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Die echten Handelskriege werden um Daten geführt Quelle: imago

Die echten Handelskriege werden längst um Daten geführt

87 Millionen Nutzer könnten vom Datenskandal bei Facebook betroffen sein. Das ist kein unglücklicher Zwischenfall. Das ist ein Systemrisiko und eine Kampfansage an den freien Markt der Meinungsbildung.

Es ist eine sonderbare Auslegung der österlichen Friedensbotschaft, die China und die USA da vorgenommen haben. „Schwerter zu Pflugscharen“, der Ruf steht seit diesem Osterfest nicht mehr für nukleare Ab-, sondern für protektionistische Aufrüstung. Die von US-Präsident Donald Trump verhängten Strafzölle auf Stahl und Aluminium blieben nicht unbeantwortet. Seit einigen Tagen erhebt China Strafzölle gegen die USA. Rache wird wieder weltbühnenfähig. Und doch haftet ihr der Eindruck des Überkommenen an.

Die Handelskriege unserer Zeit drehen sich nur noch vordergründig um Materie. Der wahre Kampfplatz sind die Daten. Mit ihnen lassen sich Märkte und ganze Gesellschaften manipulieren, wie wir dieser Tage erfahren müssen. Die 87 Millionen Datenprofile, die Cambridge Analytica aus Facebook abgesaugt hat, sind kein unglücklicher Zwischenfall. Sie sind ein Systemrisiko und eine Kampfansage an den freien Markt der Meinungsbildung.

Mit 87 Millionen Daten lässt sich womöglich eine Brexit-Abstimmung oder gar die US-Präsidentschaftswahl manipulieren. Darum geht es in einem Handelskrieg: das Verhalten derer zu beeinflussen, die nicht so wollen, wie man selbst will. Bei Zöllen auf Stahl und Fleisch findet das wenigstens sichtbar statt. Die neuen Handelskriege um Daten aber sind unsichtbar. Das macht sie gefährlich.

Eine US-Sicherheitsfirma hat nun einen Bericht vorgelegt, der den Einfluss von Bots auf die Preisbildung von Fluggesellschaften untersucht. Angeblich macht der Zugriff der automatisierten Programme inzwischen 44 Prozent des gesamten Datenverkehrs auf den Websites der Airlines aus. Die Bots vergleichen Preise und kaufen Sitzplätze, um sie dann überteuert an Kunden weiterzuverhökern. Das alles findet in den Tiefen des Internets statt. Dort verstecken sich Manipulationsmöglichkeiten, genutzte und noch ungenutzte, die ganze Märkte aus der Balance werfen können.

Wollen wir in der Techindustrie ernsthaft auf den „Lehman-Moment“ warten? Den 15. September 2008, als die US-Investmentbank Lehman Brothers pleiteging und die Finanzmärkte auf Talfahrt schickte? Oder auf den Fukushima-Moment, den 11. März 2011, der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk in der gleichnamigen Präfektur, der die Kernschmelze der Nuklearwirtschaft einleitete?

Märkte haben ihre eigenen Überzeugungskräfte. Schon verlangen die ersten Großinvestoren bei Facebook, Gründer und CEO Mark Zuckerberg möge abtreten und damit den Weg frei machen für eine neue Kultur der Verantwortung und Regeltreue. Wo Märkte mit ihren Mechanismen versagen, gibt es übrigens noch das Wettbewerbsrecht. So wie Wettbewerbsverzerrung auch in anderen Branchen sanktioniert wird, so sollte dies auch für die Datenwirtschaft geschehen. Unter den zehn nach Marktwert größten Unternehmen der Welt machen sechs ihr Geschäft mit Daten. Durch diese Strukturen sollte das Wettbewerbsrecht jetzt durchpflügen, bevor die Schwerter der Monopolbildung allzu scharf geworden sind.

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