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Republikaner-Star Sarah Palin reloaded

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Die Boston Tea Party will Quelle: dpa

In der Welt der Tea Party gilt das alles als Ausweis wertegesteuerter Geradlinigkeit. Hier zählt nicht, was die Abgeordnete tatsächlich bewirkt hat. Auch nicht, dass ihr aktuelles Nein zur Anhebung der Schuldenobergrenze im Staatshaushalt fatale nationale wie internationale Folgen haben könnte. Ihre Anhänger bewundern ihre Kompromisslosigkeit und die unverbogene, um nicht zu sagen, halsstarrige Gesinnung.

Die Parteiführung beobachtet voller Misstrauen jeden ihrer Schritte. Die republikanischen Konkurrenten schielen geradezu ängstlich darauf, was sie sagt und tut. Alle hoffen, dass sie über ihre eigenen Unzulänglichkeiten und ihre oft extremen, irrationalen Meinungen stürzt, aber niemand wagt es, sich offen mit ihr anzulegen. Denn wer sich gegen Bachmann stellt, stellt sich gegen den neuen Rechtsruck – und gegen die Tea Party.

Ihr Mann bietet Umerziehungen für Schwule

Im Konzert aller bisherigen republikanischen Präsidentschaftsbewerber ist sie das Gegenmodell zu den Kandidaten des Parteiestablishments. Vor allem zu Mitt Romney, der in den Umfragen gleichauf liegt mit ihr. Der Ex-Gouverneur von Massachusetts verkörpert, was dem rechten Flügel seiner Partei zuwider ist: Wetterwendigkeit und bis zur Unkenntlichkeit biegsame Ansichten. Seine Regierungserfahrung, sein Pragmatismus und die Wirtschaftskenntnisse mögen in der direkten Auseinandersetzung mit Barack Obama von Nutzen sein. Doch jetzt, im republikanischen Auswahlwettkampf, geht es weniger um die besten Siegeschancen eines Kandidaten gegen Obama als um die ideologische Lupenreinheit.

Michele Bachmanns Gegner möchten sie am liebsten zu einem kurzlebigen Medienphänomen erklären. Skurrile Anekdoten werden kolportiert. Etwa wie Bachmann sich neulich in einem Interview damit brüstete, wie der berühmte John Wayne in Waterloo, Iowa, geboren zu sein. Nur verwechselte sie leider die Ikone amerikanischer Cowboyfilme mit einem pädophilen Serienmörder desselben Namens. Etliche Republikaner warnen vor einer Wiederholung des Desasters von 1964. Auch damals kürte das Parteivolk einen Außenseiter und Liebling des Anti-Establishments zum Präsidentschaftskandidaten. Der ideologische Fanatiker Barry Goldwater aus Arizona scheiterte im Kampf ums Weiße Haus katastrophal. Es war eine der bislang schmerzlichsten Niederlagen der Republikaner.

Wie Goldwater hat auch Bachmann mit einer Traditionslinie amerikanischer Politik zu tun, die der Historiker Richard Hofstadter »paranoid« nannte. Sie reicht bis in die Gründertage der Republik zurück und ist ein konfuses Gemisch aus religiösem Eifer, ideologischer Verbohrtheit, Weltunerfahrenheit und Verschwörungstheorien. In der Regel konnte sich dieser Strang nicht durchsetzen. Doch die Gefahr besteht, dass diesmal bei den Republikanern, wie 1964, die Vernunfttradition außer Kraft gesetzt wird.

Michele Bachmann ist extrem und eine Kreuzzüglerin, vor allem aus der Perspektive liberaler, aufgeklärter Europäer und Großstadtamerikaner. Ihr Kampf gegen Schwulenehen gleicht einer Obsession. Ihr Mann Marcus betreibt zwei christliche Beratungszentren, in denen sich Homosexuelle "umerziehen" lassen können. Ihre fünf Kinder ließen die Bachmanns aus Angst vor unziemlichem Lehrstoff anfangs zu Hause unterrichten. Ihre Ehe, das Jurastudium an einer evangelikalen Universität, der Doktortitel im Steuerrecht, ihre politische Karriere – all das, sagt sie, sei göttliche Bestimmung gewesen und nicht die Folge autonomer Willensentscheidungen.

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