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Schädlingsbefall Wanzenalarm in New York

Die US-Metropole erlebt eine "Terrorattacke", die vielen New Yorker nachts den Schlaf raubt.

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Eine Bettwanze beim Blutsaugen Quelle: dpa/Piotr Naskrecki/CDC/Harvard University

Eine Armee von Wanzen breitet sich in der Stadt aus. Infizierte Geschäfte müssen schließen und Umsatzeinbussen wegstecken, Hotels und Vermieter fürchten Schadenersatzklagen von gebissenen Opfern. Nur die Kammerjäger können sich freuen. Ihr Geschäft brummt wie nie zuvor.

Niemand weiß genau, warum sie sich plötzlich so rapide in der Stadt vermehren. Doch seit zwei Jahren nimmt die Zahl der berichteten Fälle dramatisch zu. Wanzen – lateinischer Name Cimex Lectularius, für die Amerikaner Bedbugs – krabbeln nachts aus Ritzen, Nischen und Matratzen hervor und machen sich über ihre schlafenden Opfer her, denen sie für rund zehn Minuten Blut abzapfen. Die rund vier Millimeter großen Insekten übertragen zwar keine Krankheiten, doch die oft extrem juckenden Bisswunden und vor allem die Erkenntnis, möglicherweise jede Nacht Opfer dieser Parasiten zu sein, treibt manche New Yorker fast in den Wahnsinn.  

Bis Ende Juni erhielt die Beschwerde-Hotline 311 der Stadt New York, an die sich Bürger mit allen Problemen wenden können, innerhalb der vergangenen zwölf Monate 31.700 Anrufe, die mit Bedbugs zu tun hatten, 20 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Bei einer Umfrage der Gesundheitsbehörde der Stadt gaben 6,7 Prozent der Erwachsenen an, im vergangenen Jahr Bedbug-Probleme erfahren zu haben. An den öffentlichen Schulen der Stadt gab es bereits 2009 426 bestätigte Bedbug-Fälle, zwei mal mehr als ein Jahr zuvor. Über Bedbug-Befall in Wohnungen und Häusern beschwerten sich im Jahr 2009 4084 Mieter, fast vier mal so viele wie drei Jahre zuvor.

Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Hauseigentümer melden eine Invasion der ekelhaften Mitbewohner oft nicht, weil sie fürchten, das könne den Wert ihrer Immobilien drastisch reduzieren. Längst tummeln sich die nachtaktiven Viecher nicht mehr nur in schlechten Wohngegenden. Das „New York Magazine“ berichtete vor wenigen Wochen über befallene Wohnungen von reichen New Yorkern auf der Upper East Side, die zehntausende von Dollar ausgeben, um der Pest Herr zu werden.

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    Mittlerweile sind auch die ersten Fälle von Bedbug-Befall in Geschäftsräumen bekannt geworden. Die Unterwäsche-Kette Victoria´s Secret musste ihren Laden in Midtown schließen und befallene Wäsche entsorgen. Die auf die Bedbug-Jagd spezialiserten Kammerjäger rückten am besonders von Touristen frequentierten Shop von Abercrombie & Fitch am South Street Sea Port ebenso an wie im Hollister-Flagship-Store in Soho und bei einem Baby-Bekleidungsgeschäft in Chelsea. Ein Kino in Brooklyn war befallen, ebenso Bürogebäude in der Nähe von Grand Central und sogar auf der Park Avenue.

    Der potenzielle Schaden geht weit über die Kosten für die Ungezieferbekämpfungsmaßnahmen hinaus, die für größere Objekte schnell höhere fünfstellige Beträge erreichen können. Denn die schlechte Nachricht kann sich übers Internet in Windeseile verbreiten und Kunden abschrecken. In dieser Woche berichtet etwa auf www.Bedbugregistry.com ein Gast des Hotel Pennsyslvania auf der 7th Avenue: „Unsere Familie übernachtete vom 15. bis zum 19 Juli in Zimmer 780. Am 22. entdeckten wir merkwürdige Bugs in dem Raum, in dem wir unser Gepäck abgestellt hatten. Ich fing einen und konnte ihn übers Internet als Bedbug identifizieren. Der Kammerjäger bestätigte das.“

    Bedbug Quelle: AP

    Jetzt hat der Mann Angst, er könnte sich die Seuche mit Koffern und Klamotten nach Hause geholt haben und will deshalb alles gründlich säubern lassen. Die Rechnung dafür könnte er ans Hotel schicken.

    Profiteure der Bedbug-Krise in New York sind die zahlreichen Kammerjäger, die in einer an Kakerlaken und Ratten ohnehin nicht armen Stadt eigentlich immer gut beschäftigt sind. Derzeit tobt ein Streit über die beste Bedbug-Bekämpfungsmethode: Chemie, Hitze oder Kälte oder Absaugen? Die lokalen Fernsehsender können sich über die Buchung von zahlreichen Werbespots der Bedbug-Jäger freuen. Um Bedbug-Verstecke in Wohnungen aufzuspüren, setzen manche Terminatoren sogar Schnüffelhunde ein.

    Viele Geschäftsleute wollen nicht mehr warten, bis ihre Räume möglicherweise befallen sind und erst dann reagieren. Sie haben die Spezialisten mit regelmäßigen Kontrollen beauftragt, um einen Befall frühzeitig zu entdecken. M&M Pest Control, einer der Anbieter von derartigen Dienstleistungen in New York, hat mittlerweile 19 Hotels, 50 Bürogebäude und 25 Einzelhändler auf seiner Liste für regelmäßige Checks.

    New Yorker, die den Kampf gegen die Bedbug-Invasion in ihrer Wohnung selbst aufnehmen wollen, finden einen ganzen Katalog mit angeblich wirksamen Hilfsmitteln. Von der Matratzenhülle für 33,29 Dollar, die verhindern soll dass Bedbugs rein – oder raus! – krabbeln können, über den ClimbUp Bed Bug Monitor, einer 21,25 Dollar teuren Plastikschale, die es den Viechern angeblich unmöglich macht, die Bettpfosten hoch zu klettern, bis hin zur Matratzenentsorgungstasche aus Vinyl für 17,99 Dollar – wenn gar nichts anderes mehr hilft.   

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      Doch Vorsicht mit der neuen Matratze! Denn eine der in New York erzählten Theorien für die unglaubliche Verbreitung der Bedbugs hatte mit dem Lieferservice für neue Matratzen zu tun. Alte und möglicherweise verseuchte Matratzen standen in den Lieferwagen nämlich dicht neben den Neuen. Und die Jungs, die das neue Stück lieferten, waren dieselben, die die alte mitnahmen. Über deren Klamotten, so die Theorie, kommen die reiselustigen Insekten dann schnell ins neue Quartier.

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