Schießerei in Ottawa Premier Stephen Harper spricht von Terroranschlägen

In Kanadas Hauptstadt fallen Schüsse - zuerst am Kriegsdenkmal, dann im Parlament. Ein Soldat und ein Angreifer werden getötet. Der Premierminister spricht vom zweiten Terroranschlag binnen drei Tagen.

Nach dem Attentat im Regierungsviertel der kanadischen Hauptstadt Ottawa hat Premierminister Stephen Harper ein stärkeres Engagement seines Landes im Kampf gegen den internationalen Terrorismus angekündigt. Quelle: REUTERS

Nach dem Anschlag mit zwei Toten im Regierungsviertel von Ottawa steht Kanada unter Schock. Zwar veröffentlichten Ermittler über den als 32 Jahre alten vorbestraften Verdächtigen zunächst kaum Informationen. Premierminister Stephen Harper sprach jedoch mit Blick auf die Auto-Attacke auf zwei Soldaten zu Wochenbeginn vom zweiten Terrorangriff auf kanadischem Boden binnen drei Tagen.

Laut einem Regierungsvertreter war der mutmaßliche Täter vor kurzem zum Islam konvertiert. Ob er womöglich weitere Komplizen hatte, werde man in den kommenden Tagen erfahren, kündigte Harper am Mittwochabend in einer TV-Ansprache an die Nation an. US-Präsident Barack Obama zeigte sich erschüttert, die US-Botschaft in Ottawa wurde geschlossen.

Die Tatorte im Herzen der kanadischen Hauptstadt lagen laut der Polizei weniger als eine Meile (1,6 Kilometer) voneinander entfernt. Die ersten Schüsse fielen am nationalen Kriegsdenkmal. Augenzeuge Tony Zobl beobachtete nach eigenen Angaben vom Fenster seines Büros aus, wie ein ganz in schwarz gekleideter Mann mit einem Taschentuch vor dem Gesicht den Wachsoldaten aus nächster Nähe niedergestreckt habe. Dann habe der mit einem Gewehr bewaffnete Schütze die Arme hochgereckt und eine Triumphgeste gemacht, sagte Zobl der Nachrichtenagentur Canadian Press. Dann sei der Maskierte in Richtung Parlament gestürmt.

Schießereien erschüttern Ottawa
Nach dem Anschlag auf das Parlament in Ottawa hat Ministerpräsident Stephen Harper ein härteres Vorgehen Kanadas gegen Terror-Organisationen auch im Ausland angekündigt. Kanada werde sich nicht einschüchtern lassen, sagte Harper in einer Fernsehansprache. Quelle: AP
Ein Mann hat am Mittwoch einen Soldaten der Ehrenwache an Kanadas nationalem Kriegsdenkmal in Ottawa niedergeschossen. Wiederbelebungsmaßnahmen blieben erfolglos - der Mann verstarb. Quelle: AP
Bewaffnete Sicherheitskräfte sind am Mittwochabend vor dem Parlamentsgebäude zu sehen. Es wurde umgehend abgeriegelt. Der Schütze lieferte sich einen heftigen Schusswechsel mit den Sicherheitskräften, wobei er erschossen wurde. Zunächst blieb unklar, ob es sich um einen Einzeltäter handelte oder ob er Komplizen hatte. Erste Erkenntnisse deuteten auf Verbindungen des Mannes zum Islamismus hin. Quelle: REUTERS
Mit den Ermittlungen vertraute Insider in Kanada sagten, im Zentrum der Untersuchungen stehe ein Mann aus der Provinz Quebec. Aus Gerichtsdokumenten geht hervor, dass er kürzlich wegen Raubes in Vancouver sowie wegen mehrfacher Drogendelikte in Montreal vor Gericht stand. Quelle: REUTERS
Laut Augenzeugen lief der Schütze zunächst an dem Raum vorbei, in dem sich Regierungschef Harper aufhielt. Vor der Parlamentsbibliothek wurde er schließlich erschossen. Harper hat mit Leuten aus seiner Fraktion gesprochen, als es plötzlich einen lauten Knall gab, gefolgt von einen Ra-ta-ta-ta an Schüssen", sagte das Kabinettsmitglied Tony Clement. "Es ist genau vor unserer Tür passiert." Quelle: dpa
Die Polizei sperrte das Gebiet weiträumig ab und forderte alle Passanten auf, sich vom Parlamentshügel fernzuhalten. Das Gebiet in einem Park unmittelbar am Fluss Ottawa ist sonst frei zugänglich. Der neuerliche Anschlag ist ein Schock für die Kanadier, die als friedlich und weltoffen gelten. Quelle: AP
Kanada werden zusammen mit seinen Verbündeten in der Welt noch entschiedener gegen jene terroristischen Organisationen kämpfen, die Menschen radikalisierten, damit sie die Gewalt auch an Kanadas Küsten trügen, sagte Harper in seiner Ansprache. Aus US-Regierungskreisen verlautete zuvor, tatverdächtig sei ein zum Islam konvertierter Mann. Der kanadische Geheimdienst CSIS warnt seit Jahren davor, dass sich junge Menschen radikalisieren. Nach seinen Erkenntnissen haben sich mehr als 50 Kanadier dem IS oder anderen extremistischen Gruppen im Nahen Osten angeschlossen. Quelle: dpa

Als auch dort Schüsse zu hören waren, brach Chaos und Panik aus. Menschen flohen aus dem Gebäude. Einige kletterten über ein Baugerüst herunter. Auf einem Online-Video der Zeitung „Globe and Mail“ waren Polizisten zu sehen, die mit gezogenen Waffen langsam einen Korridor im Parlament entlangliefen. Die Beamten sperrten Straßen rund um den Komplex großräumig ab.

Premierminister Harper wurde in Sicherheit gebracht. Sein Minister Tony Clement teilte per Twitter mit, es seien mindestens 30 Schüsse im Parlamentsgebäude gefallen. Zu dem Zeitpunkt hätten Liberale und Konservative gerade ihre Fraktionssitzungen abgehalten. Ein anderer Abgeordneter, Kyle Seeback, twitterte: „Ich habe mich in einem Büro eingeschlossen und warte auf die Sicherheitsleute.“

Vor dem Fraktionssaal sei der Angreifer dann vom Sicherheitsbeamten Kevin Vickers erschossen worden, teilten mehrere Regierungsbeamte mit. Mindestens drei Personen mussten wegen leichter Verletzungen später stationär behandelt werden.

Der getötete Verdächtige hatte Gerichtsakten zufolge ein langes Vorstrafenregister. Demnach gingen eine Reihe von Raubüberfällen, Drogen- und Waffendelikten sowie gewalttätige Übergriffe auf sein Konto.

Zuerst ging die Polizei von bis zu zwei weiteren Schützen aus, zumal auch an einem nahe gelegenen Einkaufszentrum Schüsse gefallen sein sollen. Doch am Abend wurde die Sperre des Regierungsviertels wieder aufgehoben, laut Polizei bestand keine Gefahr für die Öffentlichkeit mehr.

Dramatischen Szenen im Parlamentsgebäude in Ottawa

Die Sicherheitsbehörden sind dennoch alarmiert: Zwei Veranstaltungen mit der diesjährigen Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai wurden abgesagt.

Auch die benachbarten USA reagierten und erhöhten am Nationalfriedhof in Arlington bei Washington die Sicherheitsmaßnahmen. Obama bot Harper seine Unterstützung an.

Erst am Montag hatte ein vermutlich radikal-islamistischer Mann in Québec zwei Soldaten überfahren und dabei einen von ihnen getötet. Der 25 Jahre alte mutmaßliche Täter wurde nach einer Verfolgungsjagd von Polizisten erschossen. Kanada ist mit acht Kampfjets an der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat beteiligt.

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