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Schlusswort

Ein Grundrecht auf digitale Versorgung muss her

Rückschritt durch Fortschritt? Innovation fördert Ungleichheit. Dabei haben alle Bürgerinnen und Bürger die Chance verdient, Erfinder zu werden.

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Auch in Berlin auf dem Kurfürstendamm lassen sich die Auswirkungen der Ungleichheit beobachten. Quelle: dpa

Wer mit offenen Augen durch San Francisco spaziert, braucht wenige Minuten, um festzustellen: Hier stimmt etwas nicht. Die einst so entspannte Stadt mit Flower-Power-Flair hat sich verhärtet. Geschäftsleute und Hipster hetzen durch die Straßen, den Kaffeebecher in der Hand, während Obdachlose mitten auf dem Gehweg ihr Nachtlager aufgeschlagen haben. Es ist der Parcours einer Achterbahn durch die digitale Globalisierung, den man in dieser Stadt innerhalb weniger Hundert Meter ablaufen kann. In Berlin, München und anderen Städten lassen sich die Anfänge dieses Schleudergangs des beschleunigten Fortschritts ebenfalls beobachten.

Je innovativer eine Stadt, desto größer die soziale Ungleichheit, so das Ergebnis einer neuen Studie, die erklären kann, was da passiert. Ein nordamerikanisches Forscherteam hat anhand von zwei Millionen Patenten aus den vergangenen 40 Jahren untersucht, wie Innovation mit ökonomischer Ungleichheit zusammenhängt. Das Ergebnis muss uns beunruhigen. Je mehr technischen Fortschritt es gibt, je mehr Neues erfunden und als Patent angemeldet wird, desto tiefer wird der soziale Graben, der sich durch die Bevölkerung zieht.

Wie bitte? Galt bislang nicht exakt das Gegenteil? Erfindergeist treibt Wachstum und Wohlstand, so die einhellige Annahme. Wenn das gerade bei technologischen Neuerungen nicht der Fall ist, stehen der digitalen Gesellschaft harte Zeiten bevor. Wo die Unternehmen des Fortschritts sich ansiedeln, beginnt für manche Bevölkerungsteile der wirtschaftliche Rückschritt. Immer mehr Menschen ziehen ins Umfeld der innovativen Unternehmen. Sie verdienen gut und schaffen damit eine Nachfrage nach hochwertigen und hochpreisigen Angeboten, wie Coffee Shops, Yogastudios und Privatschulen. Und die sorgen wiederum für Nachschub von wohlhabenden Nachbarn. Ein sich selbst verstärkender Prozess, der irgendwann ganze Bevölkerungsgruppen aussortiert hat.

In den nächsten zehn Jahren erwarten uns tief greifende Veränderungen durch neue Technologien: Selbstfahrende Autos kutschieren uns durch die Straßen, Roboter arbeiten in Werkshallen, die künstliche Intelligenz übernimmt die Führung bei allem, was man über die Auswertung von Daten besser und schneller machen kann. Am Ende sitzen dann ein paar kluge Erfinder in ihren geschützten Hochburgen der technischen Neuerungen. Sie müssen sich, vermutlich wiederum mithilfe von Technik, gegen die ökonomisch Abgehängten verteidigen, die irgendwann zum Sturm auf die Bastille ihres analogen Elends blasen.

So mag man sich die Zukunft lieber nicht vorstellen. Deshalb brauchen wir ein Grundrecht auf digitale Versorgung und Bildung in der Gesellschaft. Es wäre gut, wenn die neue Regierung dieses Thema ganz vorne auf die Agenda setzen und dort auch behalten würde. Nur so bekommen alle Bürgerinnen und Bürger die Chance, Erfinder zu werden – auch für ihr eigenes Leben.

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