Reisekrise Wie die Coronakrise Chinas riesiger Tourismusbranche zusetzt

Während der Tourismus zwischen den chinesischen Provinzen Anfang April um 95 Prozent eingebrochen ist, setzen viele Orte auf heimische Besucher. Quelle: imago images

Chinas steigende Coronazahlen treffen die Reisebranche des Landes. Das Wirtschaftswachstum wird dadurch spürbar gebremst. Die Zahl der Inlandsflüge ist auf einem Rekordtief.

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Die Corona-Welle in China setzt nicht nur Industrie und Einzelhandel unter Druck, sondern auch die riesige Tourismusbranche. Wie stark sie unter Lockdowns und Reisebeschränkungen leidet, zeigt ein Blick in die südliche Inselprovinz Hainan, die wegen ihres ganzjährig milden Wetters auch als Chinas Hawaii bezeichnet wird: Die Zahl der Touristenreisen nach Sanya an der Südspitze der Insel brach während der Ferien zum chinesischen Totengedenkfest (Qingming) Anfang April um 99,4 Prozent ein, wie offizielle Statistiken zeigen. Die Bettenauslastung der dortigen Hotels lag bei durchschnittlich 12,6 Prozent.

Auch wenn die chinesische Tourismusbranche nicht so sehr im Fokus steht wie etwa die Industrie, so ist sie doch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor: 2019 trug sie immerhin 11,05 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der nach den USA zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt bei. Fast 80 Millionen Männer und Frauen arbeiten in diesem Bereich, jeder zehnte Arbeitsplatz entfällt damit auf den Tourismus.

Kein Wunder also, dass die Warnungen vor schweren ökonomischen Folgen durch die Krise dieser Branche zunehmen. „Wenn die Reisen zwischen den Provinzen während des Drachenbootfestes im Juni verboten werden, werden der diesjährige Tourismus und der damit verbundene Konsum im Chaos versinken“, sagt Tian Yun, ein ehemaliger Ökonom der staatlichen Wirtschaftsplanungsbehörde. Das BIP-Wachstum könnte dann in diesem Jahr um mindestens 0,5 Prozentpunkte geschmälert werden. Das wäre mindestens ein Zehntel des von der Regierung ausgegebenen Wachstumsziels von etwa 5,5 Prozent.

Die vom Tourismus abhängigen Provinzen sind alarmiert. Sie versuchen, mit gesenkten Eintrittspreisen bei Touristenattraktionen und Steuererleichterungen gegenzusteuern. Der Abschwung hat sich in den vergangenen Monaten mit der Ausbreitung der hochansteckenden Omikron-Variante des Coronavirus verschärft. So steckt etwa die Wirtschaftsmetropole Shanghai – mit 26 Millionen Einwohnern die größte Stadt des Landes – seit mehr als drei Wochen in einem Lockdown.

Billige Tickets – weniger Einnahmen

Drastische Kürzungen bei Passagierflügen und plötzliche Stornierungen schrecken viele Reisende ab. Nach Angaben des Luftfahrtdatenanbieters VariFlight liegt die Zahl der wöchentlichen Inlandsflüge aktuell bei knapp über 35.000 und damit auf dem niedrigsten Stand seit dem Jahr 2000. In Hohhot, der Hauptstadt der nordchinesischen Region Innere Mongolei, die für ihr grünes Grasland bekannt ist, ging die Zahl der Touristenreisen während der freien Tagen zum Totengedenkfest um die Hälfte zurück. Die Einnahmen aus dem Tourismus brachen um 53,5 Prozent ein.

Selbst in größeren Provinzen wie Yunnan, in der noch 2019 rund 90 Prozent des Dienstleistungssektors auf den Tourismus entfielen, griffen die Behörden zu Hilfsmaßnahmen wie Steuersenkungen, um Reiseunternehmen zu unterstützen. Um einheimische Besucher anzulocken, hat die malerische Stadt Dali, ein beliebtes Reiseziel in Yunnan, Ende voriger Woche mit der Ausgabe von zehn Millionen Konsumgutscheinen begonnen. Auch die Preise für Eintrittskarten für Sehenswürdigkeiten wurden gesenkt.

Während der Tourismus zwischen den Provinzen Anfang April um 95 Prozent eingebrochen ist, setzen viele Orte auf heimische Besucher. Ningxia, eine ärmere und vom Tourismus abhängige autonome Region im Nordwesten Chinas, verzeichnete sogar 21,1 Prozent mehr Besucher. Sie hat ihre 7,2 Millionen Einwohner mit Eintrittskarten für mehr als 60 Tourismusorte für 199 Yuan (knapp 30 Euro) umworben – ein enormer Preisnachlass, werden doch sonst fast 3000 Yuan verlangt. Trotz der höheren Besucherzahlen während der drei freien Tage zum Totengedenkfest sanken die Einnahmen deshalb 16,3 Prozent. „Die Einheimischen haben ihre eigenen Autos und können selbst zu den Sehenswürdigkeiten fahren“, sagt Gu Xuebo, ein Fahrer und Fremdenführer aus Ningxia. „Und es gibt keine Nachfrage nach Unterkünften und Verpflegung seitens der Einheimischen.“

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Gus 14-sitziger Minivan verstaubt seit August 2021 in der Garage. Ein paar Monate später wurde seinem Reisebüro verboten, Touristen aus anderen Provinzen zu bedienen. In diesem Jahr hatte Gu nur zwei Kunden. „Mehrere Fahrer, die sechs, sieben Jahre lang für mich gearbeitet hatten, haben alle einen anderen Job angenommen“, sagt Gu.

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