WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Republikaner-Star Sarah Palin reloaded

Gegen Schulden und Schwulen-Ehe: Michele Bachmann ist eine der gefährlichsten Gegnerinnen von Barack Obama. Sie könnte Präsidentschaftskandidatin der Republikaner werden.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Die republikanische Quelle: dapd

"Sie kommen aus Deutschland?" Michele Bachmann, 55, einen Meter sechsundfünfzig groß, weißes Kostüm, Perlenkette, lächelt und eilt aus der Halle, wo Hunderte von Südstaaten-Republikanern sie gerade stürmisch gefeiert haben. Links wartet der Fernsehsender CNN, rechts Fox News, dahinter die anderen wichtigen TV-Sender. Ihre Assistentinnen hängen ständig am Handy, um weitere Interviewwünsche abzuwimmeln. Michele Bachmann ist wichtig geworden, seit sie erklärt hat, erst republikanische Präsidentschaftskandidatin und dann Präsidentin werden zu wollen. Und besonders wichtig, seit Umfragen sie im Auswahlwettbewerb ihrer Partei ganz vorn sehen und es nicht auszuschließen ist, dass sie im Herbst 2012 gegen Barack Obama antreten wird.

Vor einem halben Jahr noch unbekannt

"Ja, Deutschland...", sagt sie, bevor ihre Assistentinnen sie energisch in die Arme der Fernsehleute schieben. Ein paar Schweißperlen werden von der Stirn getupft, jemand steckt ihr eine Hörmuschel ins Ohr. Blitzschnell dreht sie sich noch einmal um und sagt: "Ein tolles Land, meine Tochter hatte gerade eine Austauschschülerin aus Deutschland. Die Regierung dort hat den Staatshaushalt weit besser im Griff als Obama!" Dann lächelt sie in die Kameras.

Fünf Minuten zuvor hatte Michele Bachmann noch vor den Dämonen des europäischen Wohlfahrtssystems gewarnt. Und sie rief in Erinnerung, dass Admiral Mullen den gewaltigen Schuldenberg als die größte Bedrohung der nationalen Sicherheit bezeichnet. "Sollten wir nicht auf unseren Generalstabschef hören?" – "Jaaa", brüllten Hunderte von Republikanern. – "Dürfen wir diesen Berg weiter wachsen lassen?" – "Neiiiin", schallte es zurück. – "Ich werde darum der geplanten Schuldenanhebung nicht zustimmen", versprach Bachmann unter donnerndem Applaus. "Ich habe schon Nein gesagt zu den staatlichen Geldspritzen für die Banken, für die Autokonzerne, für die Ankurbelung der Konjunktur." Das Nein zu weiteren Schulden müsse der Lackmustest für jeden republikanischen Präsidentschaftsbewerber sein. "Yeeahh", riefen die Zuhörer im Saal und skandierten: "Sieg, Michele, sieg!"

Michele Bachmanns Konkurrenten

Neben Bachmann treten noch mindestens 17 weitere Kandidaten in den Vorwahlen der Republikaner an. In Umfragen liegt der frühere Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney, derzeit vorn. Sowohl er als auch sein Mitstreiter Jon Huntsman gehören zum Establishment der Partei. Eben darin sehen radikalere Konservative deren Manko: Beiden wird ihre Nähe zu demokratischen Positionen vorgeworfen. Huntsman war unter Obama Botschafter in China, Romney führte in Massachusetts eine gesetzliche Krankenversicherung ein. Weit abgeschlagen auf der Beliebtheitsskala tritt außerdem Newt Gingrich, ehemaliger Sprecher des Repräsentantenhauses, an. Neben desolaten Umfragewerten leidet die Wahlkampagne des Politveterans unter finanziellen Problemen und dem Rücktritt von gleich mehreren seiner Berater.

Vor einem halben Jahr kannte noch so gut wie niemand in Amerika die republikanische Abgeordnete Michele Bachmann aus Stillwater, Minnesota. Man wusste allenfalls, dass sie sehr rechts, und sehr religiös sei, eine eiserne Sparkommissarin und darum besonders in den Kreisen der Tea Party beliebt, der rechten konservativen Sammlungsbewegung. In ihrem Heimatstaat Minnesota stritt sie unerbittlich, aber erfolglos für einen Verfassungszusatz, der gleichgeschlechtliche Ehen verbieten sollte. Zu den empörten Gegendemonstranten vorm Parlament gehörte ihre lesbische Stiefschwester. Als die Obama-Regierung energiesparende Beleuchtungen verordnete, kämpfte Bachmann, ebenso erfolglos, gegen "sozialistische Bevormundung« und für die »freie Wahl von Glühlampen".

Die Boston Tea Party will Quelle: dpa

In der Welt der Tea Party gilt das alles als Ausweis wertegesteuerter Geradlinigkeit. Hier zählt nicht, was die Abgeordnete tatsächlich bewirkt hat. Auch nicht, dass ihr aktuelles Nein zur Anhebung der Schuldenobergrenze im Staatshaushalt fatale nationale wie internationale Folgen haben könnte. Ihre Anhänger bewundern ihre Kompromisslosigkeit und die unverbogene, um nicht zu sagen, halsstarrige Gesinnung.

Die Parteiführung beobachtet voller Misstrauen jeden ihrer Schritte. Die republikanischen Konkurrenten schielen geradezu ängstlich darauf, was sie sagt und tut. Alle hoffen, dass sie über ihre eigenen Unzulänglichkeiten und ihre oft extremen, irrationalen Meinungen stürzt, aber niemand wagt es, sich offen mit ihr anzulegen. Denn wer sich gegen Bachmann stellt, stellt sich gegen den neuen Rechtsruck – und gegen die Tea Party.

Ihr Mann bietet Umerziehungen für Schwule

Im Konzert aller bisherigen republikanischen Präsidentschaftsbewerber ist sie das Gegenmodell zu den Kandidaten des Parteiestablishments. Vor allem zu Mitt Romney, der in den Umfragen gleichauf liegt mit ihr. Der Ex-Gouverneur von Massachusetts verkörpert, was dem rechten Flügel seiner Partei zuwider ist: Wetterwendigkeit und bis zur Unkenntlichkeit biegsame Ansichten. Seine Regierungserfahrung, sein Pragmatismus und die Wirtschaftskenntnisse mögen in der direkten Auseinandersetzung mit Barack Obama von Nutzen sein. Doch jetzt, im republikanischen Auswahlwettkampf, geht es weniger um die besten Siegeschancen eines Kandidaten gegen Obama als um die ideologische Lupenreinheit.

Michele Bachmanns Gegner möchten sie am liebsten zu einem kurzlebigen Medienphänomen erklären. Skurrile Anekdoten werden kolportiert. Etwa wie Bachmann sich neulich in einem Interview damit brüstete, wie der berühmte John Wayne in Waterloo, Iowa, geboren zu sein. Nur verwechselte sie leider die Ikone amerikanischer Cowboyfilme mit einem pädophilen Serienmörder desselben Namens. Etliche Republikaner warnen vor einer Wiederholung des Desasters von 1964. Auch damals kürte das Parteivolk einen Außenseiter und Liebling des Anti-Establishments zum Präsidentschaftskandidaten. Der ideologische Fanatiker Barry Goldwater aus Arizona scheiterte im Kampf ums Weiße Haus katastrophal. Es war eine der bislang schmerzlichsten Niederlagen der Republikaner.

Wie Goldwater hat auch Bachmann mit einer Traditionslinie amerikanischer Politik zu tun, die der Historiker Richard Hofstadter »paranoid« nannte. Sie reicht bis in die Gründertage der Republik zurück und ist ein konfuses Gemisch aus religiösem Eifer, ideologischer Verbohrtheit, Weltunerfahrenheit und Verschwörungstheorien. In der Regel konnte sich dieser Strang nicht durchsetzen. Doch die Gefahr besteht, dass diesmal bei den Republikanern, wie 1964, die Vernunfttradition außer Kraft gesetzt wird.

Michele Bachmann ist extrem und eine Kreuzzüglerin, vor allem aus der Perspektive liberaler, aufgeklärter Europäer und Großstadtamerikaner. Ihr Kampf gegen Schwulenehen gleicht einer Obsession. Ihr Mann Marcus betreibt zwei christliche Beratungszentren, in denen sich Homosexuelle "umerziehen" lassen können. Ihre fünf Kinder ließen die Bachmanns aus Angst vor unziemlichem Lehrstoff anfangs zu Hause unterrichten. Ihre Ehe, das Jurastudium an einer evangelikalen Universität, der Doktortitel im Steuerrecht, ihre politische Karriere – all das, sagt sie, sei göttliche Bestimmung gewesen und nicht die Folge autonomer Willensentscheidungen.

Doch in den Augen vieler gottesfürchtiger Menschen in den Weiten Amerikas ist Michele Bachmann keineswegs so merkwürdig, sondern eine von ihnen. Wie es im Wahlkampf 2008 schon Sarah Palin aus Alaska war. Bachmann ist es zudem gelungen, zwei Flügel der Republikaner unter dem Dach der Tea Party zu vereinen: die fiskalisch Konservativen, die den Staat schwach und die Steuern niedrig halten wollen. Und die sozial und religiös Konservativen, die Abtreibung und homosexuelle Ehen am liebsten von Staats wegen verbieten würden.

Bachmann läuft Sarah Palin inzwischen den Rang ab. Es wird für Palin immer schwerer, noch auf das Kandidatenkarussell aufzuspringen. Sollte Palin Amerika erspart bleiben, könnte Bachmann kommen. Im direkten Vergleich ist sie eine Sarah Palin plus IQ: mehr Verstand, aber eher radikaler. Lässt Palin gern die Zügel schleifen und regierte sie als Gouverneurin von Alaska durchaus pragmatisch, so gibt sich Bachmann äußerst kontrolliert und dogmatisch. Sie hat sich mehr im Griff als Palin, weiß politisch besser Bescheid, hat ausgezeichnete Berater versammelt und kann präzise debattieren. Ein weiteres Plus im Auge der Öffentlichkeit: Suchte Palins schillernde Familie bei Schritt und Tritt das Rampenlicht, so scheut Bachmanns Familie die Kameras und ist, soweit man bislang weiß, skandalfrei.

Fünf Kinder hat sie großgezogen – und 23 Pflegekinder

Natürlich wird jetzt jeder Stein umgedreht. Bachmann hat erst kürzlich ihre extreme Kirchengemeinde verlassen. Warum? Sie rühmt sich, neben ihren fünf Kindern auch 23 Pflegekinder aufgezogen zu haben. Doch sie wurde dafür gut bezahlt. Viele der Pflegekinder waren angeblich schwangere minderjährige Mädchen. Steckte hinter der Fürsorge vielleicht ein obskurer religiöser Auftrag? Und was geschieht tatsächlich in ihren christlichen Beratungszentren? Schließlich: Jahrelang trieb Bachmann als Juristin für die staatliche Steuereintreibungsbehörde IRS ausstehendes Geld ein. Wie verträgt sich das mit ihrem Kreuzzug gegen Staat und Steuern? Zeitweilige Wegbegleiter beschreiben sie als kalt und berechnend.

Laut Umfragen hat Michele Bachmann gute Chancen, im August in Iowa zu gewinnen, wenn die republikanischen Präsidentschaftskandidaten zum ersten Mal gegeneinander antreten. Ihre Berater wissen, dass der ideologische Eifer zum Stolperstein werden könnte. Sie tun darum alles, damit die Kandidatin in ihrer Radikalität nicht extremistisch, nicht unbarmherzig und unnahbar wirkt. Bei einer Veranstaltung in South Carolina offenbarte die entschiedene Abtreibungsgegnerin soeben, als junge Frau eine Fehlgeburt erlitten zu haben. Die Zuhörer waren gerührt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Zeit.de

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%