Southstream Lieber mit Putin

Die Aufgabe von Southstream durch Gazprom war politisch motiviert. Durch den Zwist, den die EU mit dem Kreml vom Zaun gebrochen hat, steht in Teilen Europas die langfristige Energiesicherheit auf dem Spiel.

Nach dem Aus für die transeuropäische Erdgasleitung South Stream hat der russische Energieriese Gazprom einen Strategiewechsel für Europa beschlossen. Quelle: REUTERS

In der Ukraine-Krise war der russische Präsident Wladimir Putin dem Westen bisher immer ein paar Schritte voraus. Nur mit Mühe fanden die USA und die Europäische Union (EU) gegenüber Moskau zu einer gemeinsamen Position. Mit der Entscheidung des russischen Staatskonzerns Gazprom, die Arbeiten an dem Pipelineprojekt "Southstream" einzustellen, erhöht Putin jetzt erneut den Druck auf die EU.

Die politischen Konsequenzen dieser Entscheidung sind noch nicht zu übersehen. Für die Versorgungssicherheit der EU-Staaten nördlich von Bulgarien einschließlich Österreich und Italien ist die Absage aber ein schwerer Schlag. Deutschland ist weniger betroffen, weil es - Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder sei Dank - über die "Northstream"-Pipeline versorgt wird. Die politische Botschaft des Kreml in Richtung Südosteuropa aber ist eindeutig: Es muss kein Vorteil sein, Mitglied der EU zu sein.


Unrentables Projekt

Vielen in Europa galt „Southstream“ von Beginn an als überdimensioniertes und unrentables Projekt. Auf einer Gesamtlänge von 2380 Kilometer sollten von 2016 an durch vier Rohrstränge jährlich bis zu 63 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Russland unter Umgehung der Ukraine durch das Schwarze Meer über den Balkan in die EU strömen. Die meisten Erdgas-Pipelines in Richtung Westen verlaufen durch die Ukraine. Im Gegensatz zu Russland, das bisher stets vertragsgemäß geliefert hat, ist die Ukraine, die seit der Unabhängigkeit 1991 ausnahmslos von korrupten Kleptokraten regiert wurde, der wohl größte Risikofaktor für die europäische Gasversorgung.

Zustimmung fand das Pipelineprojekt dagegen in den involvierten EU-Staaten. Doch 2013 hatte die EU-Kommission diesen Staaten, darunter Bulgarien und Ungarn, mitgeteilt, dass die Verträge gegen geltendes EU-Recht verstoßen könnten. Brüssel war das Pipelineprojekt offenbar nicht recht oder nicht wichtig genug. Anfang Mai hat dann Moskau vor der WTO eine Klage gegen das fragliche EU-Recht eingeleitet.
Seit Jahren sucht die EU nach Wegen, um sich aus der energiepolitischen Abhängigkeit von Russland zu befreien, weiß aber nicht wie. Die USA würden es natürlich gerne sehen, wenn die Europäer ihre Gelder statt in Erdgaspipelines in teure Flüssiggas-Terminals und -Tankerschiffe investierten.

Wer den Öl- und Gasmarkt dominiert
Stürmische Zeiten: Trotz der weltweiten Wirtschaftsflaute fahren die größten Ölkonzerne der Welt satte Gewinne ein. Der Energie-Informationsdienst Oilandgasiq hat die zehn größten Öl- und Gaskonzerne nach dem täglichen Fördervolumen zusammengestellt. Stand: Mai 2013 Quelle: REUTERS
Platz 10: Kuwait Petroleum Corporation (KPC)Den letzten Rang unter den Top-10 Ölkonzernen der Welt erreicht der staatliche Ölförderer von Kuwait. Die Kuwait Petroleum Corporation ging aus der Anglo-Persian Oil (heute BP) und Gulf Oil (heute Chevron) hervor. Die Kuwaitis beschäftigen 15.800 Menschen und fördern 3,2 Millionen Fass Öl am Tag. Ein Fass oder Barrel entspricht rund 159 Litern. Im Golfkrieg in den 1990ern setzten irakischen Streitkräfte mehr als 700 kuwaitische Ölquellen in Brand. Quelle: PR
Platz 9: ChevronDie Wurzeln des drittgrößten Unternehmens der USA reichen bis 1879 zurück, als die Pacific Coast Oil Company gegründet wurde. Später schluckte Standard Oil das Unternehmen und nannte es SoCal. 1984 schlossen sich dann SoCal und Gulf Oil unter dem Namen Chevron zusammen. Die Kalifornier fördern 3,5 Millionen Barrel am Tag. Rund 62.000 Menschen arbeiten weltweit für den Konzern. Quelle: REUTERS
Platz 8: PemexMexiko verstaatlichte 1938 die gesamte Ölindustrie. Heute gilt der Energieriese als eines der größten Unternehmen Lateinamerikas und größter Steuerzahler Mexikos. Die 138.000 Mitarbeiter fördern 3,6 Millionen Fass Öl am Tag. Quelle: REUTERS
Platz 7: Royal Dutch Shell Der siebtgrößte Ölförderer der Welt entstand 1907 aus dem Zusammenschluss einer niederländischen und einer britischen Firma. Der weltweit bekannte Konzern setzte sich 2012 mit einer Marktkapitalisierung von 140 Milliarden Dollar an die Spitze des britischen Leitindex FTSE. Mit 87.000 Angestellten fördert der Multi 3,9 Millionen Barrel Öl am Tag. Quelle: REUTERS
Platz 6: BPAuf eine lange Historie blickt auch British Petroleum, kurz BP, zurück. Die Burmah Oil Company ging 1909 in der Anglo-Persian Oil Company auf, die später zur Anglo Iranian Oil und schließlich zu BP wurde. Einen schweren Schlag erhielt der Konzern, als eine Explosion auf der Plattform Deepwater Horizon 2010 mehrere Arbeiter töte. Das auslaufende Öl verseuchte den Golf von Mexiko und richtete eine der größten Umweltkatastrophen an. Der Konzern wurde zu Milliardenstrafen und Entschädigungen verurteilt. Weitere Prozesse laufen. BP beschäftigt 85.700 Menschen und fördert 4,1 Millionen Fass Öl am Tag. Quelle: dapd
Platz 5: PetrochinaDen fünften Rang unter den größten Energiekonzernen der Welt hat Chinas Petrochina erobert. Die Karriere des erst 1999 gegründeten Unternehmens ist steil. Der staatseigene Konzern fördert mit 550.000 Arbeitern 4,4 Millionen Barrel. Quelle: REUTERS
Platz 4: Exxon-MobilDer US-Konzern ist der größte private Öl- und Gaskonzern. Die Texaner liefern sich außerdem mit Apple ein langes Ringen um den Titel des wertvollsten Unternehmens der Welt. Der Konzern ging aus Standard Oil hervor. Wie BP und andere Multis trägt auch Exxon die Verantwortung für eine Umweltkatastrophe: 1989 lief der Öltanker Exxon Valdez vor Alaska auf Grund und löste in der sensiblen Region eine Ölpest aus. Exxon-Mobil produziert 5,3 Millionen Fass Öl am Tag und beschäftigt 76.900 Menschen. Quelle: AP/dapd
Platz 3: National Iranian OilNoch vor den US-Konzernen liegt die Ölgesellschaft des Iran, die National Iranian Oil Company. Trotz der Embargos wegen des iranischen Atomprogramms ist der Konzern nach wie vor ein wichtiger Produzent. Der Verdacht kursiert, dass einige Abnehmer die Sanktionen umgehen iranisches Öl mit Gold bezahlen. Das Unternehmen fördert 6,4 Millionen Fass am Tag und beschäftigt 41.000 Menschen. Quelle: PR
Platz 2: GazpromDer russische Gas-Riese firmiert zwar als Privatunternehmen, größter Eigner ist aber der russische Staat. Der Konzern ging aus der staatlichen Gasbehörde hervor, die 1993 privatisiert wurde. Das Unternehmen fördert 9,7 Millionen Fass am Tag und beschäftigt 393.000 Arbeiter. Quelle: REUTERS
Platz 1: Saudi AramcoPräsident und Vorstandschef Khalid Al-Falih steuert den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco (Saudi Arabian Oil Company). Das staatliche Unternehmen gilt als wertvollster, nicht an einer Börse notierter Konzern. Der Wert des 1933 gegründeten Unternehmens wird auf mehr als zehn Billionen Dollar geschätzt. Der Umsatz beziffert sich auf eine Milliarde Dollar – am Tag. Saudi Aramco hat als einziges Unternehmen die Erlaubnis der US-Luftfahrtbehörde FAA, eigene Flugplätze zu besitzen und zu betreiben. Das Unternehmen beschäftigt 56.000 Angestellte und fördert 12,5 Millionen Fass Öl am Tag. Quelle: AP/dpa

Trotz aller politischen Widerstände aus Brüssel hatten die betroffenen Länder bis zuletzt Versuche unternommen, das Projekt auf die Beine zu bekommen. Für Bulgarien war der Druck aus Brüssel und Washington offenbar zu groß. Zufall oder nicht: Nach einem Besuch von US-Senator John McCain stoppte Bulgarien im Juni alle Arbeiten an der Pipeline.

Für die Europäer springt nun die Türkei ein. Nahezu zeitgleich mit der Einstellung des "Southstream"-Projekts unterzeichnete Gazprom mit Ankara ein Memorandum zum Bau einer Offshore-Pipeline mit einer jährlichen Durchleitungskapazität von ebenfalls 63 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Obendrein gewährt Moskau noch einen Rabatt von sechs Prozent auf die Erdgaslieferungen im nächsten Jahr.
Die Botschaft: Manchmal ist es besser, kein Mitglied der EU zu sein.

Nach dem Scheitern der "Nabucco"-Pipeline ist mit "Southstream" das zweite große Pipelineprojekt für die Europäer gescheitert. Einigen Länder und Unternehmen kommt das zu teuer stehen.
Das seien aber nicht nur finanzielle Verluste, so der ehemalige bulgarische Energieminister Roumen Ovcharov, sondern auch geostrategische und politische.

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Serbien, das mit Moskau eng liiert ist, rechnete von 2016 an mit Transfergebühren von 300 Millionen Euro pro Jahr. Serbien zahle den Preis für die Konflikte der Mächtigen, sagt der serbische Regierungschef Aleksandar Vucic. Für den Bau des 450 Kilometer langen serbischen Teilstücks der Pipeline hatten serbische Unternehmen mit Großaufträgen von bis zu zwei Milliarden Dollar gerechnet. Bulgarien gehen nach Aussagen pro-russischer Politiker etwa 600 Millionen Dollar pro Jahr verloren. Auf dem Balkan hat sich Brüssel keine Freunde gemacht.

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