WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Sprengstoff kam über Deutschland Paketbombe war auch in Passagierflugzeugen

Die auf dem Weg in die USA abgefangenen Paketbomben haben Deutschland in größere Gefahr gebracht als zunächst angenommen. Bundesinnenminister Thomas de Maiziere bestätigte am Sonntag, dass das in England sichergestellte Paket am Flughafen Köln/Bonn umgeladen worden war - und zeigt sich alarmiert. Auch ist mittlerweile klar, dass der Sprengstoff nicht nur in Frachtflugzeugen unterwegs war.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Expressfrachtzentrum von UPS Quelle: dpa

Einer der beiden jüngst in Frachtflügen entdeckten Paketbomben wurde zuvor auch von Passagiermaschinen in Nahen Osten befördert. Wie ein Sprecher der Fluglinie Qatar Airways in Doha erklärte, flog die Linie den Sprengstoff aus dem Jemen über Doha nach Dubai, wo sie am Freitag entdeckt wurde. US-Medien berichten, das Paket, das letztlich an eine jüdische Synagoge in Chicago gehen sollte, sei an Bord zweier Passagierflüge in Nahost unterwegs gewesen.

Qatar Airways sei allerdings nicht für die Gepäckkontrollen vor dem Start verantwortlich, sagte der Sprecher der Linie nach Angaben der katarischen Nachrichtenagentur. Die Kontrollen lägen vielmehr in der Verantwortung des jeweiligen Flughafens.

Die andere der beiden endeckten Luftpost-Bomben aus dem Jemen hätte möglicherweise auch in Deutschland explodieren können: Das in Großbritannien gefundene Sprengstoffpaket wurde über Köln transportiert, richtete sich nach Einschätzung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière aber nicht direkt gegen Deutschland. "Die Umstände deuten nicht darauf hin, dass Deutschland das Ziel des Anschlages sein sollte", sagte der CDU-Politiker, der wegen der Ereignisse eine Israel-Reise absagte. Nach Angaben des britischen Premierministers David Cameron hätte der Sprengsatz im Flugzeug gezündet werden können.

"Wir nehmen den Vorgang ernst, auch wenn Deutschland wohl nicht Anschlagsziel war", sagte der Minister. "Dass der Umschlagsort Deutschland war, kann uns nicht ruhig stellen." Der erste Hinweis auf die Bomben kam laut de Maiziere aus Saudi-Arabien. Obwohl das Bundeskriminalamt nach seinen Angaben die in Köln umgeladene Sendung aufspürte, konnte sie nicht mehr gestoppt werden. Das Paket hatte den Angaben zufolge bereits eine halbe Stunde zuvor Deutschland wieder in Richtung Großbritannien verlassen. Daraufhin seien die britischen Behörden unterrichtet worden. "Durch diese schnelle Ermittlungsarbeit konnte Großbritannien diese Pakete aufklären, ermitteln und sicherstellen", bevor sie auf den Weg in die USA gebracht wurden. "Nach den bisherigen Ermittlungen spricht alles dafür, dass es sich hierbei um vorbereiteten Sprengstoff handelte", sagte de Maiziere. Die genaue Zusammensetzung "und welcher Schaden hätte angerichtet werden können, wird noch untersucht".

Beide Pakete enthielten de Maiziere zufolge "einen Computer-Drucker, in dessen Tonerpatrone ein weißes Pulver" eingefüllt worden war. Neben technischen Bauteilen sei der Sprengstoff Nitropenta gefunden worden, auch bekannt als PETN. "Ob die konkrete bauliche Zusammensetzung (...) tatsächlich geeignet war, einen funktionsfähigen Sprengsatz herzustellen, wird derzeit noch geklärt", sagte der Minister. Hingegen hatte der britische Premierminister Cameron am Samstag erklärt, die Bombe sei funktionsfähig gewesen. "Wir glauben, dass der Sprengsatz darauf ausgelegt war, in dem Flugzeug zu explodieren", sagte er vor einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Als Konsequenz aus den Paketfunden wurde inzwischen die gesamte Luftfracht aus dem Jemen nach Deutschland gestoppt und die Behörden suchen nun nach Schwachstellen im System. Dies sei ein gemeinsames Vorgehen mit den USA, Großbritannien und Frankreich. Der Minister sprach in Dresden angesichts des ähnlichen Bombenfundes in Dubai von einem "größeren abgestimmten Vorgehen" der Hintermänner.

Der Innenminister wiederholte, dass es seit einigen Wochen Hinweise auf Terrorgefahren gebe. Diese habe die Bundesregierung "sehr ernst genommen". Doch gebe es keine konkreten Hinweise auf ein konkretes Ziel in Deutschland. "Die Gefahr ist immer dagewesen", sagte de Maizière.

Auf Flughafen Köln-Bonn umgeladen

Schon vor de Maizière hatte die britischen Polizei erklärt, dass das Paket auf dem Flughafen Köln-Bonn umgeladen worden sei. In Köln wollte sich ein Sprecher des Airports auf Anfrage dazu nicht äußern. Man erhalte keine Paketlisten von den Frachtunternehmen, sagte er am Sonntag. Laut Sprecher gibt es wegen des Terrorvorfalls keine Auswirkungen auf den Verkehr an dem Flughafen.

Unterdessen berichtete die "Bild"-Zeitung (Montagausgabe), der deutsche Innen-Staatssekretär Klaus-Dieter Fritsche habe sich vor dem Hintergrund der Terrorwarnungen vergangene Woche in den USA aufgehalten. Amerikanische Stellen hätten um eine persönliche Kontaktaufnahme mit einem hohen deutschen Sicherheitsexperten gebeten. Hintergrund waren dem Blatt zufolge Erkenntnisse von US-Geheimdiensten über angebliche Anschlagsplanungen von Al-Kaida in Deutschland.

Auf der Suche nach den Hintermännern der vereitelten Paketbombenanschläge nahmen die Behörden am Sonntag im Jemen weitere Verdächtige fest. Wie aus Sicherheitskreisen verlautete, handelt es sich um Kontaktpersonen der Medizinstudentin, die eines der verdächtigen Pakete aufgegeben haben soll. Die Festgenommenen waren in der Anruferliste ihres Handys verzeichnet.

Die junge Frau war am Samstag zusammen mit ihrer Mutter in einem Armenviertel von Sanaa festgenommen worden, nachdem US-Ermittler sie als Käuferin der SIM-Karte identifiziert hatten, die an einem der beiden Sprengsätze befestigt war. Nach Angaben ihres Anwaltes könnte die 22-Jährige aber Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden sein. Laut BBC hatte sie ihre Telefonnummer bei einem Frachtunternehmen hinterlegt.

In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa wurden zudem zwei Dutzend weitere verdächtige Pakete entdeckt. Aus Sicherheitskreisen verlautete, dass Frachtarbeiter auf dem Flughafen sowie Mitarbeiter örtlicher Frachtfirmen befragt worden seien.

Die Sprengsätze werden der Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel zugeschrieben. Die Pakete waren an jüdische Einrichtungen in Chicago adressiert. In den USA wurden nach der Entdeckung wenige Tage vor den Kongresswahlen am Dienstag die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Präsident Barack Obama sprach von einer "glaubhaften terroristischen Bedrohung". Zunächst hatten US-Behörden nicht ausgeschlossen, dass die Pakete benutzt wurden, um die Sicherheitskontrollen zu testen.

Ein Vertreter der US-Regierung sagte, der saudiarabische Extremist Ibrahim Hassan Al-Asiri sei ein Hauptverdächtiger wegen seiner Erfahrung mit Sprengstoffen. Er arbeite vermutlich mit dem Ableger des Extremistennetzwerkes Al-Kaida im Jemen zusammen. Es gebe Hinweise, dass Al-Asiri womöglich an der Herstellung der Bomben für zwei andere Anschlagversuche beteiligt gewesen sei.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%