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Risiken für deutsche Firmen in China Bremsspuren in Chinas Wirtschaft bergen Gefahren

Die Blase am chinesischen Aktienmarkt platzt, die Wirtschaft verliert an Dynamik. Das hat Folgen für die Weltwirtschaft – und birgt Risiken für Deutschlands Exportunternehmen. Noch sind sie optimistisch.

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Chinas Wirtschaft Börse Quelle: AP

Obwohl Ying Meifeng in den vergangenen drei Wochen fast ein Viertel ihrer Ersparnisse verloren hat, sitzt die 83-Jährige lächelnd in einem der vielen Wertpapierhandelshäuser in Shanghai. Der jüngste Crash am chinesischen Aktienmarkt hat ihr die Laune nicht verdorben – noch nicht. „Die Regierung wird die Kurse schon wieder steigen lassen“, sagt sie. So denken viele Chinesen, die die Achterbahnfahrt an der Börse in den vergangenen Monaten mitgemacht haben. Seit Mitte Juni sind die Aktienkurse der 300 größten Unternehmen in der Volksrepublik um rund 30 Prozent abgestürzt – nachdem sie in den zwölf Monaten zuvor um 145 Prozent in die Höhe geschossen waren.

Zunehmende Eingriffe des Staates

Reales Bruttoinlandsprodukt in China

Der Crash hat die Regierung auf den Plan gerufen. Ohne lange zu zögern, hat die Zentralbank die Zinsen gesenkt, dann lockerte Peking die Anforderungen an die Sicherheiten für Broker, gründete einen staatlichen Fonds, um Stützungskäufe zu tätigen, und als das alles nicht half, setzte sie die Hälfte aller Aktien vom Handel aus. Vom Vertrauen in die Kräfte des Marktes, die Chinas Präsident Xi Jinping und sein Premier Li Keqiang so gern beschwören, ist plötzlich nichts mehr zu spüren. Stattdessen greift der Staat – ganz in alter planwirtschaftlicher Manier – in das Börsengeschehen ein, um die Kurse wieder nach oben zu hieven.

Die Nerven der Anleger mag das beruhigen. Doch für den langfristigen Wachstumstrend der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sind die zunehmenden Staatseingriffe in die Märkte ein schlechtes Omen.

Seit Jahren gehen die Wachstumsraten der chinesischen Wirtschaft zurück, im zweiten Quartal legte das reale Bruttoinlandsprodukt nur um sieben Prozent zu (siehe Grafik). Der stürmische Aufholprozess gegenüber dem Westen, der China in den vergangenen Jahrzehnten mit zweistelligen Raten wachsen ließ, geht zu Ende.

Das sind die wettbewerbsfähigsten Länder der Welt

„Das alte Wachstumsmodell der staatlich gesteuerten Industrialisierung hat keine Zukunft mehr“, sagt Patrick Franke, China-Experte der Hessischen Landesbank. Will das Land weiterhin erfolgreich in der Weltwirtschaft mitmischen und seinen Wohlstand steigern, muss es sich auf der Wertschöpfungsleiter nach oben bewegen. Statt einfache Industrie- und Technologiegüter muss China innovationsintensive Güter und Dienstleistungen anbieten. Das aber wird nur gelingen, wenn sich die Machthaber in Peking aus der Wirtschaft zurückziehen und auf die Marktkräfte und das private Unternehmertum setzen.

Für China wäre das eine Zäsur. Denn in den vergangenen Jahrzehnten lautete der implizite Deal der Regierung mit dem Volk: Wohlstand gegen politische Kontrolle. Das erklärt auch, warum die Regierung panisch versucht, den Aktienmarkt zu stützen. Bleibt der Wohlstand aus, etwa weil die Kurse einknicken, könnte das Volk die Herrschaft der Partei infrage stellen, fürchten die Machthaber. Im festen Glauben an die Steuerbarkeit der Wirtschaft drehen sie daher an den Stellschrauben des ökonomischen Räderwerks – mit negativen Konsequenzen für den langfristigen Wohlstand.

Zu wenig Rendite

So befinden sich die Zinsen, die wichtigste Stellgröße für die Wirtschaft, weiterhin fest im Griff der Regierung. Weil die Zinsen den Bürgern keine erträgliche Rendite bieten, suchen sie händeringend nach alternativen Anlagen. Erst waren es die Immobilienmärkte, die unter dem Druck des hereinströmenden Geldes haussierten, dann übertrug sich das auf die Börsen.

Mithilfe der staatlich kontrollierten Presse forderte die Regierung die Bürger auf, mehr Aktien zu kaufen, und fachte so den Boom weiter an. Die Chinesen sollten dazu gebracht werden, mehr Geld auszugeben, um den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft zu beschleunigen. Doch nun droht das Gegenteil: Zwar haben nur 15 Prozent der Chinesen ihre Ersparnisse in Aktien gesteckt. Doch wer sein Geld an der Börse verloren hat, ist ein schlechter Konsument. Viele Bürger verschieben daher den geplanten Kauf eines Autos oder eines Kühlschranks auf unbestimmte Zeit.

So viel China-Umsatz steckt in den Dax-Aktien

Dazu kommt, dass sich auch die Unternehmen vom Börsenfieber haben anstecken lassen. Auf der Suche nach dem schnellen Geld haben sie einen Teil ihrer Gewinne in Aktien gesteckt. Nach Berechnungen der Ökonomen des Finanzdienstleisters IHS Global Insight beruht das Gewinnwachstum der Industrieunternehmen zu 97 Prozent auf Kursgewinnen am Aktienmarkt. Der jüngste Crash dürfte sich daher negativ auf die Kassenlage der Firmen auswirken und ihre Investitionen bremsen.

Die Zentralbank flutet die Wirtschaft zwar weiter mit Geld – doch das kommt in der Privatwirtschaft kaum an. Noch immer bevorzugen die Banken Staatsunternehmen, weil die im Notfall von der Regierung gerettet werden. Um an Bankkredite zu kommen, hinterlegen viele Unternehmen Aktien als Sicherheiten. Die Folge: Die Risiken in den Bilanzen der Banken steigen, die Verschuldung der Unternehmen ebenfalls.

Größtes Risiko für die Weltwirtschaft

Wegen der staatlich aufgepumpten Blasenwirtschaft ist China zum „größten Risiko für die Weltwirtschaft“ geworden, glaubt Jeremy Lawson, Chefökonom von Standard Life Investments. Zwar könne die Regierung mittels der Geld- und Fiskalpolitik sowie durch administrative Eingriffe in die Preisbildung kurzfristig eine harte Landung der Wirtschaft vermeiden. „Langfristig aber steigt die Gefahr eines wirtschaftlichen Absturzes, vor allem dann, wenn die Verschuldung weiter zunimmt“, warnt Lawson.

Die fünf großen Gefahren für Chinas Wirtschaftswachstum

Für die Weltwirtschaft hätte das fatale Konsequenzen. Denn auf China entfallen zwölf Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und 18 Prozent der weltweiten Industriegüterexporte. Als die USA und Europa durch die Finanz- und Euro-Krise gelähmt waren, zog China die Weltwirtschaft fast im Alleingang. So trug das Land nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in den vergangenen sieben Jahren mehr als ein Drittel zum globalen Wirtschaftswachstum bei. Das Riesenreich ist der wichtigste Abnehmer für Rohstoffe und industrielle Vorprodukte.

Deutsche Unternehmen weiter optimistisch

Die nachlassende Dynamik in Fernost spiegelt sich in den sinkenden Preisen von Rohstoffen wie Kupfer und Eisenerz wider. Darunter leiden vor allem die rohstoffproduzierenden Länder wie Brasilien, Australien, Chile, Kanada und Peru. Auch in den Handelsbilanzen von Volkswirtschaften wie Hongkong, Südkorea, Malaysia, Singapur und Taiwan, die als Anbieter von Industriewaren eng mit China verflochten sind, hinterlässt die China-Schwäche ihre Spuren. Berechnungen der OECD zufolge sind Taiwan, Malaysia, Chile und Singapur die Länder mit der höchsten Abhängigkeit der Exporte von China. Deutschland folgt mit gehörigem Abstand auf Rang 14 der Liste der gefährdeten Länder.

Deutsche Konzerne haben Vertrauen

Daher blicken die meisten deutschen Unternehmen noch überwiegend optimistisch auf ihr China-Geschäft. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel unterzeichnete diese Woche in Peking denn auch guter Dinge eine Absichtserklärung, laut der beide Länder enger bei der Digitalisierung der Produktion zusammenarbeiten wollen. Eine Anfrage der WirtschaftsWoche bei deutschen Großunternehmen ergab, dass keines für das laufende Geschäftsjahr einen Umsatzrückgang im China-Geschäft erwartet. Immerhin 15 rechnen mit bis zu fünf Prozent Wachstum. Dazu zählt sogar die Lufthansa, die jahrelang wegen der wachsenden Konkurrenz durch die Fluglinien vom Golf im Fluggeschäft kaum zugelegt hat.

Offenbar setzen die deutschen Konzerne darauf, dass sie ihre Produkte auch in einem langsamer wachsenden Markt absetzen können. Das gilt für moderne Buchhaltungsprogramme von SAP, Logistikdienste der Deutschen Post oder gerade angesichts der alternden chinesischen Bevölkerung und der wachsenden Umweltverschmutzung auch für Gesundheitsprodukte von Fresenius und von Pharmakonzernen wie Bayer.

China-Perspektiven deutscher Konzerne
Das China-Geschäft großer deutscher  Unternehmen und wie es sich entwickelt
Umsatzanteil in ChinaWachstum in 12 Monaten
Adidas12 %bis 5 %
Airbus11 %über 5 %
BASF7 %bis 5 %
Bayer 10 %bis 5 %
BMW19 %bis 5 %
Bosch13 %bis 5 %
Continental11 %über 5 %
Daimler 17 %bis 5 %
Deutsche Post9 %bis 5 %
Fresenius3 %über 5 %
Fresenius Medical C.2 %über 5 %
Henkel8 %über 5 %
Infineon20 %bis 5 %
K+S2 %über 5 %
Lanxess10 %bis 5 %
Linde6 %0
Lufthansa5 %bis 5 %
Merck4 %über 5 %
Metro4 %bis 5 %
Munich Re3 %bis 5 %
SAP6 %bis 5 %
Siemens8,5 %0
ThyssenKrupp6 %bis 5 %
VW37 %bis 5 %
Kein großes Geschäft in China: Allianz, Commerzbank, Deutsche Bank, Deutsche Börse, E.on, Heidelcement, RWE, Deutsche ‧Telekom; keine Angaben auf Anfrage: Beiersdorf, Deutsche Bank; Quelle: Unternehmensangaben, ‧teilweise geschätzt; Stand: 15.07.2015

Doch die Warnzeichen nehmen zu. So bereitet sich der Konsumgüterriese Henkel auf weniger Wachstum in China vor. „Wir müssen uns auf Volatilität und auf Unsicherheiten einstellen, wie wir sie aktuell am chinesischen Aktienmarkt erleben“, sagt Konzernchef Kasper Rorsted. Etwas stärker trifft es die Anlagenbauer. „Mit Investitionsgütern will man in China zurzeit nicht unterwegs sein“, stöhnt ein hochrangiger Siemens-Manager. Auch Unternehmen wie Linde könnten das bald spüren. Wegen der geringen Nachfrage werden in China keine neuen Stahlwerke mehr gebaut, erste Hütten werden geschlossen. Dadurch schrumpft auch die Nachfrage nach Luftzerlegungsanlagen.

Noch deutlicher sind die Warnzeichen bei den Autobauern. Zwar verkauft Daimler noch sehr gut, vor allem weil die Stuttgarter erst 2014 so richtig im Reich der Mitte eingestiegen sind. Doch der Rest der Motorenbranche erwartet deutlich weniger Wachstum – und hat darum bereits vor den jüngsten Börsenturbulenzen die Produktion heruntergefahren. BMW um etwa 10.000 Fahrzeuge, Audi um 30.000 und die Konzernschwester VW sogar um 50.000.

Staatliche Interventionen provozieren neue Blasen

Die Bremseffekte für die deutsche Wirtschaft könnten noch größer werden. Weil Chinas Schwäche auf andere Schwellenländer ausstrahlt, verschlechtern sich die Absatzaussichten auch auf diesen Märkten. Mittlerweile gehen rund 40 Prozent der deutschen Exporte in die Schwellenländer - mehr als in die Euro-Zone.

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In den Konzernzentralen hofft man daher, dass Peking nicht nur den Aktienmarkt, sondern auch die Realwirtschaft mit staatlichen Eingriffen über Wasser hält. „Die Regierung wird wie immer auf kurzfristige Lösungen setzen, um mit Interventionen das Wachstum zu halten“, sagt Junhua Zhang, Professor für Globale Sicherheit und Nachhaltigkeit an der Jiaotong-Universität in Shanghai.

Doch ob der Interventionismus von Erfolg gekrönt sein wird, ist fraglich. Das zeigt das Beispiel Japan. Als dort in den Achtzigerjahren die Konjunktur einzubrechen drohte, flutete die Bank von Japan die Banken mit Liquidität. Statt der Realwirtschaft neues Leben einzuhauchen, floss das Geld jedoch in die Aktien- und Immobilienmärkte und pumpte gigantische Preisblasen auf. Als diese platzten, stürzte Japan in eine schwere Krise. Davon hat sich das Land bis heute nicht erholt.

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