Staatsbesuch in Berlin Popstar Obama hält Rede à la carte

Klimaschutz, Abhörskandal, Anti-Terror-Kampf – der US-Präsident streift vor dem Brandenburger Tor viele aktuelle Themen, aber selten geht er tiefer ins Detail. Es fehlt an Substanz. Konnte man etwas anderes erwarten?

Obama lässt sich in Berlin von seinen Fans bejubeln. Quelle: AP

Die ersten Obama-Fans kollabieren bereits, bevor der US-Präsident zur Rede ansetzt. Schon drei Stunden vor dem Auftritt drängen sich die ersten von mehr als 8000 handverlesenen Gästen durch die Sicherheitsschleusen auf den Pariser Platz – mitten hinein in die Hitze, wo sie den Tag über brutzeln werden. Vermutlich stellen sich die ersten schon jetzt die Frage: Wird die Rede diese Tortur wohl wert sein?

Zur selben Zeit tritt ein gut gelaunter US-Präsident im Bundeskanzleramt an der Seite der etwas angespannter wirkenden Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor die Presse. Die beiden haben über den Konflikt in Syrien gesprochen, in den die USA mit Waffenlieferungen an die Opposition eingreifen wollen. Die militärische Zusammenarbeit mit Afghanistan war ein Thema und der Wahlausgang im Iran. Für den US-Freihandelsabkommen will sich Merkel „mit voller Kraft einsetzen“; Obama erwartet, dass die ganze Welt von mehr Wettbewerb im Welthandel profitieren werde, den das Abkommen nach sich ziehen würde. Die Gespräche sollen in den nächsten Tagen starten.

Stoff für Zoff liefern allenfalls zwei Themen: Zum einen die US-Drohnenschläge, die in der Wahrnehmung der Deutschen ausufern und zuweilen nicht legitimiert sind. Vor der Presse lässt sich Obama so knapp wie kategorisch protokollieren: „Wir nutzen Deutschland nicht als Ausgangsbasis für Drohnenschläge.“ Zum anderen stellte die Kanzlerin ihren Gast wohl zum Abhörskandal zur Rede, dem „Prism“-Programm – ein Streitpunkt, der nachmittags die Piratenpartei zu Protesten vor der Siegessäule animieren wird.

Was Amerikaner über Deutschland sagten
John F. KennedyIn die deutsche Geschichte und die Herzen der Deutschen ging der Präsident ein mit seinem Satz „Ich bin ein Berliner“, gesprochen 26. Juni 1963 vor dem Rathaus Schöneberg, zwei Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer.  Die Veröffentlichung seiner Tagebücher über seine Deutschlandreisen 1937, 1939 und 1945 machten kürzlich Furore:
Ronald ReaganIn Deutschland war und ist Präsident Reagan längst nicht so beliebt wie Kennedy. Seine Rede von  1987 vor dem Brandenburger Tor wurde erst zwei Jahre später historisch: “Mr. Gorbachev, open this gate. Mr. Gorbachev, Mr. Gorbachev, tear down this wall!” (Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor. Reißen Sie diese Mauer ein!) Bezeichnenderweise gibt es zu der Rede zwar Wikipedia-Einträge auf Dänisch und Chinesisch aber nicht auf Deutsch. Quelle: dpa
Woodrow WilsonPräsident Woodrow Wilson galt nach dem Ersten Weltkrieg, den Amerika unter seiner Führung durch den Kriegseintritt 1917 entschieden hatte, als großer Deutschenhasser. Während der Versailler Konferenz 1919 sagte Wilson zum britischen Premier David Lloyd George gemacht hat: „I have always detested Germany. I have never gone there. But I have read many German books on law. They are so far from our views that they have inspired in me a feeling of aversion.” (Ich habe Deutschland immer verabscheut. Ich bin dort nie gewesen. Aber ich habe viele deutsche Jura-Bücher gelesen. Sie sind so weit von unseren Vorstellungen entfernt, dass sie mich zu einem Gefühl der Ablehnung bewegt haben.) Quelle: Gemeinfrei
George SorosDer amerikanische Großinvestor hat sich häufig mit extrem kritischen Aussagen über Deutschland und seine aktuelle Finanzpolitik hervorgetan.
Twain Quelle: Gemeinfrei
André KostolanyDer Börsen-Guru hat vermutlich zu jedem Thema einen unterhaltsamen Sinnspruch fabriziert, so auch zu den Deutschen:  „Die Deutschen sind der Tücke des Geldes nicht gewachsen. Das Volk der Romantiker, Philosophen und Musiker ist in Geldangelegenheiten unromantisch und verliert jeden Hang zur Philosophie und besonders zur Phantasie.“ Quelle: dpa/dpaweb
Tom PetersAuch der amerikanische Unternehmensberater und Bestseller-Autor traute sich eine Pauschalaussage zu: „Der Deutsche liebt die Maschine und ist immer noch traurig, dass Henry Ford kein Deutscher war.“ Quelle: AP

Obama – stets freundlich lächelnd und offen der Kanzlerin zugewandt – erinnert an seine anfängliche Skepsis gegenüber geheimdienstlichen Maßnahmen. Doch nach intensivem Studium des Programms sei er zu der Einsicht bekommen, dass dies dem Schutz des Volkes diene. Man habe nie die E-Mails von Amerikanern oder Deutschen mitgelesen, wohl aber durch die Rückverfolgung von Telefonaten rund 50 „Bedrohungen“ abgewehrt, darunter auch in Deutschland. Es gehe darum, Leben zu retten, so der Präsident, wobei die Überwachung unter Aufsicht der Justiz stehe.

Angela Merkel wirkt defensiv an diesem Tag. Sie trägt einen Blazer im CDU-Orange wie im Wahlkampf, dennoch scheint ihr Kritik zur Stunde fremd. Bei allen Notwendigkeiten der Beobachtung müsse stets „die Balance und Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben“, verklausuliert die Kanzlerin. Und dann sagt sie jenen Satz, der ihr später den Spott der Web-Gemeinde eintragen wird: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Man kann es auch als Rechtfertigung des Abhörprogramms verstehen.

Barack Obama ist bestens gelaunt: „Ich bin sehr beeindruckt vom Wetter in Berlin“, grinst der Präsident im Kanzleramt. Ein paar Minuten später, eine Journalistin hat ihre Doppel-Frage nicht eindeutig adressiert, ist zudem eine formale Frage geklärt: Über die Drohnen solle sie sprechen, so Merkel und fährt stockend fort: „über Guantanamo, äh, du.“ Also reicht die Stimmung für das freundschaftliche „Du“.

Lage der USA

Formlos setzt sich der Nachmittag fort, als Obama vor dem Brandenburger Tor das Jackett auszieht – und die Jubelnden auffordert, ihm nachzutun. Das Joviale indes verfängt nicht recht, denn die Gäste hatten sich ob der glühenden Hitze längst des Oberteils entledigt. Wer klug war, trägt einen schicken Strohhut oder Kopftuch zum notdürftigen UV-Schutz. Unter Missachtung aller Stilregeln tragen manche Herren grelle Baseball-Mützen auf dem schwitzenden Schädel.

Gut, dass es Fähnchen gibt – damit können sich die schwitzenden Zuschauer ein kleines bisschen Luft ins Gesicht wehen. Das Gros der Zuschauer liefert sich indes der Horrorhitze schutzlos aus. Und bleibt trotzdem.

Barack Obama lässt sich in Berlin feiern wie einen Popstar. Die Gäste, darunter auffällig viele junge Frauen, kreischen wie am Vorabend beim Konzert des Landsmanns Bon Jovi, der die Wahlbühne am Olympiastadion rockt. Obama singt nicht, er sagt bloß: „Hallo Berlin“ – und Berlin schreit. Der Beifall kommt in etwa so spontan wie die Lacher in US-Comedy-Shows.

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