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Schuldenkrise "Währungsabwertung ist ein süßes Gift"

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Goldmünzen und kleine Quelle: dpa

Also rückt der Untergang näher?

Das will ich so nicht sagen. Ich glaube aber, wir erleben gerade das Ende des Systems und der Märkte, wie wir sie nach dem zweiten Weltkrieg gekannt haben. Wir haben das neue System noch nicht gefunden. Was aktuell passiert, ist das Experiment der Reflationierung. Ob das gelingt oder zu massiven Fehlentwicklungen führen wird, wirtschaftlich und politisch, wissen wir alle nicht mit Sicherheit. Aber jeder, der schon einmal in die Geschichtsbücher geschaut hat, ahnt, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass es völlig entgleitet.

Reicht nicht der normale Menschenverstand aus, um zu erkennen, dass es auf Dauer nicht funktionieren kann, eine Schuldenkrise mit noch mehr Schulden zu bekämpfen?

Das sollte man meinen, aber ich glaube, die meisten Politiker sind mit diesem Thema überfordert, weil sie die Zusammenhänge nicht verstehen...

...und von ihrem eigenen Versagen ablenken, indem sie etwa von Angriffskriegen der Spekulanten gegen den Euro reden...

... was so ja überhaupt nicht stimmt, denn es ist der Markt, der den Euro drückt. Und der Markt besteht aus Banken, Versicherungen, Pensionskassen, privaten Anlegern, Firmen mit liquiden Mitteln. Alle müssen irgendwie ihr Geld anlegen. Wenn die merken, dass irgendwo etwas faul ist, nehmen sie dort ihr Geld weg. Das führt zu entsprechenden Marktentwicklungen. Weil Märkte massenpsychologische Veranstaltungen sind, neigen sie dazu, zu überschießen – nach unten wie nach oben.

Das gilt als Marktversagen und der Marktmechanismus wird ausgehebelt.

Weil die Politik es nicht mag, wenn ihr der Markt die schmerzhafte Wahrheit sagt. Wir sind schon in einer Phase eines gravierenden Populismus angekommen mit zunehmend dirigistischer Maßnahmen der Behörden. Die greifen immer mehr ein, ändern die Spielregeln, setzen sich über Gesetze und Verträge hinweg. Ich weiß nicht, wie oft man die Maastrichter Verträge schon gebrochen hat, aber darüber spricht die hohe Politik natürlich nicht.

In Deutschland werden ungedeckte Leerverkäufe verboten, eine Finanztransaktionssteuer vorbereitet. Sind irgendwann auch Kapitalverkehrskontrollen denkbar?

Wenn weiter versucht wird, den Euro mit dirigistischen Maßnahmen und Umverteilung so zu erhalten, wie er sich heute darstellt, kann das durchaus eines Tages in Kapitalverkehrskontrollen münden. Die Marschrichtung der Politik ist nicht nur falsch, sondern brandgefährlich.

Welche Währung taugt als Alternative?

Im Prinzip sind alle Währungen der Industrieländer krank und nicht mehr stabil, weil niemand die Geldschöpfung kontrolliert. Eine Alternative wären Währungen von Volkswirtschaften, in denen die Gesamtverschuldung und die zukünftigen Verpflichtungen aus den Sozialsystemen noch überschaubar sind und in denen das natürliche Wachstum potenziell größer ist. Das führt Sie automatisch nach Asien, etwa in den Singapur-Dollar. In Europa dürfte der Schweizer Franken eine Alternative sein, aber vermutlich keine optimale. Die Schweiz ist wirtschaftlich sehr eng mit Europa verflochten und kann sich dem nicht entziehen. Der teilweise erpresserische Druck der EU auf die wohlhabende Schweiz wird zunehmen.

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