WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

South Stream vor dem Aus? Putins Bluff im Pipeline-Poker

Gazprom legt die Pipeline "South Stream" auf Eis, um statt Europa die Türkei bevorzugt mit Gas zu beliefern. So setzt der Kreml die EU unter Druck und spart nebenbei Milliarden. Das Gas wird am Ende dennoch fließen.

Russlands Präsident Putin Quelle: REUTERS

Die Hiobsbotschaft formulierte Kremlchef Wladimir Putin für seine Verhältnisse überaus zurückhaltend. Beim Bau der Pipeline "South Stream" sei die russische Seite "gezwungen, die Beteiligung zu überdenken", sagte Russlands Präsident am späten Montagabend während eines Staatsbesuchs in der Türkei. Brüssel werfe dem Vorhaben zu viele Steine in den Weg.

Kurz darauf erklärte Gazprom-Chef Alexej Miller in Moskau, was das für den Pipeline-Bau von Russland nach Bulgarien bedeutet: "Das Projekt ist vom Tisch", so Miller, "das war’s."

Bestehende und geplante Gas-Pipelines von Russland nach Westeuropa

War’s das wirklich? Kaum zu glauben! Allein Energieriese Gazprom hat in den vergangenen drei Jahren bereits mehr als drei Milliarden Euro in das Prestigeprojekt gesteckt, das ab 2016 jährlich 63 Milliarden Kubikmeter russisches Gas nach Europa befördern soll – genug, um 34 Millionen Haushalte in den südöstlichen EU-Ländern mit Energie zu versorgen.

Viel Geld investierten auch die Konsortialpartner in das Vorhaben, darunter Italiens Energieversorger Eni mit 20 Prozent, sowie Frankreichs EdF und BASF-Tochter Wintershall mit jeweils 15 Prozent Beteiligung. Alle sollen von Putins Entscheidung am Montagabend kalt erwischt worden sein. Denn die Vorarbeiten für den Röhrenbau laufen bereits.

Schaden für die Wirtschaftsbeziehungen

Zieht der Kreml den Coup durch, wäre das ein herber Schaden für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und der EU. Die beteiligten Unternehmen könnten auf Rückzahlung ihrer Vorleistungen pochen, die vom Stopp betroffenen Gazprom-Kunden auf Einhaltung ihrer Verträge.

So kämen hohe Regressforderungen auf die Russen zu, verbunden mit langwierigen Verfahren vor Schiedsgerichten. Dem Investitionsklima in Russland würde das erneut einen derben Schlag versetzen.

Wer den Öl- und Gasmarkt dominiert
Stürmische Zeiten: Trotz der weltweiten Wirtschaftsflaute fahren die größten Ölkonzerne der Welt satte Gewinne ein. Der Energie-Informationsdienst Oilandgasiq hat die zehn größten Öl- und Gaskonzerne nach dem täglichen Fördervolumen zusammengestellt. Stand: Mai 2013 Quelle: REUTERS
Platz 10: Kuwait Petroleum Corporation (KPC)Den letzten Rang unter den Top-10 Ölkonzernen der Welt erreicht der staatliche Ölförderer von Kuwait. Die Kuwait Petroleum Corporation ging aus der Anglo-Persian Oil (heute BP) und Gulf Oil (heute Chevron) hervor. Die Kuwaitis beschäftigen 15.800 Menschen und fördern 3,2 Millionen Fass Öl am Tag. Ein Fass oder Barrel entspricht rund 159 Litern. Im Golfkrieg in den 1990ern setzten irakischen Streitkräfte mehr als 700 kuwaitische Ölquellen in Brand. Quelle: PR
Platz 9: ChevronDie Wurzeln des drittgrößten Unternehmens der USA reichen bis 1879 zurück, als die Pacific Coast Oil Company gegründet wurde. Später schluckte Standard Oil das Unternehmen und nannte es SoCal. 1984 schlossen sich dann SoCal und Gulf Oil unter dem Namen Chevron zusammen. Die Kalifornier fördern 3,5 Millionen Barrel am Tag. Rund 62.000 Menschen arbeiten weltweit für den Konzern. Quelle: REUTERS
Platz 8: PemexMexiko verstaatlichte 1938 die gesamte Ölindustrie. Heute gilt der Energieriese als eines der größten Unternehmen Lateinamerikas und größter Steuerzahler Mexikos. Die 138.000 Mitarbeiter fördern 3,6 Millionen Fass Öl am Tag. Quelle: REUTERS
Platz 7: Royal Dutch Shell Der siebtgrößte Ölförderer der Welt entstand 1907 aus dem Zusammenschluss einer niederländischen und einer britischen Firma. Der weltweit bekannte Konzern setzte sich 2012 mit einer Marktkapitalisierung von 140 Milliarden Dollar an die Spitze des britischen Leitindex FTSE. Mit 87.000 Angestellten fördert der Multi 3,9 Millionen Barrel Öl am Tag. Quelle: REUTERS
Platz 6: BPAuf eine lange Historie blickt auch British Petroleum, kurz BP, zurück. Die Burmah Oil Company ging 1909 in der Anglo-Persian Oil Company auf, die später zur Anglo Iranian Oil und schließlich zu BP wurde. Einen schweren Schlag erhielt der Konzern, als eine Explosion auf der Plattform Deepwater Horizon 2010 mehrere Arbeiter töte. Das auslaufende Öl verseuchte den Golf von Mexiko und richtete eine der größten Umweltkatastrophen an. Der Konzern wurde zu Milliardenstrafen und Entschädigungen verurteilt. Weitere Prozesse laufen. BP beschäftigt 85.700 Menschen und fördert 4,1 Millionen Fass Öl am Tag. Quelle: dapd
Platz 5: PetrochinaDen fünften Rang unter den größten Energiekonzernen der Welt hat Chinas Petrochina erobert. Die Karriere des erst 1999 gegründeten Unternehmens ist steil. Der staatseigene Konzern fördert mit 550.000 Arbeitern 4,4 Millionen Barrel. Quelle: REUTERS

Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Putins Paukenschlag von Ankara wirkt wie so oft intuitiv: Der Machtpolitiker will die EU unter Druck setzen, auf dass sie ihren politischen Widerstand gegen die Pipeline aufgibt. Infolge der Ukraine-Krise will Brüssel die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen reduzieren, auf Druck der EU hat etwa Bulgarien die Vorarbeiten gestoppt.

Putin passt das überhaupt nicht. "South Stream" ist ein Instrument, um die Europäer physisch und über Langfrist-Verträge dauerhaft an russisches Gas zu binden.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%