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Schuldenkrise "Währungsabwertung ist ein süßes Gift"

Vermögensverwalter Felix W. Zulauf fürchtet Kapitalverkehrskontrollen und kauft Gold, Singapur-Dollar, Bundesanleihen und Aktien großer Konsumgüterhersteller.

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Felix W. Zulauf

Herr Zulauf, woran kranken die Finanzsysteme der westlichen Industriestaaten?

Das übergeordnete Problem ist ein zu hoher Kreditbestand im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, das sich immer mehr verschärft hat. Wir bewegen uns in der Fiktion, weiter über unsere Verhältnisse leben zu können und glauben, wenn es in der Privatwirtschaft nicht mehr weitergeht, dann kommt der Staat, nimmt die Probleme auf seine Bücher und alles geht einfach so weiter. Doch jetzt kommen wir in eine neue Ära, weil das die Märkte nun nicht mehr tolerieren. Griechenland ist als erstes Land am Ende dieser Sackgasse an die Wand gefahren. Durch das enge Korsett des Euro konnte Griechenland sein Defizit nicht über die Notenpresse und über eine Währungsabwertung finanzieren. Deshalb sind wir in Europa zuerst an diesem Punkt angekommen.

Hat es Sie überrascht, dass die EZB so rasch umgefallen ist und jetzt marode Staatsanleihen aufkauft?

Nein, der Weg war vorgezeichnet durch die Fehlkonstruktion des Euro. Volkswirtschaften mit völlig unterschiedlichen Strukturen und Wettbewerbsfähigkeiten wurden in ein Korsett mit gleicher Währungs- und Zinspolitik gepresst. Das führt auf Dauer zu großen Ungleichgewichten zwischen den Volkswirtschaften und Stress. Dieser Stress ist mit dem vom Deutschen Bundestag in der vergangenen Woche verabschiedeten Rettungspaket ja nicht beseitigt. Bis vor einem Jahr glaubte noch jeder, der Euro sei eine Fortsetzung der D-Mark. Diesen Irrtum hat die Welt plötzlich erkannt und schockartig den Euro verkauft. Ich glaube, dass der Euro eine Schwachwährung wird.

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    Wird der Euro überleben?

    Es gibt drei Möglichkeiten. Entweder, man macht eine politische Union, installiert also eine Euro-Regierung und gibt die Souveränität der Nationalstaaten auf. Ich glaube, das ist in der heutigen Zeit unrealistisch. Oder man macht, wie es jetzt passiert, eine Transferunion. Das geht aber nur bis zu einem gewissen Grad. Wird dieser überschritten, werden die deutschen Bundesbürger dagegen revoltieren und sagen: „Bis hierher und nicht weiter!“ Letztlich erreicht man genau das, was man eigentlich verhindern wollte mit dem Euro – einen wachsenden Nationalismus.

    Die dritte Variante?

    Sie werten die Währung derart ab, dass auch die schwächsten Mitglieder mit dieser Währung einigermaßen wettbewerbsfähig werden. Das ist der einfachste Weg. Dazu hat man die EZB jetzt verurteilt.

    Die vorübergehende Rettung Griechenlands wird, wie die Bankenrettung 2008 auch, von der Politik als alternativlos verkauft. Was wären die Alternativen gewesen?

    Wenn jemand überschuldet ist, dann muss man die Schulden restrukturieren. Dann verlieren die Gläubiger einen Teil ihrer Forderungen. Das ist normal in einem marktwirtschaftlichen System. Doch man hat nicht restrukturiert, weil das gleiche Problem auch bei anderen Ländern aufgetreten und das europäische Bankensystem massiv unter Druck geraten wäre. Die Rettung Griechenlands war eigentlich eine zweite Rettung des europäischen Bankensystems. Ob sie richtig war, wage ich zu bezweifeln.

    Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat kürzlich im zweiten deutschen Staatsfernsehen die Rettungsaktion vehement verteidigt.

    Das habe ich auch gesehen. Er hat das ganz gut gemacht und versucht, mehr Sachlichkeit in die Diskussion zu bringen. Ich glaube, dass seine Aussagen ehrlich waren, auch diejenige zu Griechenland. Nicht nachvollziehen kann ich aber, wie man eine Großbank mit nur gut zwei Prozent Eigenkapital durch die Krise führen will. Das Kreditsystem, insbesondere in Europe und USA, muss auf solide Beine gestellt werden, indem die Kapitalbasis massiv erhöht wird. Das muss international abgestimmt werden. Leider hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich vor der Krise genau das Gegenteil gemacht und die Eigenkapitalvorschriften gelockert.

    Wie hätten Sie die Krise bekämpft?

    Schon in der ersten Bankenkrise hätte man die Banken flächendeckend verstaatlichen müssen – mitten in der Krise, zu günstigen Kursen, denn das System war damals faktisch pleite. Dann hätte man die Anleihegläubiger zwingen müssen, einen Teil ihrer Anleihen in Eigenkapital zu wandeln. Schließlich hätte man den Banken auferlegt, ein paar Jahre keine Dividenden und keine Boni zu zahlen, um das Geld in der Bank zu lassen. Das Bankensystem ist massiv unterkapitalisiert ist, besonders in Europa. Das ist natürlich eine radikale Lösung, sie hätte uns aber viele Probleme erspart.

    Steckt der Kapitalismus in der Krise, weil man ihn nicht zugelassen hat?

    Wir haben ja kein Marktsystem mehr, denn schwache Teilnehmer am Markt werden immer vom Staat durchgefüttert. Das führt mit der Zeit zu einer immensen Schwäche des ganzen Systems. Leider haben wir keinen Kapitalismus mehr, dafür eine über Jahrzehnte fehlgesteuerte Wirtschaftspolitik mit zunehmendem Staatsinterventionismus und wachsendem Staatsanteil an unseren Volkswirtschaften. Dieses Verhalten hat uns in eine Situation gebracht, jedem wirtschaftlichen Problem mit zusätzlicher Geldschöpfung zu begegnen, so dass wir vor immer größeren Schuldenbergen stehen.

    Was muss passieren?

    Der Kreditbestand muss relativ zur Wirtschaftsleitung kleiner werden.

    Welche Wege führen dahin?

    Das kann deflationär passieren, wenn wir vermehrt sparen und Kredite zurückzahlen, oder inflationär durch laufendes Gelddrucken und einer massiven Geldentwertung. Ich glaube, dieses Jahrzehnt ist eine Übergangsphase von der alten Welt in eine neue Welt. Es ist noch nicht entschieden, wie dieser Prozess genau abläuft. Einerseits wirken große deflationäre Kräfte aufgrund der hohen Verschuldung. Andererseits stemmen sich die Regierungen mit einer inflationären Politik dagegen. Das ist ein Tanz auf dem Hochseil. Wir wissen heute noch nicht mit Sicherheit, wie dieses Spiel ausgeht. Aber wir wissen, dass die Bürger so oder so die großen Verlierer sein werden.

    Notenbanken und Regierungen können unbegrenzt Geld drucken.

    Vorausgesetzt, sie haben die Souveränität über die eigene Währung, wie etwa die Amerikaner oder die Engländer. Die können natürlich sagen: Wir brauchen einen großen Staatshaushalt, um das System zu retten und Nachfrage zu schaffen. Das finanzieren wir zunächst über den Kapitalmarkt. Wenn der dann nicht mehr mitmacht, so schöpfen wir direkt Geld über die Notenpresse. Spätestens dann bricht die Währung ein und Sie bekommen über diese Währungsabwertung Inflation. In der Folge ziehen sich private Investoren komplett zurück aus dieser Währung und ihrem Kapitalmarkt und die Inflation beschleunigt sich. Das führt unweigerlich ins Chaos. Am Ende steht eine Währungsreform.

    Dann befinden sich Wirtschaftsvertreter und Ökonomen auf dem Holzweg, die einen schwachen Euro begrüßen. Ist im Gegenteil nicht gerade eine starke Währung ein untrügliches Zeichen für eine wettbewerbsfähige Wirtschaft?

    So ist es. Es gibt in der Wirtschaftsgeschichte kein einziges Beispiel einer erfolgreichen und prosperierenden Volkswirtschaft mit einer schwachen Währung. Wenn das so wäre, dann müsste Simbabwe die stärkste Volkswirtschaft haben.

    Warum wird das Gegenteil propagiert?

    Eine Währungsabwertung ist ein süßes Gift – für eine gewisse Zeit. De facto ist sie natürlich ein Betrug am Sparer. Aber das wird dem Volk erst klar, wenn es zu spät ist. Ich halte das für eine unverantwortliche Politik...

    ...auch wegen der zerstörerischen gesellschaftlichen Wirkung?

    Auf jeden Fall.

    Goldmünzen und kleine Quelle: dpa

    Also rückt der Untergang näher?

    Das will ich so nicht sagen. Ich glaube aber, wir erleben gerade das Ende des Systems und der Märkte, wie wir sie nach dem zweiten Weltkrieg gekannt haben. Wir haben das neue System noch nicht gefunden. Was aktuell passiert, ist das Experiment der Reflationierung. Ob das gelingt oder zu massiven Fehlentwicklungen führen wird, wirtschaftlich und politisch, wissen wir alle nicht mit Sicherheit. Aber jeder, der schon einmal in die Geschichtsbücher geschaut hat, ahnt, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass es völlig entgleitet.

    Reicht nicht der normale Menschenverstand aus, um zu erkennen, dass es auf Dauer nicht funktionieren kann, eine Schuldenkrise mit noch mehr Schulden zu bekämpfen?

    Das sollte man meinen, aber ich glaube, die meisten Politiker sind mit diesem Thema überfordert, weil sie die Zusammenhänge nicht verstehen...

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      ...und von ihrem eigenen Versagen ablenken, indem sie etwa von Angriffskriegen der Spekulanten gegen den Euro reden...

      ... was so ja überhaupt nicht stimmt, denn es ist der Markt, der den Euro drückt. Und der Markt besteht aus Banken, Versicherungen, Pensionskassen, privaten Anlegern, Firmen mit liquiden Mitteln. Alle müssen irgendwie ihr Geld anlegen. Wenn die merken, dass irgendwo etwas faul ist, nehmen sie dort ihr Geld weg. Das führt zu entsprechenden Marktentwicklungen. Weil Märkte massenpsychologische Veranstaltungen sind, neigen sie dazu, zu überschießen – nach unten wie nach oben.

      Das gilt als Marktversagen und der Marktmechanismus wird ausgehebelt.

      Weil die Politik es nicht mag, wenn ihr der Markt die schmerzhafte Wahrheit sagt. Wir sind schon in einer Phase eines gravierenden Populismus angekommen mit zunehmend dirigistischer Maßnahmen der Behörden. Die greifen immer mehr ein, ändern die Spielregeln, setzen sich über Gesetze und Verträge hinweg. Ich weiß nicht, wie oft man die Maastrichter Verträge schon gebrochen hat, aber darüber spricht die hohe Politik natürlich nicht.

      In Deutschland werden ungedeckte Leerverkäufe verboten, eine Finanztransaktionssteuer vorbereitet. Sind irgendwann auch Kapitalverkehrskontrollen denkbar?

      Wenn weiter versucht wird, den Euro mit dirigistischen Maßnahmen und Umverteilung so zu erhalten, wie er sich heute darstellt, kann das durchaus eines Tages in Kapitalverkehrskontrollen münden. Die Marschrichtung der Politik ist nicht nur falsch, sondern brandgefährlich.

      Welche Währung taugt als Alternative?

      Im Prinzip sind alle Währungen der Industrieländer krank und nicht mehr stabil, weil niemand die Geldschöpfung kontrolliert. Eine Alternative wären Währungen von Volkswirtschaften, in denen die Gesamtverschuldung und die zukünftigen Verpflichtungen aus den Sozialsystemen noch überschaubar sind und in denen das natürliche Wachstum potenziell größer ist. Das führt Sie automatisch nach Asien, etwa in den Singapur-Dollar. In Europa dürfte der Schweizer Franken eine Alternative sein, aber vermutlich keine optimale. Die Schweiz ist wirtschaftlich sehr eng mit Europa verflochten und kann sich dem nicht entziehen. Der teilweise erpresserische Druck der EU auf die wohlhabende Schweiz wird zunehmen.

      Ihre ultimative Währung?

      Gold. Gold ist eine Währung, die sich von der Politik nicht per Knopfdruck oder Federstrich vermehren lässt. Gold stehen keine Verbindlichkeiten gegenüber. Wenn Sie sich die Geschichte des Goldes ansehen, wandert Gold ab aus Regionen, in denen der Wohlstand abnimmt. Es wandert dorthin, wo der Wohlstand wächst. In den vergangenen 15 Jahren haben die Europäer massiv Gold verkauft, während die Asiaten die großen Käufer waren. Ich würde Anlegern empfehlen, zumindest mit einem Teil ihres Vermögens da mitzumachen.

      Wie hoch darf der Anteil sein?

      Das ist immer eine Frage des persönlichen Geschmacks, ich würde ihn bei zehn bis 20 Prozent ansiedeln. Wer noch kein physisches Gold besitzt, sollte aber lieber nicht gleich alles setzen, sondern die Käufe über die nächsten Monate verteilen.

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        Sie rechnen mit einem Rückschlag?

        Wenn die Zentralbanken, wie sie es angekündigt haben, tatsächlich eine Pause machen beim Quantitative Easing, also mit dem Gelddrucken, so könnte das an allen Märkten nochmals zu größeren Schwächen führen.

        Die Konjunktur läuft noch recht ordentlich.

        Das stimmt. Aber der Prozess des Lageraufbaus dürfte bald abgeschlossen sein. Damit rechne ich im Herbst. Bei den Einkaufsmanagerindizes nahezu aller Volkswirtschaften zeichnen sich gerade Gipfelbildungen ab. Das war bisher stets ein Signal, dass es in den darauffolgenden Monaten an den Märkten abwärts geht. Die Notenbanken werden deshalb nicht lange durchhalten mit dem Liquiditätsentzug. Andernfalls bekommen die Märkte Schüttelfröste. Das System ist wie ein Drogenjunkie, dem man nichts anmerkt, wenn er seinen Stoff bekommen hat. Aber sobald die Wirkung nachlässt, beginnt es wieder zu schütteln, und dann muss die nächste Spritze gesetzt werden. Und die wird kommen, mit erhöhter Dosis...

        ...bis zum letzten, dem goldenen Schuss.

        So kann man das sagen.

        Wie legen Sie Ihr Kapital an?

        Geld anlegen ist in der heutigen Zeit natürlich sehr schwierig. Sie bekommen für das Kapital risikofrei praktisch keinen Zins mehr. Eigentlich geht es nicht mehr um die Frage, wo Sie die meiste Performance machen, sondern um die Frage, wo mein Geld überhaupt noch sicher ist. Früher bin ich gern konzentrierte Wetten eingegangen. Heute ist das zu gefährlich. Neben Gold halte ich als Schweizer natürlich viel Schweizer Franken, aber auch ein paar Fremdwährungen, wie den Singapur-Dollar und den US-Dollar. Als große Liquiditätsmasse würde ich zwei bis vierjährige Bundesanleihen nehmen.

        Auch die Bonität Deutschlands leidet.

        Schon. Ich kaufe die Papiere auch nicht, weil sie eine großartige Rendite bringen, sondern weil sie jederzeit liquide sind. Möglicherweise muss ja in den kommenden Jahren einmal groß umdisponiert werden.

        Wie sieht es aus mit Aktien?

        Ich erwarte nach wie vor noch keine guten Renditen von Aktien über die nächsten 12 bis 18 Monate. Aber es macht Sinn, Beteiligungen an Unternehmen zu halten, die vermutlich auch in einer neuen Welt funktionieren werden.

        Welche wären das?

        Solide Gesellschaften, die den täglichen Bedarf des Konsumenten abdecken, etwa Unilever, Procter & Gamble, Nestlé und Coca-Cola. Telekomgesellschaften und integrierte Ölkonzerne gehören auch dazu. Energieversorger sehe ich eher problematisch, weil ihnen in einem Extremszenario Verstaatlichungen drohen könnten.

        Und Minenkonzerne?

        Da bin ich mir nicht sicher. Schauen sie nach Australien. Dort will man eine Spezialsteuer für Minen einführen. Rohstoffe würde ich eher meiden in den nächsten zwölf Monaten, vor allem mit Blick auf China. China befindet sich in einer gefährlichen Lage, das signalisiert schon der schwache Aktienmarkt dort. Auch die Chinesen können die Gesetze der Ökonomie nicht außer Kraft setzen. Wenn die China-Blase platzt, wird das der Weltwirtschaft einen Schlag versetzen.

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