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Schuldenkrise Wer kassiert unser Geld der Griechenland-Rettung?

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Im Mittelalter wurden staatliche Schulden national beglichen: Der Schuldner war die Regierung von Florenz, die Gläubiger waren die Bürger von Florenz. Heute verkauft fast jeder Staat seine Anleihen überall auf der Erde, an jeden, der sie haben will. Das Geld des eigenen Volkes reicht oft nicht mehr aus, um einen Staat zu finanzieren.

Griechische Anleihen wollten viele haben in den vergangenen Jahren. Griechenland schien finanztechnisch ein reizvolles Land zu sein: Mitglied der Euro-Zone, ordentliches Wirtschaftswachstum, niedrige Inflation. Banken aus Singapur und Hongkong transferierten Geld nach Athen, Investmentfonds aus New York und Luxemburg kauften Anleihen – und auch der Arbeitgeber von Jörg Ladwein aus Stuttgart. Ladwein, 44, gelernter Bankkaufmann und Betriebswirt, ist Anlagechef der Allianz Leben, dem größten deutschen Lebensversicherer. Sein Job ist es, das Vermögen seiner Kunden zu vergrößern.

"Allianz Leben" investierte eine Milliarde in Griechenland-Bonds

Acht Millionen Bundesbürger haben eine Lebensversicherung bei der Allianz abgeschlossen. Facharbeiter und Verkäuferinnen, Architekten und Anwälte. Sie alle überweisen dem Konzern jeden Monat einen Teil ihres Einkommens. 150 Milliarden Euro haben die Kunden der Versicherung anvertraut. Ladwein legt das Geld möglichst so an, dass es sich vermehrt. Einmal im Jahr erhalten die Kunden einen Brief, in dem steht, wie viel Kapital der Konzern für sie erwirtschaftet hat. War Ladwein gut, steht in den Briefen eine hohe Prozentzahl. War er schlecht, ist sie niedrig.Bis zu eine Milliarde steckte die "Allianz Leben" in den vergangenen Jahren in Anleihen aus Griechenland.

Fließt also ein Teil des deutschen Steuergelds, mit dem Petros Christodoulou in diesen Tagen die Schulden seines Landes begleicht, zurück nach Deutschland? Zu Jörg Ladwein und den Kunden der Allianz? So wäre es, wenn Staatsanleihen nur Schuldscheine wären. Aber sie sind auch Waren, die man verkaufen kann, genau wie Aktien.

Als im November 2009 bekannt wurde, in welchen Schwierigkeiten Griechenland steckt, wurde vielen Investoren die Sache zu riskant. Ministerpräsident Papandreou hatte verkündet, das griechische Haushaltsdefizit werde deutlich höher ausfallen als im Vorjahr. Wenig später kam heraus, dass Griechenland das wahre Ausmaß seiner Schulden jahrelang verschleiert hatte. Würde das Land die Milliarden jemals zurückzahlen können? Wer auch immer die griechischen Staatsanleihen gekauft hatte: Er konnte sich seines Geldes nicht mehr sicher sein.

Also fing die Allianz an, sich von den Anleihen zu trennen. Genauso wie Banken und Investmentfonds rund um die Welt. Alle wollten sie ihre Gewinne schützen – und das Vermögen ihrer Kunden. Nur Griechenland schützten sie nicht, im Gegenteil. Wenn eine Regierung keine Käufer mehr für neue Anleihen findet, hat sie nur eine Möglichkeit: Sie muss Investoren höhere Zinsen versprechen. Und dann noch höhere. Das aber lässt die Schulden weiter steigen und damit die Wahrscheinlichkeit des Bankrotts. Was wiederum die Anleger davon abhält, Anleihen zu kaufen. Ein Teufelskreis. Am 4. Mai 2010 traten deshalb Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, im Finanzministerium vor die Öffentlichkeit, neben sich die Deutschlandfahne und das Sternenbanner der Europäischen Union. Die Finanzwirtschaft werde Griechenland nicht im Stich lassen, beteuerten der Minister und der Banker.

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