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Shanghai Stell Dir vor, es gibt Freihandel und keiner weiß davon

Shanghai plant zum 1.Oktober die Einführung einer Freihandelszone. Was das genau bedeutet, darüber schweigen sich die Politiker aus. Wir haben dennoch nachgefragt.

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Ein Junge mit einem einrasierten Fragezeichnen schaut auf die Skyline von Pudong; Shanghai Quelle: AP

Die Sonderwirtschaftszone von Shenzhen konnte gerade ihren 33. Geburtstag feiern. Zeitgleich ließe sich das größte Wirtschaftswunder der Weltgeschichte feiern. Denn als Deng Xiaoping im September 1980 das verschlafene Fischerdorf bei Hongkong für ausländische Investments öffnete, entwickelte sich Südchina zu Werkbank der Welt. Innerhalb von 30 Jahren stieg China zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt auf. Heute wohnen in Shenzhen über zehn Millionen Menschen. Politisch aber hat sich das Land kaum weiterentwickelt. Was das bedeutet, lässt sich gerade gut anhand eines neuen Projekts beobachten.

Zwar hat Shanghai schon über 20 Millionen Einwohner, doch die langfristigen Konsequenzen der geplanten Freihandelszone im Ostteil der Stadt könnten Chinas Wirtschaft ähnlich gravierend verändern. Könnten. Denn genaues weiß man nicht. Zwar soll das Großprojekt bereits in knapp drei Wochen, am 1. Oktober in Kraft treten, bisher aber sind ausländische Unternehmen auf Mutmaßungen angewiesen. Der zuständige Politiker lehnte eine Interviewanfrage ab. Er habe Anweisungen nicht mit der Presse zu reden. Wirtschaftsfreundlich ist diese Informationspolitik nicht gerade.

Dabei sind die wenigen Informationen, die bisher an die Öffentlichkeit gedrungen sind, sehr vielversprechend. Die Zone soll den Flughafen Pudong, die Hafengegenden Yangshan und die bereits bestehende Freihandelszone Waigaoqiao verbinden. Rund 28 Quadratkilometer soll das Areal umfassen. "Die Größe der Zone ist beeindruckend", sagt Stefan Kracht von der Unternehmensberatung Fiducia in Shanghai. "Manche sagen, die FTZ ist nur mit den Sonderwirtschaftszonen vergleichbar, die Deng Xiaoping Anfang der Achtziger gründetet."

"Es sind nach bisherigen Informationen einige wichtige Liberalisierungen vorgesehen", sagt Joachim Glatter von der Anwaltskanzlei Taylor Wessing in Shanghai. "So gehen wir davon aus, dass die Gründung von Tochtergesellschaften in der Zone durch den Wegfall des ansonsten üblichen Genehmigungsverfahrens stark vereinfacht werden wird."
In mehreren Branchen sollen außerdem Beschränkungen gelockert werden, so zum Beispiel bei Bankdienstleistungen, Versicherungen und im Telekombereich. Dort ansässige Unternehmen sollen weitaus weniger Zulassungen benötigen. Zudem gibt es Steuererleichterungen: Wer in der Freihandelszone produziert, muss angeblich nur noch 15 anstatt 25 Prozent Steuern zahlen.

Was das für bereits ansässige Unternehmen bedeutet, ist unklar. Zwar misst die dort ansässige BASF der Zone eine große Bedeutung zu. "Welche Bedeutung die Freihandelszone für die BASF haben wird, hängt von den Regelungen im einzelnen sowie deren Implementierung ab", sagt Dr. Albert Heuser, President und Chairman Greater China der BASF. Ein mittelständischer Hersteller von medizinischen Geräten aus Deutschland hat auf dem Gelände ein Lager. Auch dort heißt es, man sei nicht informiert worden, welche Konsequenzen die neue Freihandelszone auf das Geschäft habe.

Veränderungen im Finanzbereich

Zehn interessante Fakten über China
Täglicher Griff zur ZigaretteUngesunder Rekord: In jeder Sekunde werden 50.000 Zigaretten in China angezündet. Das berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Zahl der Raucher ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Inzwischen zünden sich 66 Prozent der männlichen Chinesen täglich mindestens eine Zigarette an. Bei den Frauen raucht nur jede Zwanzigste täglich. Quelle: rtr
Künstliche TannenbäumeKlar, China ist ein großes Land. Fast jeder fünfte Mensch lebt in dem Riesenreich, China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde. Doch in einigen Statistiken liegt das Land überproportional weit vorne. So ist das Riesenreich nicht nur der größte Textilproduzent, sondern auch weltweit führend in der Herstellung von künstlichen Tannenbäumen. 85 Prozent alle unechten Tannenbäume – so National Geographic – stammen aus China. Texte: Tim Rahmann Quelle: dpa
SchweinereichIn China leben nicht nur die meisten Menschen, sondern auch die meisten Schweine. 446,4 Millionen Eber und Säue lebten 2008 im Reich der Mitte, so die UN. Damit leben dort mehr Schweine als in den 43 nächst größten Ländern, gemessen an der Zahl der Tiere, zusammen. Zum Vergleich: In Deutschland werden aktuell rund 26,7 Millionen Schweine gehalten. Quelle: dpa
Geisterstädte im ganzen LandIn China wurde in den letzten Jahren massiv gebaut – auch in ländlichen Gegenden. Doch die Landflucht ließ vielerorts Geisterstädte entstehen. Mehr als 64 Millionen Wohneinheiten stehen im ganzen Land leer. Auch das größte Einkaufszentrum der Welt, … Quelle: dpa
McDonald’s allein auf weiter Flur… die "New South China Mall", hat reichlich Gewerbeflächen zu vermieten. 1500 Geschäfte finden dort Platz, 70.000 Käufer sollten täglich nach Dongguan pilgern. Doch die Realität sieht anders aus: 99 Prozent der Flächen sind unbenutzt, berichtete die britische Zeitung "Daily Mail". Nur ein paar Restaurants befinden sich in dem Gebäude, unter anderem Mc Donald’s. Quelle: AP
Bauboom geht weiterDennoch bauen die Chinesen fleißig weiter. Die Folge: Kein Land verbaut mehr Zement als China. 53 Prozent der weltweiten Nachfrage stammt aus dem Reich der Mitte, so Michael Pettis, China-Experte und Ökonom der Peking-Universität. Quelle: dpa
Barbie ist zu sexyWenn in China gerade nicht gebaut wird, werden in den zahlreichen Fabriken Güter produziert. Neben Textilien vor allem Spielwaren. Rennautos, Barbie-Puppen und Kuscheltiere: Fast 80 Prozent der deutschen Spielwaren stammen aus China. Vor Ort selbst sind Barbie-Puppen übrigens kein Verkaufsschlager. Für die Chinesen ist die kurvige Blondine zu sexy. Dort verkaufen sich vor allem niedliche Puppen. Quelle: AP

Die größten Veränderungen werden im Finanzbereich erwartet. Chinas Währung, der Renminbi, ist nicht frei handelbar. Nur innerhalb eines kleinen Bandes darf die Währung schwanken, bis die chinesische Zentralbank interveniert. Seit Jahren kündigt die Regierung an, das Währungs- und Finanzsystem zu liberalisieren. Bisher aber ist nichts geschehen. Die neue Freihandelszone in Shanghai könnte zum Experimentierfeld für ganz China werden.
"Es soll wohl eine freie Konvertierbarkeit des Renminbi geben", sagt Jan Noether von der Auslandshandelskammer in Shanghai. "Aber genaue Kenntnisse haben wir nicht."

Ebenso gibt es Gerüchte, wonach innerhalb der Zone die Zinssätze liberalisiert werden sollen. Auch das ist ein Mega-Reformprojekt der Regierung, das wohl zunächst im Kleinen geprobt werden soll. Chinas Spar- und Kreditzinsen sind von der Regierung festgeschrieben. Experten sind der Meinung, die Sparzinsen (momentan bei ca. 3,5 Prozent) werden künstlich niedrig gehalten. Die Banken transferierten so systematisch Kapital von Sparern zu Staatsunternehmen, die bevorzugt in den Genuss von billigen Krediten kommen.

Auch sollen für Rohstoffe ein Terminmarkt eingeführt werden. Der Marktanteil ausländischer Banken liegt in China bei nicht einmal zwei Prozent. Eine Lockerung der Gesetze könnte Chinas Kapitalmarkt für ausländische Banken zumindest ein Stück weit mehr öffnen. Doch auch bei der Commerzbank weiß man nicht viel mehr. "Alles ist noch vage", sagt Edith Weymayr von der Commerzbank in Shanghai.

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Was genau passieren wird und weshalb so wenig Information nach außen dringt, bleibt wie so vieles in China unklar. Die Einrichtung der Freihandelszone wurde erst Anfang Juli beschlossen. Angeblich soll Premierminister Li Keqiang vor kurzem nochmals persönlich darauf gedrängt haben, das Projekt am 1. Oktober zu starten.

Insgesamt sei das gewählte Vorgehen recht typisch für China, sagt Joachim Glatter von der Anwaltskanzlei Taylor Wessing. "Man probiert regional begrenzt aus, was eventuell später auf das ganze Land übertragen werden soll, wartet Reaktionen ab und bessert dann im Einzelnen nach."

Weshalb gerade das boomende Shanghai noch eine Freihandelszone brauche, fragt sich Stefan Kracht von der Unternehmensberatung Fiducia. "Will man aus Shanghai ein zweites Dubai machen? Will man Hongkong Konkurrenz machen?" Keiner seiner Kunden wisse, was da genau auf ihn zukommt.

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