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Schnellzug entgleist Lokführer des Unglückszuges sagt frühestens Sonntag aus

Nach der Zugkatastrophe mit 78 Toten in Nordwesten Spaniens soll der Lokführer frühestens am Sonntag dem Untersuchungsrichter vorgeführt werden. Er solle nicht im Krankenhaus, sondern vor Gericht vernommen werden.

Mindestens 77 Tote bei Zugunglück in Spanien
Beim schwersten Zugunglück in Spanien seit Jahrzehnten wurden zahlreiche Menschen getötet und verletzt. Am frühen Donnerstagmorgen berichtete das spanische Fernsehen, dass 77 Menschen ums Leben gekommen seien. Es sei nicht auszuschließen, dass noch weitere Tote gefunden würden. 140 Menschen seien verletzt worden. Quelle: dpa
Nach ersten Informationen war der Zug offensichtlich viel zu schnell in eine Kurve eingebogen. Die spanische Eisenbahngesellschaft Renfe warnte vor vorschnellen Schlussfolgerungen und versprach eine gründliche Untersuchung der Unfallursache. Quelle: dpa
In Regierungskreisen hieß es, zum Grund der Entgleisung werde es erst dann eine offizielle Stellungnahme geben, wenn der Fahrtenschreiber des Zuges ausgewertet sei. Es sei aber sehr wahrscheinlich ein Unfall gewesen und keine Sabotage oder ein Anschlag. Auch wenn die Regierung von einem Unfall ausgeht, weckt die Katastrophe doch Erinnerungen an das Jahr 2004. Damals wurden bei Anschlägen von Islamisten auf Züge in Madrid 191 Menschen getötet. Quelle: AP
Der Unglückszug hatte sich auf der Fahrt von Madrid zur Küstenstadt El Ferrol im Nordwesten Spaniens befunden. Er war mit mehr als 200 Fahrgästen besetzt gewesen. Quelle: dpa
In einer Kurve nach einem Tunnel sprangen mehrere Waggons des Schnellzugs aus den Schienen und überschlugen sich. Mindestens ein Wagen fing Feuer, wie der Präsident der Regionalregierung von Galicien, Alberto Núñez Feijóo, dem Radiosender Cadena Ser sagte. Quelle: dpa
Insassen berichteten, dass sie kurz vor dem Unglück starke Vibrationen gespürt hätten. „Der Zug war sehr schnell unterwegs, entgleiste und überschlug sich in der Kurve“, sagte Passagier Sergio Prego dem Radiosender Cadena Ser. „Es ist eine Katastrophe. Ich hatte sehr viel Glück, weil ich einer der wenigen bin, die aus dem Zug herauskamen.“ Quelle: dpa
Rettungskräfte versuchen, zu eingeschlossenen Passagieren vorzudringen. Die Arbeiten gestalten sich schwierig, da die Waggons teils völlig verkeilt sind. Quelle: dpa

Francisco José Garzón wird der Fahrlässigkeit beschuldigt, wie das Oberlandesgericht der Autonomen Region Galicien (TSJG) mitteilte. Am Freitag hatte Garzón nach Medienberichten die Aussage bei der Polizei verweigert. Der 52-Jährige war zuvor im Krankenhausbett festgenommen worden. Ihm wurden seine Rechte mitgeteilt. Er hat die Aussage bei der Polizei verweigert, wie spanische Medien am Freitagabend berichteten.

Der Eisenbahner hätte den Bremsvorgang gemäß den Sicherheitsvorschriften schon vier Kilometer vor der Unfallstelle bei Santiago de Compostela beginnen müssen. Das sagte der Präsident der Eisenbahninfrastruktur-Behörde Adif, Gonzalo Ferre, am Freitag der spanischen Nachrichtenagentur EFE.
Garzón, der beim Unfall mit einer Kopfverletzung davongekommen war, sei bereits am Donnerstag festgenommen worden, sagte der Chef der Polizei der Autonomen Region Galicien, Jaime Iglesias. Er werde „einer Straftat in Zusammenhang mit dem Unglück“ verdächtigt und solle bald als Beschuldigter aussagen. Einem Bericht der Zeitung „El Mundo“ zufolge soll Garzón kurz nach dem Unglück gesagt haben: „Ich habe es vermasselt, ich möchte sterben.“ Laut Medien hat der Lokführer eingeräumt, viel zu schnell gefahren zu sein. Den Grund dafür nannte er demnach noch nicht.

Welches ist das sicherste Verkehrsmittel?
Nach einer Analyse der Daten des Statistischen Bundesamts kamen im Durchschnitt zwischen 2004 und 2011 mit der Bahn 0,05 Reisende pro Milliarde Personenkilometer ums Leben. Bei Busfahrten waren es 0,19 Reisende. Personenkilometer ist die Zahl der Fahrgäste multipliziert mit der zurückgelegten Entfernung in Kilometern. Was in Deutschland gilt, ist im Rest von Europa nicht anders: Die Schiene ist die deutlich sicherere Alternative zum Pkw. Allerdings gibt es bei der Zahl der Verunglückten große Unterschiede. Quelle: dapd
Auch wenn die Zahl der Verkehrstoten insgesamt zurückgeht, bleibt die Straße für junge Menschen in Deutschland Todesursache Nummer eins. 2008* starben 2368 Reisende bei einem Unfall mit dem Pkw. Pro Milliarden gefahrenen Kilometer waren es im Schnitt 2,77 Menschen. Auch das Verletzungsrisiko ist im Straßenverkehr groß - pro Milliarden Reisekilometer sind es 262,75. ( * Aktuellere Zahlen hat das Amt für Statistik bislang nicht ausgewertet.) Quelle: dpa
Die Zahl der Toten durch Busunglücke war 2008 mit insgesamt zehn deutlich geringer. Das liegt nicht auch daran, dass weniger Menschen per Bus reisen. Doch auch gerechnet auf eine Milliarde Reisekilometer ist das Verkehrsmittel sicherer als der Pkw: 0,16 Menschen sterben im Schnitt, 78,66 verletzten sich. Quelle: ap
Auch wenn es immer wieder zu tragischen Unglücken kommt - wie hier Anfang 2011 in Hordorf - ist das Reisen mit der Bahn am sichersten. 2008 starb ein Mensch durch Reisen mit dem Zug. Auf eine Milliarde Reisekilometer kamen 0,01 Tote und 1,92 Verletzte. Auch im mehrjährigen Schnitt ist das Todesrisiko im Pkw 63-mal höher als im Zug. Quelle: dpa
Doch auch in der Geschichte der Bahn finden sich tragische Unglücke. Beim schlimmsten Zugunfall in der deutschen Nachkriegsgeschichte starben am 3. Juni 1998 in Eschede 101 Menschen, nachdem ein ICE entgleiste. Im gleichen Monat verunglückten 684 Menschen tödlich im Straßenverkehr. Quelle: ap
Nicht immer müssen Unfälle tödlich enden. Doch auch die Zahl der Verletzten liegt bei den Auto- und Busunfällen höher als bei Bahnfahrern. Allein im Jahr 2008 ereigneten sich weit mehr als zwei Millionen polizeilich erfasste Unfälle im Straßenverkehr. Dabei wurden täglich mehr als 1100 Menschen verletzt. Auf der Schiene waren es dagegen 158 verletzte Reisende, also weniger als ein Verletzter in zwei Tagen. Quelle: dpa
Damit ist das Risiko, sich bei Reisen mit dem Pkw zu verletzen, im Durchschnitt 96-mal größer als bei einer Reise mit dem Zug. Die Bahn ist auch gegenüber dem Bus im Vorteil. Im Zug ist das Verletzungsrisiko rund 27-mal niedriger als im Bus. Quelle: dpa

Auch die Auswertung des Fahrtenschreibers soll den Ermittlern Aufschlüsse zur Klärung des schwersten Eisenbahnunglücks in Spanien seit mehr als 40 Jahren geben. Ferre betonte, alle Sicherheitssysteme hätten funktioniert, für den Fall eines Systemausfalls verfüge der Lokführer aber über einen genauen Plan mit allen Anweisungen. Behördenchef Ferre sagte: „Das ist ja die Aufgabe des Lokführers: die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Sonst wäre er Passagier.“
Wie die zu hohe Geschwindigkeit zu erklären ist, mit der der Zug nach bisherigen Erkenntnissen in die Kurve vier Kilometer vor dem Bahnhof des Wallfahrtsortes einfuhr, ist weiter unklar. Die Lokführer-Gewerkschaft Semaf nahm den Lokführer in Schutz und erklärte, das Sicherheitssystem kurz vor Santiago beim Übergang von Hochgeschwindigkeits- auf Normalstrecke sei ungeeignet. Bau- und Verkehrsministerin Ana Pastor wies dies zurück.

Wie Galiciens Regionalbehörden mitteilten, wurden beim Unfall 178 Fahrgäste verletzt. Rund 30 Menschen lagen am Samstag noch in kritischem Zustand im Krankenhaus Clinico de Santiago, wo auch der am Kopf leicht verletzte Garzón behandelt wurde. Die offizielle Trauerfeier für die 78 Todesopfer des Unglücks soll am Montag in der Kathedrale von Santiago stattfinden.

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