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Staatsschuldenkrise

Vom allergnädigsten Zutrauen in Banker

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Europa fehlt das Vertrauen der Anleger

Europa muss das Vertrauen der Anleger zurück gewinnen. Quelle: dpa

Dialog mit den Märkten

So mancher staatliche Schuldenmanager in Europa dürfte sich dieser Tage die eingangs beschriebenen Sitten und Gebräuche zu Zeiten absolutistischer Herrscher vergangener Jahrhunderte zurück wünschen. Banken und Anleger allein dadurch dazu zu bewegen, einem Staat Geld zu leihen, indem man sie in einer Verkehrung der wirtschaftlichen Realität des "allergnädigsten Zutrauens" versichert, funktioniert aber nicht mehr.

Nicht auf das Zutrauen der Emittenten kommt es an, das Vertrauen der Anleger ist entscheidend. In ganz Europa mangelt es derzeit daran. Dieses Vertrauen zurückzugewinnen, ist der Schlüssel zur Lösung der Krise. Die Anleger müssen davon überzeugt werden, dass ein Staat willens und in der Lage ist, über viele Jahre nicht mehr auszugeben als er einnimmt, ja sogar einen positiven Haushalt vorzulegen, aus dessen Überschüssen Schulden getilgt werden können. Dazu bedarf es nicht nur entsprechender Beschlüsse der betroffenen Regierungen, sondern auch deren Vermarktung.

Die staatlichen Schuldenmanager aller Länder der Euro-Zone sollten den regelmäßigen, persönlichen Dialog mit Portfoliomanagern bei Fonds, Banken und Versicherungen intensivieren, um ihre Konzepte zum Schuldenabbau zu erläutern, Perspektiven aufzuzeigen und Fragen zu beantworten. Vertrauen hängt nicht nur von nackten Zahlen ab; es ist zum einem großen Teil Psychologie. Daher gilt: Menschen schaffen Vertrauen, nicht Statistiken.

Staatsbankrott trifft alle

Außerdem muss den Geldverwaltern innerhalb und außerhalb Europas eines deutlich vor Augen geführt werden: Wenn ein Land wie Italien es im kommenden Jahr nicht schaffen sollte, die über 400 Milliarden Euro aufzubringen, derer es bedarf, um seine alten Anleihen zurückzuzahlen, dann droht ein Staatsbankrott, den Europa nur schwer wird überleben können. Es gilt das Bewusstsein zu schärfen, dass auch diejenigen, die keinerlei Anleihen angeschlagener Länder der Euro-Zone besitzen, in einem solchen Szenario nicht ohne finanzielle Blessuren davon kommen werden.

Denn bricht Europas Rentenmarkt zusammen, dann werden auch andere Asset-Klassen leiden. Investitionen in europäische Staatsanleihen könnten sich also aus reinem Selbstschutz anbieten. Und sollte die European Financial Stability Facility (EFSF) solche Anleihen zukünftig auch noch mit einer teilweisen Garantie versehen, müsste das zögernde Anleger hinreichend ermutigen, wieder Anleihen zu zeichnen.

Hoffen auf das Waterloo der Euro-Untergangspropheten

Kehrt das Vertrauen in die Staaten der Euro-Zone eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages zurück, wird das Sentiment am Markt sehr schnell drehen. Und so mancher, der heute auf den Untergang des Euros setzt, wird dann sein persönliches Waterloo erleben. Statt die Notenbank zu bedrängen, mit dem unbegrenzten Ankauf von Staatsanleihen einen Weg mit ungewissem Ausgang zu beschreiten und die eigene Glaubwürdigkeit zu verspielen, sollten die politisch Verantwortlichen in der Euro-Zone sich bis dahin lieber an die Arbeit machen und eine "Agenda 2020" entwickeln, deren Ziel eine gemeinsame europäische Regierung mit voller Hoheit über alle Fragen der Finanz-, Wirtschafts- und Außenpolitik sein sollte. Eine solche europäische Regierung würde den schwersten Geburtsfehler des Euro heilen und unserer Region im weltweiten Streben aller Regionen um Wohlstand und Glück wieder einen vorderen Platz sichern.

Hinweis: Herr Engelmann ist Mitarbeiter der Citigroup in Deutschland. Der von ihm verfasste Text gibt allein seine persönliche Meinung wieder und ist keine Analyse, Beratung oder Empfehlung der Citigroup. 

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