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Rekordumsatz Ratingagenturen schlagen Profit aus der Schuldenkrise

Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch haben die Einbrüche in ihrem Geschäft seit den Anfängen der Finanzkrise wettgemacht. Moody’s rechnet gar mit einem Rekordumsatz in 2012. Ein Grund: Die Ratingagenturen profitieren von der Schuldenkrise.

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Warren Buffett kann den Champagner schon einmal kalt stellen. Der Multimilliardär und Vorsitzende der Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway ist über seine Holding Großaktionär bei der US-Ratingagentur Moody’s (Moody’s Corporation) – und die wächst kräftig. Die Nummer Zwei der drei großen amerikanischen Ratingagenturen – Moody’s, Branchenprimus Standard & Poor’s und Fitch beherrschen 95 Prozent des Marktes – erhöhte in der vergangenen Woche sein Jahresziel für das Umsatzwachstum auf zwölf bis 13 Prozent. Bisher wurde ein Umsatzplus im "niedrigen zweistelligen Bereich" angestrebt. Der Umsatz soll bis Jahresende auf bis zu 2,58 Milliarden US-Dollar steigen.

Im Gesamtjahr soll die operative Marge voraussichtlich etwa 39 Prozent betragen. Davon sollen auch die Aktionäre profitieren. Der Gewinn je Aktie wird um gut zehn Cent auf 2,70 bis 2,80 US-Dollar taxiert. Die Buffett-Holding Berkshire Hathaway hält 28,41 Millionen Aktien.

Ratingagenturen ABC

Während die Krisenländer der Eurozone vor den Bewertungen der Agenturen zittern und unter hohen Zinsen leiden, steigen die Umsätze der Ratingagenturen auf Vor-Krisenniveau. Die Gründe dafür sind vielfältig und haben doch einen gemeinsamen Nenner: die Schuldenkrise. Die Bonitätswächter profitieren von der Euro-Krise, mal direkt, mal indirekt.

"Die Gewinne der Ratingagenturen steigen und fallen mit den Umsätzen auf den Finanzmärkten. Da die Schuldenkrise nun alles überlagert, sind die Pläne, die Finanzmärkte zu stutzen, weitgehend auf der Strecke geblieben", sagt Manfred Gärtner, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Die Folge: An den Finanzmärkten werden weiter aberwitzige Beträge bewegt. Ein Ideal-Zustand für Ratingagenturen.

Die Macht der Ratingagenturen

Unternehmensanleihen boomen

Doch Standard & Poor's, Moody's und Fitch profitieren noch auf ganz andere Weise von der Schuldenkrise und ihren Auswirkungen. Ein einfaches Beispiel: Aufgrund der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank befinden sich die Zinsen im Sinkflug. Unternehmen weichen aus und geben immer mehr eigene Anleihen heraus. Diese werden von den Ratingagenturen benotet, um am Markt Käufer zu finden. Während die Zahl der neu bewerteten Unternehmensanleihen 2008 und 2009, also vor Ausbruch der Schuldenkrise und dem ersten Rettungspaket für Griechenland, bei rund 300 lag, stieg die Zahl bis 2011 auf rund 650.

Neun von zehn Ratings von Unternehmensanleihen stammen laut einem Bericht der amerikanischen Börsenaufsicht SEC von Standard & Poor’s, Moody’s oder Fitch.

Geschäftspartner Europäische Union

S&P droht Italien, Irland wird hochgestuft
Für Frankreich zeigt sich S&P etwas zuversichtlicher, obwohl sich am Rating („AA“) und dem stabilen Ausblick nichts änderte. Die Regierung habe Maßnahmen zur Reduzierung der Arbeitskosten und Unternehmensbesteuerung ergriffen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu verbessern, schreibt S&P. Zudem deuteten staatliche Ausgabenkürzungen darauf hin, dass die zweitgrößte Euro-Volkswirtschaft ihr Haushaltsdefizit schrittweise reduzieren werde. Die Staatsverschuldung bleibe aber hoch und werde bis 2017 noch wachsen. Rating (S&P): AAAusblick: stabil Quelle: dpa
Zypern wurde von der Wirtschaftskrise enorm mitgenommen, gerade der aufgeblähte Bankensektor des Inselstaats machte ihm in der Dynamik der Krise schwer zu schaffen. Die Bewertung des Krisenlands wurde von S&P nun um eine Stufe auf „B“ erhöht, Fitch hob den Ausblick für das Rating („B-“) auf positiv an. Bei beiden Agenturen liegt die Kreditnote klar im sogenannten Ramschbereich, der spekulative Anlagen kennzeichnen soll. Die positiven Ausblicke lassen aber Aufstufungen erwarten - vorausgesetzt, das Land erfüllt weiterhin die Auflagen der internationalen Geldgeber, die Zypern seit dem vergangenem Jahr finanziell stützen. Rating (S&P): BAusblick: positiv Quelle: AP/dpa
Standard & Poor's (S&P) hat das lang- und kurzfristige Fremdwährungsrating für die Ukraine gesenkt. Die Bewertung sei von „B-/B“ mit einem negativen Ausblick herabgestuft worden, teilten die US-Bonitätswächter mit. Hintergrund sei die derzeitige politische Instabilität in dem Land. Seit Wochen demonstrieren Regierungsgegner gegen die Regierung. Präsident Viktor Janukowitsch steht unter anderem wegen eines harten Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten in der Kritik. Auslöser war die kurzfristige Ablehnung eines über Jahre hinweg vorbereiteten Abkommens zwischen der Ukraine und der Europäischen Union. Janukowitsch will das Land stattdessen enger an Russland binden. Rating (S&P): „CCC+/C“Ausblick: negativ Quelle: AP
Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hat Irland gute Bonitätsnoten in Aussicht gestellt. Der Ausblick für das Rating bleibt positiv. S&P begründete die positive Haltung mit verbesserten Wachstumsaussichten des Landes. Im Durchschnitt der Jahre 2014 bis 2016 erwartet die Agentur ein Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent. Bisher war sie nur von 2,0 Prozent ausgegangen. S&P lobt die Reform- und Sparpolitik des Landes. Die Agentur erwartet eine weiterhin starke Auslandsnachfage und eine anhaltende Erholung der Binnenwirtschaft. Die hohen Investitionen aus dem Ausland stützten die Binnenwirtschaft. Gefahren sieht S&P vor allem noch im Bankensektor. Rating (S&P): A+Ausblick: positiv Quelle: dpa
Portugal droht erst einmal keine weitere Abstufung durch die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P). Die Bonitätsnote des Landes stehe nicht mehr unter verschärfter Beobachtung, teilte S&P mit. Portugal dürfte trotz einiger politischer Probleme 2013 das Ziel einer Neuverschuldung von 5,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) erreicht haben, schreiben die Experten. In diesem Jahr will Portugal dann die neuen Schulden auf vier Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung senken. Dies halten die S&P-Experten für möglich. Derzeit bewertet Standard & Poor's Portugal mit der Note „BB“. Das ist die zweite Stufe des sogenannten Ramsch-Niveaus, das spekulative Anlagen kennzeichnen soll. Der grundsätzliche Ausblick bleibe negativ. Rating (S&P): BBAusblick: negativ Quelle: dpa
Alenka Bratušek, seit Anfang 2013 Ministerpräsidentin von Slowenien, muss sich nach wie vor mit einer Bankenkrise und den hohen Schulden ihres Landes befassen. Ein Hilfsprogramm ist nach Einschätzung der EU-Kommission aber nicht von Nöten, solange das Bankensystem reformiert und das Reformtempo hoch gehalten wird. Im Rating von Standard & Poor's schneidet der osteuropäische Staat von den kriselnden noch mit am besten ab. Die Agentur bleibt bei ihrer Einschätzung, dass Sloweniens Kreditwürdigkeit auch künftig stabil bleiben wird. Rating (S&P): A+Ausblick: stabil Quelle: AP
Als Malta 2008 den Euro einführte, war das Land eines der kreditwürdigsten unter den neuen Mitgliedsstaaten. Auch heute gibt es für die Insel noch immer relativ gute Noten. Ratings: BBB+ Ausblick: stabil Quelle: REUTERS

 

Auch die Europäischen Union (EU) zählt offenbar zu den Geschäftspartnern der großen drei Ratingagenturen. Anfang September stufte Moody’s den Ausblick für die EU als Ganzes herunter. Das Triple-A-Rating werde überprüft, kündigten die Bonitätswächter an. Eine Abstufung drohe.

Finanzierung mit Anleihen

Als Grund führten die US-Amerikaner an, dass die Bestnoten der wichtigen Beitragszahler Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden ebenfalls mit einem negativen Ausblick versehen seien. Zusammen stünden diese Länder für rund 45 Prozent des Budgets der EU.

So weit, so klar. Doch die offizielle Begründung der Ratingagentur zeigte noch weitere spannende Details: Demnach finanzieren sich Organe der EU – die Europäische Investitionsbank, die Europäische Atomgemeinschaft und möglicherweise auch die EU-Kommission – zunehmend mit Anleihen. Diese Papiere müssen von den Ratingagenturen bewertet werden, damit institutionelle Anleger sie zeichnen oder bei der EZB als Sicherheit hinterlegen können.

Moody'sFitchS&P Ratingagentur - Deutsch
Aaa

AAA

AAA

Bestnote: höchste Bonität

Aa1

AA+

AA+

Sichere Anlage,

leichtes Ausfallrisiko

Aa2

AA

AA

Aa3

AA-

AA-

A1

A+

A+

sichere Anlage, falls Branche

oder Weltwirtschaft nicht

beeinträchtigt werden

A2

A

A

A3

A-

A-

Baa1

BBB+

BBB+

durchschnittliche Anlage, gehts mit der Gesamtwirtschaft bergab,

dann gibts auch mit dem Unternehmen Probleme

Baa2

BBB

BBB

Baa3

BBB-

BBB-

B1

B+

B+

Spekulative Anlage. Ausfälle sind wahrscheinlich,

bei einer Verschlechterung der Lage

B2

B

B

B3

B-

B+

Caa1

CCC+

CCC

hohe Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls beziehungsweise

bereits in Zahlungsverzug

Caa2

CCC

Caa3

CCC-

Ca

CC

C

C

C

DDD

Zahlungsausfall

DD

D

Darüber hinaus profitieren die Ratingagenturen vom so genannten „RES“-Geschäft. Hierbei können Kunden bei Fusions- oder Übernahmepläne die Bonitätswächter nach den Auswirkungen von Zusammenschlüssen befragen. Gegen Bares versteht sich. Da sich die Gebühren in der Regel an der Bilanzsummer der Emittenten orientieren und sich diese Bemessungsgrundlage durch die niedrigen Zinsen im Euro-Raum bilanztechnisch verbreitert hat, profitieren S&P, Moody’s und Fitch ein weiteres Mal von der Schuldenkrise und ihren Auswirkungen.

„Mit der Bewertung von Staaten machen die Agenturen keinen Gewinn. Für die großen Drei ist der Übernahmemarkt attraktiv, da können sie massiv Gebühren einstreichen. Gleiches gilt für den Derivatemarkt“, erklärt Gärtner.

Zwei Stunden für ein Rating

Die Herren über den Euro
Mario Draghi ist seit 1. November Präsident der EZB. Zuvor war er Gouverneur der Banca d'Italia (2006-2011) und Vizepräsident von Goldman Sachs in London (2004-2005). Quelle: rtr
Vizepräsident der EZB ist der Portugiese Vítor Constâncio. Als er Anfang 2010 auf seinen Posten gewählt wurde, unterstützte auch die Bundesregierung seine Kandidatur. Ihr Kalkül: Durch die Wahl eines Südeuropäers auf den Vize-Posten sollten die Chancen vom damaligen Bundesbank-Chef Axel Weber auf die EZB-Präsidentschaft steigen. Daraus wurde bekanntlich nichts, weil Weber im Rat isoliert war und zurücktrat. Constâncio gilt als Befürworter des Ankaufs von Staatsanleihen der Krisenländer. Quelle: rtr
Jörg Asmussen ist im EZB-Direktorium verantwortlich für  Internationales. Der frühere Staatssekretär wechselte direkt aus dem deutschen Finanzministerium in die EZB. Eigentlich wollte Bundeskanzlerin Merkel ihn als Chefvolkswirt durchsetzen... Quelle: rtr
... doch seine Kandidatur scheiterte. Da sich EZB-Chef Draghi nicht zwischen ihm und dem Franzosen Benoit Coeure entscheiden wollte, berief er stattdessen den Belgier  Peter Praet als neuen  Chefvolkswirt. Dieser gilt als solider Fachmann - und als großer Befürworter von Anleihekäufen. Quelle: dpa
Der Franzose  Benoit Coeure bekam die  Leitung der Abteilung Märkte. Damit hat er auch eine wichtige Rolle bei der Koordination der umstrittenen Staatsanleihenkäufe der EZB. Quelle: rtr
Neben dem EZB-Direktorium ist der  EZB-Rat das formale Beschlussorgan der Euro-Notenbank. Der EZB-Rat besteht aus den sechs Mitgliedern des Direktoriums sowie den 17 Chefs der nationalen Notenbanken der Eurozone. Obwohl im Direktorium geldpolitische Entscheidungen vorbereitet werden, trifft der EZB-Rat formal die Beschlüsse und legt die Geldpolitik im Euro-Raum fest. Der Rat tritt in der Regel zweimal monatlich zusammen. Seine  Mitglieder sind... Quelle: dpa
Luc CoeneGouverneur der  belgischen Zentralbank. Im Amt seit 1. April 2011. Coene gilt als fachlich gut und stabilitätsorientiert. Quelle: rtr

Die börsennotierten US-Unternehmen punkten derzeit nicht nur beim Umsatz, sondern sind auch Meister der Profitabilität. Sowohl bei Standard & Poor’s als auch bei Moody’s hat sich die operative Marge bei ziemlich genau 40 Prozent des Umsatzes eingependelt, wie ein Blick in die Bücher der Ratingagenturen zeigt.

Ein Grund: Die Agenturen erstellen mit relativ wenig Personal zahlreiche Bewertungen. Standard & Poor’s erstellt Jahr für Jahr rund 1,2 Millionen Ratings. Moody’s kratzt an der Millionenmarke, Fitch liegt bei rund 500.000 Ratings pro Jahr.

Fragen und Antworten zur Kreditwürdigkeit

Verglichen damit ist die Zahl der Analytiker erschreckend gering. Rund 1.350 Angestellte bei S&P erstellen Ratings. Pro Mitarbeiter sind das 855 Bewertungen pro Jahr. Geht man von normalen Arbeitszeiten und Urlaubsansprüchen aus, hat ein Analytiker rund zwei Stunden pro Jahr für ein Rating Zeit. Bei Moody’s und Fitch sieht das nicht anders aus.

Subjektive Eindrücke beeinflussen Ratings

Manfred Gärtner hat zusammen mit Björn Griesbach und Florian Jung in einer Studie und einem Fachaufsatz die Staatenratings der Bonitätswächter untersucht. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass sich ein Rating aus einer objektiven, ökonomisch nachvollziehbaren Komponente und einer nicht erklärbaren, subjektiven Komponente zusammensetzt. Diese subjektive Komponente kann durch eine ungewollte Fehleinschätzung entstehen, könnte aber auch Ratingmissbrauch signalisieren.

Spätestens, wenn ein Land durch eine fehlerhafte Herabstufung seinen A-Status verliert und nur noch als durchschnittlich gute Anleihe eingeschätzt wird, beginnen sich abwechselnde Zinserhöhungen und Herabstufungen zu jagen – auch wenn sich an der wirtschaftlichen Situation des Staates nichts oder nur wenig geändert hat. Eigentlich schuldlose Staaten können so in einen Teufelskreis ständig steigender Staatsschulden geraten, bilanzieren die Autoren.

Suche nach Alternativen

Die deutsche Justiz und der Euro
Klage gegen den Euro ISchon im Gründungsvertrag der Europäischen Union, der am 7. Februar 1992 in Maastricht unterzeichnet wurde, war klar: Wichtige Währungsfragen sollen künftig gemeinsam entschieden werden. Die Wirtschafts- und Währungsunion war beschlossen, der Grundstein für den Euro gelegt. Der deutsche Bundestag ratifizierte den EU-Vertrag im Dezember 1992. Kurz darauf wurde zudem die „Entwicklung der Europäischen Union“ in der Verfassung festgeschrieben. Gegen diese Kompetenzverlagerung klagten zahlreiche Deutsche vor dem Bundesverfassungsgericht - vom Grünen Hans-Christian Ströbele bis zum nationalliberalen Manfred Brunner (später Vorsitzender der Kleinpartei „Bund Freier Buerger - Die Freiheitlichen“; das Bild zeigt ihn bei einer Demonstration für eine Volksabstimmung über die Einführung des Euros). Quelle: dapd
Manfred Brunner beauftragte den Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider mit der Verfassungsbeschwerde gegen den EU-Vertrag. Das Hauptargument: Die Beschlüsse von Maastricht seien mit dem Demokratieprinzip unvereinbar. Im Oktober 1993 wies das Bundesverfassungsgericht die Beschwerde zurück, die Sorge um das Demokratieprinzip sei unbegründet. In der Begründung des „Maastricht-Urteils“ wurde der Begriff Staatenverbund für die EU geprägt - mehr als ein reiner Staatenbund aber auch kein Bundesstaat. Alle anderen Bestandteile der Beschwerde - etwa, dass die EU keine Grundrechte garantieren könne - wiesen die Karlsruher Richter als unbegründet zurück. Schachtschneider aber gab noch lange nicht auf... Quelle: dpa
Klage gegen den Euro IIKarl Albrecht Schachtschneider (ganz links) legte Anfang 1998 gemeinsam mit den Ökonomen Wilhelm Nölling, Wilhelm Hankel und Joachim Starbatty (von links) eine weitere Verfassungsbeschwerde gegen den Beschluss zur Einführung des Euro ein. Nach Ansicht der vier Kläger war die Stabilität der europäischen Gemeinschaftswährung nicht gewährleistet. Die Beschwerde war jedoch erfolglos. Quelle: dpa
Das Lissabon-UrteilDer Vertrag von Lissabon wurde zwar im Dezember 2007 unterzeichnet und im Mai 2008 durch die deutschen Parlamente ratifiziert. Der CSU-Politiker Gauweiler klagte jedoch weiter. Karl Albrecht Schachtschneider reichte die Klage gegen den Vertrag von Lissabon und seine Umsetzung in deutsches Recht ein, nach einer Meinungsverschiedenheit mit dem Auftraggeber Gauweiler vertrat dann der Freiburger Staatsrechtler Dietrich Murswiek die Klage vor dem Bundesverfassungsgericht. Weitere Bundestagsabgeordnete, die Partei Die Linke und die Ökologisch-Demokratische Partei (ödp) legten ebenfalls Beschwerden ein. Ende Juni 2009 schließlich urteilte das höchste deutsche Gericht: Während der Vertrag von Lissabon selbst den Vorgaben des Grundgesetzes entspreche, müsse beim deutschen Begleitgesetz zur Umsetzung des Vertrags nachgebessert werden, so die Richter. Der Vertrag räume Bundestag und Bundesrat zu wenige Rechte ein. Quelle: dpa
Experten fordern mehr Macht für den Europäischen GerichtshofMit den Aufgaben wachsen auch die Bürogebäude: Der europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg musste bereits kräftig anbauen, da immer mehr Entscheidungen in der letzten Instanz dort getroffen werden. Befürworter dieser Kompetenzverlagerung meldeten sich nach dem Lissabon-Urteil in einer Denkschrift - unterzeichnet von 30 Hochschullehrern und Richtern - zu Wort: Das Bundsverfassungsgericht solle verpflichtet werden, europarechtliche Verfahren zuerst dem EuGH vorzulegen, forderten sie. Sonst steuere das deutsche Verfassungsgericht „auf einen Justizkonflikt mit dem EuGH zu“. Quelle: dpa
Klage gegen den Euro-Rettungsschirm IGemeinsam hatten die vier schon Ende der 90er-Jahre gegen die Euro-Einführung geklagt, im Mai 2010 reichten sie, unterstützt vom ehemaligen Thyssen-Chef Dieter Pethmann, Verfassungsbeschwerde gegen das Währungsunion-Finanzstabilitätsgesetz zur Bekämpfung der griechischen Schuldenkrise ein: Wilhelm Hankel, Karl Albrecht Schachtschneider, Wilhelm Nölling und Joachim Starbatty (von links). Hauptargument der Kläger ist die „No-Bailout-Klausel“ im Vertrag über die Arbeitsweise der europäischen Union. Ihren Eilantrag auf einstweilige Anordnung lehnten die Karlsruher Richter ab, die Beschwerde selbst wurde erstmals am 5 Juli verhandelt. Ebenfalls zur Verhandlung zugelassen wurde die Beschwerde eines alten Bekannten... Quelle: dapd
Klage gegen den Euro-Rettungsschirm IIAuch Peter Gauweiler legte Beschwerde gegen Euro-Rettungsschirm und Griechenland-Hilfen ein. Der CSU-Politiker, hier bei der mündlichen Verhandlung des Bundesverfassungsgerichts am 5. Juli, führt vor allem die Nichtbeistands-Klausel des EU-Vertrags ins Feld. Die lege klar fest, dass kein Land für die Schulden des anderen einstehen muss. Im Falle Griechenland empfiehlt Gauweiler eine Staatsinsolvenz. Andernfalls würde man weiterhin „25 oder 30 weltweit tätige Investmentbanken und ihre wahnwitzigen Geschäfte“ stützen. Auch die demokratischen Spielregeln sieht Gauweiler durch die Beschlüsse zum Euro-Rettungsschirm verletzt. Er und die Gruppe um Schachtschneider sind bei weitem nicht die einzigen, die sich an das höchste deutsche Gericht gewandt haben: Dort sind über 50 Beschwerden in Sachen Euro-Rettung eingegangen. Zur Verhandlung zugelassen wurden aber nur zwei, die stellvertretend für die anderen stehen sollen. Gegen diese selektive Zulassung wiederum wird nun vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geklagt. Quelle: dpa

Obwohl subjektive Eindrücke ein Rating also beeinflussen, sind die Bewertungen von Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch erstaunlich oft deckungsgleich. "Es gibt da mehrere Erklärungsansätze. Vielleicht haben wir bei der Studie etwas übersehen – oder die Analytiker haben eine gleiche Agenda und schauen voneinander ab. Nach dem Scheitern der Ratingagenturen vor der Finanzkrise (hoch riskante Anlagen wurden als harmlos und investitionswürdig eingestuft) will sich keiner mehr vorwerfen lassen, zu langsam zu handeln", so Gärtner.

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Klagerecht für die Staaten

Eindämmen ließe sich die Geschäftspraktik – so der Volkswirt – nur, wenn Ratingagenturen verstärkt zur Verantwortung gezogen würden. Erstrebenswert sei ein Klagerecht der falsch beurteilten Staaten wegen Geschäfts- und Rufschädigung, sagt Gärtner. Der Streitwert müsste sich an den zusätzlichen Zinskosten orientieren, die ein betroffenes Land durch eine Herabstufung habe.

Von den Plänen einer europäischen Ratingagentur hält Gärtner wenig. "Es wäre zwar kein Schritt in die falsche Richtung. Aber es wird das Grundproblem nicht lösen." Wenn sich die europäische Ratingagentur auch aus der Privatwirtschaft finanzieren und Teil der Finanzindustrie sein würde, bestünden weiterhin höchst problematische Interessenkonflikte

Die großen drei Ratingagenturen

Nichtsdestotrotz nimmt die Gründung einer Ratingagentur mit Sitz in Frankfurt, Paris und London Gestalt an. Bis Jahresende soll von privaten Investoren ein Kapital von rund 100 Millionen Euro für den Betrieb eingesammelt werden, kündigte Burkhard Schwenker, Aufsichtsratsvorsitzender der Unternehmensberatung Roland Berger, Mitte August im Interview mit der WirtschaftsWoche an: "Das Konzept ist umsetzungsreif." Die Initiative sei aber von der Beratungsfirma gelöst worden, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Die Gründung wird von Ex-Berger-Partner Markus Krall vorangetrieben, der sich um das Einsammeln des Gründungskapitals kümmert: "Ich bin zuversichtlich, dass Agenturchef Krall diese Summe bis Jahresende zusammenbekommen kann", sagte Schwenker.

Ausland



Welchen Einfluss die neue Agentur haben kann, ist umstritten. Kritiker verweisen darauf, dass eine Ratingagentur über Jahre beweisen muss, dass ihre Bewertungen verlässlich sind. Bestes Beispiel ist die chinesische Ratingagentur Dagong Global Credit Rating. Obwohl schon vor mehr als 14 Jahren gegründet, spielt sie auf den Märkten keine Rolle. Dass die Chinesen den USA wegen des großen Haushaltslochs statt der Bestnote nur ein AA zugestehen und auch Deutschland nur mit AA+ bewerten, interessiert fast niemanden.

Die US-amerikanische Ratingagentur wird zusammen mit Standard & Poor’s und Fitch demnach wohl noch lange den Markt beherrschen – und für sprudelnde Gewinne bei Investor und Teilhaber Warren Buffett sorgen.

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