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Schuldenkrise Gefährliche Rettung der Pleitestaaten

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Für Griechenland wäre das eine 180-Grad-Wende. Denn die Hellenen sind nicht fürs Sparen bekannt. Seit drei Jahrzehnten laufen die Staatsfinanzen aus dem Ruder, in den vergangenen Jahren lagen die Ausgaben des Staates im Schnitt bei 45 Prozent des BIPs. Die Steuereinnahmen erreichten hingegen nur etwa 40 Prozent des BIPs, mit fallender Tendenz.

Die griechische Misere ist aber nicht allein der mangelnden Ausgabendisziplin der Regierung und der schlechten Steuermoral der Griechen geschuldet. Der Kern der Probleme liegt in der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft. Das Defizit in der Leistungsbilanz, die den Saldo der im Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr mit dem Ausland erwirtschafteten Mittel erfasst, kletterte von 5,5 Prozent des BIPs im Jahr 2002 auf fast 15 Prozent im Jahr 2008. Im vergangenen Jahr sank der Negativsaldo zwar auf 9,6 Prozent. Das aber liegt nicht etwa an der wachsenden Beliebtheit griechischer Produkte im Ausland, sondern an den rezessionsbedingt sinkenden Einfuhren.

Das Grundübel bleibt: Die Griechen produzieren zu wenig und konsumieren zu viel. Mehr als 70 Prozent des BIPs gehen auf das Konto des privaten Verbrauchs. In Deutschland sind es nur 57 Prozent. Der Euro hat diese Fehlentwicklung noch verstärkt. Der durch den Euro-Beitritt gesunkene Zins hat die Griechen zu einem Leben auf Pump verführt, das sie sich mit der Drachme nicht hätten leisten können. Seit der Euro-Einführung 2002 hat sich die Summe der Verbraucherkredite von knapp 7 auf 36 Milliarden Euro mehr als verfünffacht.

Deregulierung als Schlüssel zum Wachstum des BIP

Weil die Löhne deutlich stärker zulegten als die Produktivität, stiegen die Lohnstückkosten – und mit ihnen die Preise der hergestellten Güter und Dienstleistungen. Nach Berechnungen der Bank von Griechenland hat sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit des Landes seit dem Beginn der Währungsunion um fast 28 Prozent verschlechtert. Denn der Euro nahm den Griechen die Möglichkeit, ihre Währung abzuwerten und die vergleichsweise hohe Teuerungsrate auszugleichen.

Die Ökonomen der Commerzbank halten aus diesem Grund „fundamentale Reformen für entscheidend, um die öffentlichen Haushalte langfristig erfolgreich zu sanieren“. Doch der Weg dahin ist steinig. Große Bereiche des Transportwesens, des Handels und der Dienstleistungen sind seit Jahrzehnten staatlich strikt reglementiert und gegen Wettbewerb abgeschottet. Der Ökonomieprofessor Giannis Stournaras, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts IOBE, veranschlagt, dass eine konsequente Deregulierung über die nächsten drei Jahre das BIP um zehn Prozentpunkte stärker wachsen lassen könnte.

Streiks schrecken Touristen ab

Der Tourismus, der 18 Prozent des BIPs ausmacht und fast jeden fünften Arbeitsplatz stellt, leidet unter Image- und Strukturproblemen. Die Negativschlagzeilen über den drohenden Staatsbankrott sowie die Fernsehbilder von Streiks und Protesten schrecken viele Reisende ab. Die Buchungszahlen für die Sommersaison sind im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent eingebrochen.

Etwas günstiger ist die Lage in der Handelsschifffahrt, die von der anziehenden Weltkonjunktur profitiert. Griechische Reeder betreiben die größte Handelsflotte der Welt. Schon frühere Krisen meisterten die Nachfahren des Odysseus mit geschickten antizyklischen Strategien. Auch jetzt orderten sie in der Krise bei den Werften neue Schiffe zu Dumpingpreisen. Der gegenwärtige Auftragsbestand der griechischen Reeder beläuft sich auf nahezu 1000 Schiffe. Doch mit Reederei allein wird sich Griechenland nicht aus der Krise befreien können, zumal der Schifffahrtsektor nur rund vier Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Die Ökonomen von Standard & Poor’s rechnen daher frühestens für 2016 wieder mit einen Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts.

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