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Schuldenkrise Wie viel kostet uns der Euro wirklich?

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Szenarien für griechische Staatsschulden Quelle: UniCredit

Gerät eine Bank dennoch in die Bredouille und droht ihr Zusammenbruch das gesamte Finanzsystem in Mitleidenschaft zu ziehen, müsste sie durch staatliche Kapitalspritzen aufgefangen werden. "Selbst wenn man alle internationalen Kredite an Griechenland abschreiben müsste, wäre diese Lösung für die Steuerzahler immer noch billiger als die Gläubiger Griechenlands durch immer neue Hilfspakete zu retten", sagt Paul McNamara, Direktor beim Investmentfonds GAM. Auch Christian Veith, Deutschland-Chef der Boston Consulting Group, glaubt "dass es ohne Haircut für die Gläubiger nicht abgehen wird".

Dass ein Schuldenschnitt Griechenland kräftig entlastet, zeigen Berechnungen der italienischen Bank UniCredit. In einer Szenarienanalyse haben die Ökonomen der Bank unterstellt, dass die griechische Wirtschaft ab 2014 nominal um drei Prozent wächst und es der Regierung gelingt, einen Einnahmenüberschuss vor Zinsausgaben (Primärüberschuss) von vier Prozent des BIPs zu erwirtschaften.

Erlassen die Gläubiger Griechenland 20 Prozent der Schulden, sinkt die Schuldenquote von derzeit mehr als 150 auf nur noch 110 Prozent des BIPs im Jahr 2030. "Würden die Gläubiger Griechenland zusätzlich ab 2012 noch einen Zinsnachlass von zwei Prozentpunkten gewähren, ginge der Schuldenstand bis 2030 sogar auf etwas unter 80 Prozent zurück", sagt Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt von UniCredit.

Durch einen Schuldenschnitt erhielte Griechenland zudem die Chance, preislich wieder wettbewerbsfähig zu werden. Je geringer der Schuldenstand, desto kleiner ist der für den weiteren Schuldenabbau benötigte Primärüberschuss im Staatshaushalt. Die griechische Regierung könnte den Spielraum nutzen, die Einkommensteuern zu senken. Die Bruttolöhne könnten dann auf breiter Front sinken, während die Nettolöhne stabil bleiben. Griechenland gelänge es, seine Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen, ohne die Binnennachfrage abzuwürgen. Die Wirtschaft käme aus der Rezession, die Steuerquellen würden wieder sprudeln.

EZB blockiert

Doch die Front der Gegner eines Schuldenschnitts ist mächtig. Jürgen Stark, Chefvolkswirt der EZB, warnte unlängst, eine Umschuldung Griechenlands könnte schlimmere Folgen für das internationale Finanzsystem haben als die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers. EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi sieht in einem Schuldenschnitt gar "politischen Selbstmord".

Wie berechtigt sind diese Sorgen? "Niemand kann so gut abschätzen, welche Folgen eine Pleite der Griechen auf das Bankensystem haben könnte, wie die EZB", sagt Commerzbank-Analyst Michael Schubert. Doch der EZB dürfte es auch darum gehen, die eigene Bilanz zu retten – ihre Bücher sind voll mit Griechenland-Bonds. Experten schätzen, die Euro-Hüter haben für rund 47 Milliarden Euro Hellas-Staatsanleihen gekauft. Kommt es zum Haircut, müssten sie davon wohl rund 20 Milliarden Euro abschreiben.

Hinzu kommt: Auch die griechischen Finanzinstitute hängen am Tropf der EZB. Die Notenbank hat im Rahmen ihrer Refinanzierungsgeschäfte rund 90 Milliarden Euro in das hellenische Bankensystem gepumpt. Als Sicherheiten akzeptiert sie fast jedes denkbare Wertpapier. "Die EZB bekommt alles, womit man sonst nichts anfangen kann", sagt ein Finanzmarktexperte. Der Großteil davon dürften griechische Staatsanleihen sein. Für sie wäre im Falle eines Haircuts ein Abschlag von 30 bis 40 Prozent fällig, da die EZB die Papiere jetzt schon 5 bis 20 Prozent unter ihrem Marktpreis bewertet.

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