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Russland Oligarchen fordern wirtschaftliche Kehrtwende

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Marktkapitalisierung russischer Unternehmen nach Branche

Wie das geht, machen er und andere Oligarchen vor, indem sie Technologien im Ausland einkaufen und ihre Werke in Russland damit effizienter und produktiver machen. Davon profitieren vor allem deutsche Unternehmen, deren Know-how in Russland traditionell hoch angesehen ist. „Putin ist sich bewusst, dass er ausländische Technologie für die Modernisierung braucht“, erzählt SMS-Chef Heinrich Weiss, der auch Präsident der deutsch-russischen Handelskammer ist. Doch ein konsequentes Konzept, Töpfe zur Förderung auch privater und vor allem mittelständischer Unternehmen, ist nicht in Sicht. Auch Weiss gibt zu, dass die „Modernisierung ein sehr langsamer Prozess ist, da sehe ich noch nicht den großen Durchbruch“.

Ein Großteil der russischen Unternehmen arbeitet immer noch auf dem Stand von vorgestern. Das muss sich ändern, fordert Viktor Wekselberg, ein Russe, der in der Schweiz residiert und dort die Unternehmen Oerlikon und Sulzer führt: „Russland muss die wirtschaftliche Integration mit gut entwickelten Volkswirtschaften vorantreiben, vor allem mit den USA und EU-Staaten.“ Im Sinne der Modernisierung müsse das Land Investitionen anlocken, Partnerschaften mit Unternehmen fördern, die über Know-how verfügen, sowie bei der Finanzierung innovativer Projekte und langfristiger Investitionen mithelfen.

Das ist genau das, was Putin nicht will. Beim Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO, über den schon seit den Neunzigerjahren verhandelt wird, zögert und zaudert der Premier. Faktisch hat er den Freihandel auf unbestimmte Zeit verschoben. Stattdessen fährt Russland die Zollschranken hoch, um weltweit nicht wettbewerbsfähige Industrien zu schützen. Zum Beispiel heimische Autobauer wie Lada-Hersteller Awtowas, der mit einer Fertigungstiefe von 80 Prozent zu den ineffizientesten Autoherstellern der Welt gehört.

Der Staat lenkt die russische Wirtschaft. Und den Staat verkörpert Putin. Der mag die Notwendigkeit erkannt haben, das Land wettbewerbsfähig zu machen. Doch er will die Modernisierung von oben steuern. Dem steht allein schon das Heer korrupter Bürokraten im Weg. Deswegen wird im Zweifel nicht die volle Summe der vier Milliarden Euro, die im neuen Budget des Wirtschaftsministeriums für die Innovationsförderung bis 2012 vorgesehen sind, bei förderwürdigen Unternehmen ankommen.

Unternehmer wollen Innovationen

Vor wenigen Tagen hat Putin selbst zugegeben, dass nur 9,4 Prozent der russischen Unternehmen „technische Innovationen“ schaffen; in Deutschland seien es 74 Prozent, in einer ehemaligen Sowjetrepublik wie Estland immerhin 47. Was Russland vor allem fehlt, ist ein leistungsfähiger Mittelstand, der im Unterschied zu den Großkonzernen der Oligarchen und des Staates flexibel genug ist für innovative Entwicklungen. In Deutschland ist ein Drittel der Beschäftigten bei einem kleinen oder mittelständischen Unternehmen beschäftigt, in Russland nicht einmal 18 Prozent.

Kein Wunder, dass mit Delowaja Rossija ein Unternehmerverband nach Reformen verlangt, der kleine und mittelständische Unternehmen vertritt. „Wir brauchen keine zehn Giganten, sondern Zehntausende kleine Unternehmen, die Hochtechnologie entwickeln und dabei staatlich gefördert werden“, heißt es in der Studie des Verbands. Und die müssten konkurrieren: um private Aufträge am Markt und um Fördermittel beim Staat.

Ausgerechnet im Rohstoffsektor, in der Stahlindustrie, kommt die Modernisierung voran. In der Branche herrscht ein harter Wettbewerb zwischen den Stahlbaronen, hier funktionieren die Gesetze des freien Marktes. Derweil sind ihre Produkte konkurrenzfähig, da die Russen die komplette Wertschöpfungskette beherrschen. Das neue Walzwerk in Magnitogorsk ist ein Modernisierungserfolg, der allein dem Wettbewerb geschuldet ist.

Nachdem Putin das stählerne Monstrum in Bewegung gesetzt hat und die Kameras ausgeschaltet sind, nimmt er sich noch einmal den Lieferanten Heinrich Weiss zur Seite: „Wir brauchen noch mehr solcher Anlagen“, gesteht der Premier, „es wäre schön, wenn Sie uns noch welche bauen könnten.“ Den Düsseldorfer Unternehmer freut’s. Für die Deutschen ist die Modernisierung Russlands ist ein einträgliches Geschäft – erst recht, wenn Putin eines Tages richtig Ernst macht.

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