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Schuldenschnitt Europas Angst vor der Kettenreaktion

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Private sollen mehr zahlen

Angela Merkel, Wolfgang Quelle: dapd

Weil Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble spüren, dass ihnen die Abgeordneten ihre Unterstützung für das im Juli vereinbarte zweite Hilfspaket für Griechenland über 109 Milliarden Euro in seiner jetzigen Form verwehren, nähern sie sich dem Thema Umschuldung an. Schäuble deutete vergangene Woche an, dass die im zweiten Griechenland-Paket vereinbarte Einbeziehung des Privatsektors schon eine Art Haircut darstelle: „Die Privatgläubigerbeteiligung, die wir im Juli beschlossen haben, war ja auch eine Art Schuldenschnitt.“

Sowohl Merkel als auch Schäuble geben zu erkennen, dass sie die Gläubigerbeteiligung von 21 Prozent für zu gering halten und mit der Finanzwelt neu verhandeln wollen. Von dort kam postwendend Ablehnung. Warum sollte man einen vereinbarten Deal wieder aufschnüren? „Der Privatsektor würde das vermutlich nur akzeptieren, wenn die Politik glaubwürdig mit einem noch höheren allgemeinen Schnitt drohen kann“, glaubt ein Bankenanalyst, der zu diesem Thema nicht zitiert werden will. Das Kalkül der Regierung: Steigt die Beteiligung des Privatsektors, lässt sich der generelle Schuldenschnitt womöglich doch noch vermeiden. Dann würde überdies die EZB von unangenehmen Abschreibungen verschont.

Doch es ist unklar, ob sich die Finanzbranche dazu bringen lässt – auch wenn unter Investoren der Schuldenschnitt als ausgemachte Sache gilt. Kreditausfallversicherungen (CDS) etwa signalisieren derzeit eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Griechen bald den Schuldendienst einstellen müssen.

Alles übertrieben?

Wachstumsrate und Defizitquote Griechenlands

Zwar neigen Finanzmärkte zur Übertreibung. „Sie haben eine Neigung, das Risiko eines Zahlungsausfalls zu überschätzen“, sagt Elga Bartsch, Analystin bei der Investmentbank Morgan Stanley. Eine IWF-Studie aus dem Jahr 2010 kommt zu dem Ergebnis, dass seit den Neunzigerjahren in 31 aufstrebenden Industrienationen, in denen die Spreads auf über 1000 Basispunkte stiegen, nur in 20 Prozent aller Fälle eine Zahlungsunfähigkeit eintrat. 80 Prozent der Länder konnten sich mithilfe eines IWF-Programms retten.

Aber für Griechenland schwindet die Hoffnung, zu diesen 80 Prozent zu zählen – und in Brüssel wächst die Frustration, wie wenig die bisherige Hilfe bewirkt hat. „Wir machen in Irland, Portugal und Griechenland dasselbe“, sagt ein hoher EU-Beamter. „Irland und Portugal erholen sich, aber in Griechenland schlägt das Programm einfach nicht an.“

Folgen eingrenzen

In der EU-Schaltzentrale und den nationalen Hauptstädten war der Widerstand gegen einen Schuldenschnitt bisher groß, weil die Folgen als schwer überschaubar gelten. „Ein Schuldenschnitt in einer Währungsunion ist etwas anderes als in einem Staat mit eigener Währung“, sagt ein Brüsseler Entscheider. „Wir haben keine Blaupause, wir haben nicht einmal fundierte Studien dazu.“

Doch angesichts des politischen Drucks aus Deutschland und den immer neuen Hiobsbotschaften aus Griechenland wächst nun auch in Brüssel die Bereitschaft, über einen Schuldenschnitt nachzudenken. Allerdings ist den Akteuren bewusst, dass die eigentliche Herausforderung darin liegt, die Folgen eines solchen Schrittes so gut wie möglich einzugrenzen – und zu vermeiden, dass die gesamte Euro-Zone ins Trudeln gerät.

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