Schecks für Alle Was die USA aus Direkthilfen in der Pandemie gelernt haben

Rechenaufgabe: Wer in den USA für den Schulstart einkauft, wie hier eine Mutter mit ihrer Tochter in Miami, muss häufig mehr bezahlen. Die Inflation lag in den USA im Juli zuletzt bei 8,5 Prozent.  Quelle: AP

1400 Dollar pro Kopf, 5600 Dollar für Familien: Mit Direkthilfen unterstützen die USA während der Coronakrise Millionen Bürger. Doch das Prinzip Gießkanne steht unter Verdacht: Heizt es die Inflation an?     

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In Amerika finden viele Menschen in diesen Tagen wieder Schecks in ihren Briefkästen. Um die Bürgerinnen und Bürger in Zeiten von hoher Inflation zu unterstützen, verschicken 17 Bundestaaten Direktentlastungen an die Menschen, die besonders mit den Preisen zu kämpfen haben. Stimulus-Schecks wird dieses Instrument genannt, das während der Coronakrise zu einer der beliebtesten Hilfsmaßnahmen wurde – in seiner Wirkung jedoch sehr umstritten ist. Denn manche Experten sind überzeugt: Das Programm hat die Inflation auf das heutige Niveau von 8,5 Prozent mit angeheizt.     

Insgesamt gab es während der Pandemie drei Runden von Direktzahlungen, sie wurden von US-Präsident Donald Trump im Frühjahr 2020 auf den Weg gebracht und von seinem Nachfolger Joe Biden fortgeführt. 

Parallelen zur deutschen Gießkanne 

Zu ungezielt sei die Hilfe gewesen, kritisieren Experten heute. Denn das Geld sei auch bei Menschen gelandet, die überhaupt nicht auf Unterstützung angewiesen waren. Eine Parallele zum Prinzip Gießkanne, mit dem derzeit auch in Deutschland die Bürger über Tankrabatt, 9-Euro-Ticket und der Mehrwertsteuersenkung auf Gas entlastet werden.  

In den USA fielen die Zahlungen durchaus üppig aus. Im März 2020 verabschiedete der Kongress die erste Runde: 1200 Dollar gab es pro Person oder 2400 Dollar für Ehepaare, plus 500 Dollar für Kinder im Alter unter 17 Jahren. Wer bis zu 75.000 Dollar im Jahr verdiente (Paare: 150.000 Dollar) bekam den vollen Betrag. Für eine vierköpfige Familie gab es also 3400 Dollar.  

Für Besserverdiener schrumpften die Zahlungen, wer mehr als 99.000 Dollar pro Person oder 198.000 Dollar als Paare verdiente, ging leer aus. Diese Einkommensgrenzen wurden für die zweiten und dritten Runden Schecks dann ein Stück weit abgesenkt.

Im Dezember 2020 schickte die US-Regierung noch einmal 600 Dollar pro Person, im März 2021, dann unter Joe Biden, folgte die dritte Runde: 1400 Dollar pro Kopf, 5600 Dollar gab es für eine vierköpfige Familie.

Finanzspritze für Haushalte mit 200.000 Einkommen

Die Zahlungen gingen nicht nur an die wirklich Bedürftigen, sondern landeten auch in den Portemonnaies der gehobenen Mittelschicht: Elf Prozent der Direktzahlungen an Haushalte mit einem Einkommen zwischen 100.000 und 200.000 Dollar.

Vor allem die dritten Schecks, die die Biden-Administration im Frühjahr 2021 auf den Weg brachte – zu einer Zeit, als die Wirtschaft sich bereits erholte – seien potenziell schädlich gewesen, sagen inzwischen einige Experten. Mancher Ökonom vermutet gar, dass die Direktzahlungen als Teil der üppigen Covid-Hilfspakete der Jahre 2020 und 2021 für die enorme Inflation mitverantwortlich seien, die die USA seit Monaten fest in ihrem Griff hat.

Diese Lesart ist allerdings umstritten. Mark Zandi etwa, Chefökonom von Moody’s Analytics, beziffert den Beitrag von Bidens gesamtem Rettungspaket auf die gestiegene Teuerungsrate mit 0,1 Prozent. Harvard-Professor Jason Furman wiederum, ehemals Wirtschaftsberater von Präsident Barack Obama, schätzt den Effekt eher zwischen einem und vier Prozent.

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Diese Zahlen beziehen sich allerdings auf sämtliche Stabilisierungsmaßnahmen, die der Kongress im Frühjahr 2021 verabschiedete. Die dritten Rettungsschecks kosteten das Finanzamt damals rund 240 Milliarden Dollar. Das gesamte Paket umfasst eine Höhe von 1,9 Billionen Dollar.

Dass die Direktzahlungen, die zwar Schecks heißen, aber von der Steuerbehörde IRS meist direkt in den Bankkonten der Steuerzahler deponiert wurden, quasi mit der Gießkanne ausgeschüttet wurden, war allerdings kein Unfall.

Nur eine oberflächliche Einkommensprüfung

Denn die Politik entschied sich bewusst, die Einkommensprüfung oberflächig ausfallen zu lassen und hohe Grenzwerte anzusetzen. Das Ziel war, das Geld so schnell wie möglich in die Wirtschaft zu pumpen, um dem Covid-Absturz etwas entgegenzusetzen. „Die Zahlungen waren nicht so zielgerichtet, wie sie hätten sein können, wenn der Gesetzgeber andere Möglichkeiten gehabt hätte“, so Erica York von der Tax Foundation zu CNBC. Doch sei es für den Staat wichtiger gewesen, dass die Hilfe schnell ankommt.

Dass ist immerhin gelungen. Die meisten Zahlungen gingen schnell bei den Empfängern ein. Sie erreichten rund 90 Prozent der amerikanischen Steuerzahler. Wofür die Bürger das Geld ausgaben, änderte sich jedoch im Laufe der Pandemie.

Während sie die ersten Schecks im Frühjahr 2020 vor allem für Haushaltsausgaben wie Nahrungsmittel und Stromrechnungen nutzten, wurden die späteren Schecks eher zum Sparen oder zur Schuldentilgung verwendet – ein Trend, der sich durch alle Einkommensschichten zieht. Zu diesem Ergebnis kam eine Auswertung des US Census Bureau.

Hilfe gegen Armut

Trotzdem sind die Effekte der Zahlungen nicht zu unterschätzen. Laut der Armutsmessung des U.S. Census Bureau haben die Direkthilfen im Jahr 2020 rund 11,7 Millionen Menschen aus der Armut geholt, die Armutsquote ging zurück von 11,8 auf 9,1 Prozent.

Darüber hinaus haben die Schecks die Arbeitnehmer während einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen der jüngsten Zeit entlastet, was wahrscheinlich dazu beigetragen hat, dass sich die Wirtschaft in Rekordzeit erholt hat. Zu diesem Ergebnis kommt etwa Ökonomin Tara Sinclair von der George Washington University.

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Die neuen Hilfen haben zwar derzeit noch längst nicht die Dimension wie in der Coronakrise und werden bisher nur von 17 der 50 Bundestaaten gezahlt, vor allem als Steuerrückerstattungen. Aber fraglich ist, ob solche Maßnahmen reichen werden angesichts des Inflationsdrucks oder ob wieder ein Gießkannen-Programm aufgelegt wird.  

Die „Bestie“ wird gefüttert 

Jaime Peters, stellvertretende Dekanin und Assistenzprofessorin für Finanzen an der Maryville University in St. Louis, weist auf die Umstrittenheit solcher Hilfen hin. Einige Gesetzgeber seien der Meinung, dass „inflationsbedingte Zahlungen einfach nur die Bestie füttern“, indem sie noch mehr Geld in den Markt pumpen, wo das Angebot an Gütern die Nachfrage nicht decken kann.

Biden hatte kürzlich einen Inflation Reduction Act verabschiedet, doch wie erfolgreich er damit gegen die Inflation wirken kann, ist fraglich.  

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