türen öffnen sich automatisch, hektisch drängen Leute heraus und herein. Ein paar Stationen, und er ist zu Hause.

Shenzhen ist als modernste Stadt des Deltas so etwas wie der Prototyp für die Urbanisierung der Region. Nur 20.000 Einwohner hatte das Fischerdorf an der Grenze zu Hongkong 1980. Heute leben hier elf Millionen Menschen.

Zumindest optisch ist das Projekt größtenteils geglückt. Palmenalleen verleihen der Retortenstadt den Charme eines chinesischen Miamis. Wohnanlagen aus 40-stöckigen Gebäuden heißen „King’s Ville“ oder „Chevalier“. An den Eingängen stehen romantisierende Pferdestatuen. Restaurants servieren vermeintlich italienische Gerichte – und reichen dazu Essstäbchen. In Shekou, dem Hafenviertel, reihen sich Boutiquen und Cafés im Schatten großer Banyan-Bäume aneinander.

Güterverkehr unter der Erde

Doreen Liu schätzt die Errungenschaften der neuen Infrastruktur. Die in den Sechzigern in Guangzhou geborene Architektin hat in den USA studiert und lebt heute in Shenzhen und in Hongkong. In ihrer Kindheit dauerte die Fahrt mit dem Schiff von Guangzhou nach Zhongshan Stunden, erinnert sie sich. Ihr Büro Node Design liegt an einer kleinen Straße, die sich einen Hügel hinaufwindet. Rechts wachsen Banyan-Bäume, der Hibiskus blüht leuchtend rosa und rot.

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