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Schuldenkrise Wer kassiert unser Geld der Griechenland-Rettung?

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Die deutschen Geldhäuser hielten zu diesem Zeitpunkt griechische Anleihen im Wert von 15,8 Milliarden Euro. Anstatt sie abzustoßen, wollten sie den Teufelskreis durchbrechen und die Papiere "nach aller Möglichkeit" behalten. So stand es in der gemeinsamen Erklärung, die Bundesregierung und Finanzwirtschaft veröffentlichten. Ein Jahr später steht auf der Gläubigerliste:Die deutschen Banken besitzen noch immer griechische Anleihen. Ein Teil der 8,4 Milliarden Euro, die von Frankfurt nach Athen überwiesen wurden, kommt also tatsächlich nach Deutschland zurück. Zur Commerzbank, die griechische Anleihen in Höhe von 2,9 Milliarden Euro hält, zur Deutschen Bank, die Anleihen im Wert von 1,6 Milliarden besitzt. Es fließt auch nach Frankreich, zur Bank BNP (Anleihen im Wert von 5 Milliarden), nach Italien, zur Generali (3 Milliarden) und in die Niederlande zur ING (1,4 Milliarden). Es fließt zu fast allen großen Geldhäusern der Welt.

Aus der Liste geht aber auch hervor: Die Banken sind auf der Flucht. Sie glauben nicht, dass die Regierungen der Euro-Zone dauerhaft für Griechenlands Schulden aufkommen werden. Seit dem Treffen im Finanzministerium haben die deutschen Banken ihre Anleihenbestände um fast ein Drittel reduziert. Vermutlich hätten die Banken gern noch mehr griechische Papiere abgestoßen. Nur – an wen? Wer kauft diese Anleihen noch?

Nur Zocker investieren

Auf Computerschirmen überall auf der Welt tauchen sie auf, die Käufer, die vermeintlich letzten Freunde Griechenlands. Zum Beispiel im dritten Stock eines kleinen Bürohauses im Städtchen Zug in der Schweiz.. Hier arbeitet Markus Tischer, 42, Portfoliomanager beim kleinen deutschen Bankhaus Bantleon, 1991 gegründet in Hannover, 1994 umgesiedelt in die Schweiz, der niedrigen Steuern wegen. Bantleon ist Spezialist für das Management von Anleihen, allerdings legt Tischer Wert darauf, nie viel Geld in griechische Papiere gesteckt zu haben. "Wir haben immer schon auf Sicherheit gesetzt", sagt er.

Die wenigen Anleihen, die Bantleon besaß, hat die Bank schon Anfang 2010 verkauft. Den Markt beobachtet Tischer trotzdem. Er sieht ihn auf seinem Monitor: Grün, orange, blau und violett flimmern Kurse vorbei, Kauf- und Verkaufsangebote. Es ist Montag, der 27. Juni 2011, eine britische Großbank will griechische Anleihen in Höhe von zehn Millionen Euro kaufen. So steht es da. Die Briten glauben noch an Griechenland. Tischer schmunzelt. Er weiß, was jetzt kommt. Er tut so, als habe er griechische Papiere abzugeben, klickt auf das Angebot der Briten, ein Moment des Wartens, dann leuchten rote Buchstaben auf dem Bildschirm auf: Rejected. Abgelehnt. "Es war ein Pseudoangebot", sagt Tischer.

Der Markt ist ausgetrocknet

Die Banken wahren den Schein: Uns geht es gut, wir kaufen alles, auch griechische Anleihen. So soll es aussehen. "In Wahrheit ist der Markt völlig ausgetrocknet", sagt Tischer. Niemand legt sein Geld mehr in Athen an. Fast niemand. Ein paar Euro rinnen noch. Die Stuttgarter Börse meldet Umsätze, nicht viel, aber bemerkbar. Von "schmalen Ordermengen" spricht ein Stuttgarter Händler, von "Kleckerbeträgen". Banken und Versicherungen stecken nicht dahinter. Ihre Milliarden fließen längst in andere Länder. Griechische Staatsanleihen werden nur noch von Kleinanlegern und Zockern gehandelt. Der Finanzmarkt ist zum Flohmarkt geworden.

Man kann dort schöne Schnäppchen machen in diesen Wochen – solange die Euro-Länder ihre Milliarden an Petros Christodoulou überweisen. Solange Griechenland seine Zinsen zahlt und Schulden tilgt, lassen sich mit Staatsanleihen schnell einige Tausend Euro verdienen. Wer aber kassiert den großen Rest, die vielen Milliarden? Wenn Banken, Versicherungen und Investmentfonds einen Großteil ihrer Anleihen abgestoßen haben, wem gehören sie dann jetzt? Die Kleinanleger konnten sie nicht alle kaufen, ihnen fehlt das Geld. Wohin also fließt der Großteil der 8,4 Milliarden Euro aus Deutschland?

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