Russin zeigt ihre Sicht auf Putin "Der Lebensmittel-Boykott bestraft den Westen mehr"

Wie steht die russische Bevölkerung zu Putins Entscheidung, die Einfuhr von westlichen Lebensmitteln zu stoppen? Eine junge Russin erklärt, warum Russlands Boykott für das Volk eine Katastrophe ist – sie aber trotzdem glaubt, dass ihr Präsident das Richtige tut.

Wladimir Putin steht international unter Druck. Quelle: dpa

Keine Lebensmittel mehr aus dem Westen: Vergangene Woche hat Wladimir Putin entschieden, dass Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und Milchprodukte aus allen EU-Staaten und Norwegen sowie aus Kanada, Australien und den USA für ein Jahr nicht mehr nach Russland importiert werden dürfen. Der russische Präsident reagiert damit auf die Wirtschaftssanktionen der EU. Um Moskau zum Einlenken in der Ukraine-Krise zu zwingen, hatte die EU Strafmaßnahmen bei Rüstungsgeschäften, Energie und Finanzen beschlossen.

Doch was bedeutet der russische Lebensmittel-Boykott für die Bevölkerung im Land? Eine 24-jährige Russin aus Sankt Petersburg erklärt ihre Sicht auf Putins Politik:

Wo deutsche Unternehmen in Russland aktiv sind
E.On-Fahnen Quelle: REUTERS
Dimitri Medwedew und Peter Löscher Quelle: dpa
Dem Autobauer bröckelt in Russland die Nachfrage weg. Noch geht es ihm besser als der Konkurrenz. Martin Winterkorn hat einige Klimmzüge machen müssen - aber theoretisch ist das Ziel erreicht: Volkswagen könnte in Russland 300.000 Autos lokal fertigen lassen. Den Großteil stellen die Wolfsburger in ihrem eigenen Werk her, das 170 Kilometer südwestlich von Moskau in Kaluga liegt. Vor gut einem Jahr startete zudem die Lohnfertigung in Nischni Nowgorod östlich Moskau, wo der einstige Wolga-Hersteller GAZ dem deutschen Autoriesen als Lohnfertiger zu Diensten steht. Somit erfüllt Volkswagen alle Forderungen der russischen Regierung: Die zwingt den Autobauer per Dekret dazu, im Inland Kapazitäten aufzubauen und einen Großteil der Zulieferteile aus russischen Werken zu beziehen. Andernfalls könnten die Behörden Zollvorteile auf jene teuren Teile streichen, die weiterhin importiert werden. Der Kreml will damit ausländische Hersteller zur Wertschöpfung vor Ort zwingen und nimmt sich so China zum Vorbild, das mit dieser Politik schon in den Achtzigerjahren begonnen hat. Die Sache hat nur einen Haken: Die Nachfrage in Russland bricht gerade weg - nicht im Traum kann Volkswagen die opulenten Kapazitäten auslasten. 2013 gingen die Verkäufe der Marke VW um etwa fünf Prozent auf 156.000 Fahrzeuge zurück. Wobei die Konkurrenz stärker im Minus war. Hinzu kommt jetzt die Sorge um die Entwicklungen auf der Krim. VW-Chef Martin Winterkorn sagte der WirtschaftsWoche: "Als großer Handelspartner blicekn wir mit Sorge in die Ukraine und nach Russland." Er verwies dabei nicht nur auf das VW-Werk in Kaluga, sondern auch auf die Nutzfahrzeugtochter MAN, die in St. Petersburg derzeit ein eigenes Werk hochfährt. Der Lkw-Markt ist von der Rezession betroffen, da die Baukonjunktur schwächelt. Quelle: dpa

"Um es klar zu sagen: Das Lebensmittel-Embargo – so nennen wir es in Russland – ist eine Katastrophe für die russische Bevölkerung. Es wird uns sehr stark treffen. Was machen wir ohne norwegischen Lachs, französischen Käse oder amerikanisches Rindfleisch? Diese Produkte sind in russischen Geschäften, Restaurants und Supermärkten sehr beliebt. Ich bin total enttäuscht, denn ich esse diese Lebensmittel sehr gerne. Außerdem werden die Preise für Lebensmittel stark ansteigen, wenn die Alternativen aus dem Westen fehlen. Und wie sollen wir eigentlich all das frische Obst und Gemüse in Russland produzieren? Das Wetter ist schrecklich hier, von Oktober bis April ist es sehr kalt!

Putin bestraft die gesamte westliche Welt

Eigentlich haben wir Sankt Petersburger aber noch Glück, weil wir so nah an Finnland wohnen. Mit dem Auto dauert es nur rund zwei Stunden bis zur Grenze. Schon jetzt gehen viele von uns in Finnland einkaufen, wir lieben vor allem die finnischen Milchprodukte. Die Zollbeamten kontrollieren keinen auf ihre Supermarkt-Einkäufe, also werden künftig wohl einige Leute große Mengen über die Grenze bringen. Aber dieses Privileg haben Moskauer nicht, ganz zu schweigen von unseren Landsleuten in Sibirien.

Die Sanktionen der EU und USA gegen Russland

Positiv an Putins Entscheidung ist aber: Russland bestraft mit dem Embargo die gesamte westliche Welt, weil wir mit mehr als 140 Millionen Einwohnern ein riesiger Markt sind, der plötzlich wegbricht. Es ist eine gute Möglichkeit für uns, Stärke zu zeigen. Schließlich haben Europa und die USA uns provoziert und damit angefangen, uns Strafen aufzuerlegen. Jetzt reagieren wir und demonstrieren, wie wir unsere europäischen Partner manipulieren können. Bevor wir wieder westliche Lebensmittel zulassen, soll Europa erst einmal die Konsequenzen spüren. Es muss wirtschaftlich wehtun. Nur so spürt der Westen die Folgen der von ihm begonnenen Sanktionen.

Die Krise stärkt unsere Beziehung zu China

Übrigens glaube ich nicht, dass wir durch Putins Entscheidung zu einem Außenseiter in der Weltwirtschaft werden. So einfach kann man das größte Land der Welt nicht isolieren. Der Westen und wir sind doch voneinander abhängig. Nicht zuletzt, weil Russland so viel Öl und Gas nach Europa exportiert. Klar, dass Europa jetzt über Alternativen zu russischen Rohstoffen nachdenkt – aber das tun wir jetzt auch bei Lebensmitteln. Nicht umsonst war unser Präsident in der jüngeren Vergangenheit häufiger in Südamerika. Außerdem glaube ich, dass die derzeitige Krise mit dem Westen unsere Beziehung zu China stärken wird.

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