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Staatsschuldenkrise

Vom allergnädigsten Zutrauen in Banker

In der Eurokrise funktioniert das alte Rezept nicht mehr, dass der Souverän den Bankiers gnädiger weise gestattet, ihm aus der Patsche zu helfen. Auch Eurobonds und Kaufprogramme führen nicht weiter. Heute müssen Investoren davon überzeugt werden, dass ein Staat willens und in der Lage ist, über viele Jahre nicht mehr auszugeben, als er einnimmt.

Die Staatsschuldenkrise nimmt kein Ende. Quelle: dpa

Sich zum Geburtstag Bücher zu wünschen, setzt ein gesundes Selbstbewusstsein voraus. Gewiss: Viele Gratulanten erfreuen einen mit harmlosen Titeln von der Bestsellerliste eines landesweit erscheinenden Nachrichtenmagazins. Andere hingegen nutzen zwar auch einen Spiegel, sie halten einem den aber vor und schenken Bücher, deren Titel und Inhalt durch die Blume einen dezenten Hinweis auf mögliche körperliche, geistige oder sittliche Defizite des Jubilars geben sollen.

So schenkte mir ein lieber Freund in diesem Jahr Ulf Hennings Sportroman "Dicker Mann auf dünnen Reifen", ein autobiographisches Werk, im Klappentext als "stets heiteres, oft entlarvendes, immer wieder saukomisches Sittengemälde einer wundersamen Parallelwelt voller entfesselter, notorisch unterzuckerter Jedermänner auf der Flucht vor dem Besenwagen" beschrieben - in Bezug auf mich ein einziger Wink mit dem Zaunpfahl. Lassen Sie sich nicht von dem auf dieser Webseite veröffentlichten Foto in die Irre führen, es schmeichelt mir! Auch ich könnte problemlos als "Dicker Mann auf dünnen Reifen" durchgehen.

Geachtete "Bankherren"

Ein anderer Freund überraschte mich mit einem Buch über "Frankfurter Bankherren". Erstmalig 1956 im Fritz Knapp Verlag erschienen beschreibt der Autor Erich Achterberg darin berühmte Dynastien Frankfurter Bankiers, die sich durch ihr gesellschaftliches Engagement in den Olymp ihrer Gilde katapultiert haben.

"Ein Bankherr ist gewöhnlich eine Persönlichkeit, die auch außerhalb des Berufes ein "Herr" ist, eine Figur der Repräsentation.", so heißt es in Achterbergs Einleitung - ein schöner Beleg für den ironischen Geist, den jener Gratulant bei der Auswahl seines Geschenkes sich frei entfalten ließ.

Denn weder ist man als "Banker" moderner Prägung überhaupt "Bankier", noch kann man in jemand, der wie ich samstags im Turnanzug aus Ballonseide über die Konstablerwache schlendert, "eine Persönlichkeit, die auch außerhalb des Berufes ein "Herr" ist", geschweige denn "eine Figur der Repräsentation" erkennen. Doch obwohl mich schon die Einleitung jenes kleinen Bandes über die berühmten und geachteten Bankiers in der Geschichte meiner Heimatstadt reichlich deprimierte, sollte sich Achterbergs Buch schlussendlich doch noch als unschätzbar wertvolles Juwel entpuppen. Denn nichts hilft einem mehr dabei, die Gegenwart zu verstehen, als der Blick in die Vergangenheit.

Staatsbankrotte kommen wie Ebbe und Flut

Wer die Geschichte der Bethmanns, Haucks, Metzlers und Rothschilds studiert, der erkennt, dass der Staatsbankrott ein Übel mit langer Tradition ist. Bei seinem Rückblick auf über 300 Jahre Bankgeschäft am Platz Frankfurt weiß Erich Achterberg von so mancher Staatsanleihe zu berichten, die von den Gläubigern am Ende abgeschrieben werden musste.

Im Zusammenhang damit fördert Achterberg auch eine Perle sprachlicher Formulierungskunst zu Tage, die wie keine andere die getrübte Wahrnehmung manches Potentaten vergangener Tage trefflich illustriert. So erklärte die österreichische Kaiserin Maria Theresia aus Anlass einer Darlehensvergabe durch ein Frankfurter Bankhaus in einer Schuldurkunde aus dem Jahre 1779: "Wir haben in die Gebrüder Bethmann in Frankfurt am Main unser allergnädigstes Zutrauen (sic!) gesetzt und sie bevollmächtigt, eine Summe von fünfmal 100.000 Gulden allda für unsere Rechnung aufzunehmen."

Respekt an Jens Weidmann

Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank Quelle: dapd

Vom hohen Ross des Herrschertums von Gottes Gnaden setzte damals so mancher Fürst in Verkehrung der wirtschaftlichen Tatsachen "allergnädigstes Zutrauen" in die Bankiers seiner Zeit und verschuldete sich bis über die Halskrause - zumeist, um Krieg zu führen oder pompös Hof zu halten. Oftmals blieben die Bankherren in der Folge auf faulen Krediten sitzen, vor allem natürlich dann, wenn die Kriege, die mit ihrem Geld finanziert wurden, verloren gingen.

Erich Achterbergs Buch "Frankfurter Bankherren" zeigt eines: Staaten gehen seit ehedem so regelmäßig Bankrott wie Ebbe und Flut einander ablösen.

Wachstum nährte Illusion von Sicherheit

Unser Erstaunen über die Krise der europäischen Staatsfinanzen, in der wir uns dieser Tage befinden, rührt von der Illusion von Sicherheit her, an die wir uns in Jahrzehnten stetigen wirtschaftlichen Wachstums gewöhnt haben. Eine Prosperität nie zuvor in der Geschichte beobachteten Ausmaßes hat uns glauben lassen, dass die Bäume immer weiter in den Himmel wachsen und der Staat immer größere Aufgaben schultern kann, ohne je in Schwierigkeiten zu geraten. Herausforderungen wie die Globalisierung, die Digitalisierung und die Alterung der Gesellschaft wurden dabei mancherorts übersehen oder schlichtweg ignoriert.

Tapferer Weidmann

In den vergangenen zwei Wochen hat sich die Staatsschuldenkrise erneut dramatisch zugespitzt: Italienische Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit rentierten phasenweise über sieben Prozent; Anleihen bislang als ungefährdet geltender Staaten der Euro-Zone verloren ebenfalls massiv an Wert; mit der spanischen stolperte die insgesamt sechste Regierung über die Krise und Frankreichs Staatstitel litten unter Gerüchten über eine bevorstehende Herabstufung der Bonität der "grande nation" durch die Agentur Moodys.

Die Tonlage in der Politik wird mit jedem Tag schriller. Immer lauter erschallt der Ruf, die Europäische Zentralbank solle unbegrenzt Staatsanleihen der Euro-Zone aufkaufen, um so dem Anstieg der Renditen ein Ende zu setzen. Jens Weidmann, der junge Präsident der Deutschen Bundesbank, widersetzt sich diesem Ansinnen vehement. Zu groß erscheinen ihm die Gefahren, die mit solchen unbegrenzten Käufen seitens der Notenbank verbunden wären. Dass Amerikaner und Briten diese wunderliche Form der Staatsfinanzierung schon seit geraumer Zeit praktizieren, ist lange noch kein Beweis für deren Sinnhaftigkeit. Weidmann verdient für seine konsequente Haltung Respekt.

Das Gespenst der Eurobonds

Auch ein anderes Gespenst geistert erneut durch die Debatte: die Einführung sogenannter Euro- oder "Stabilitätsbonds", wie sie der Präsident der EU-Kommission Baroso seit kurzem zu nennen pflegt. Eigentlich hätte man annehmen sollen, dass die Idee, man könne über solche gemeinsam begebenen Anleihen aller Länder der Euro-Zone das Vertrauen der Anleger zurückgewinnen, ohne zuvor eine gemeinsame Wirtschaftsregierung geschaffen zu haben, schon längst beerdigt wäre. Doch Baroso, Juncker und andere bringen die "Eurobonds" immer wieder in die Diskussion ein. Soll hier etwa der stete Tropfen den Stein höhlen?

Europa fehlt das Vertrauen der Anleger

Europa muss das Vertrauen der Anleger zurück gewinnen. Quelle: dpa

Dialog mit den Märkten

So mancher staatliche Schuldenmanager in Europa dürfte sich dieser Tage die eingangs beschriebenen Sitten und Gebräuche zu Zeiten absolutistischer Herrscher vergangener Jahrhunderte zurück wünschen. Banken und Anleger allein dadurch dazu zu bewegen, einem Staat Geld zu leihen, indem man sie in einer Verkehrung der wirtschaftlichen Realität des "allergnädigsten Zutrauens" versichert, funktioniert aber nicht mehr.

Nicht auf das Zutrauen der Emittenten kommt es an, das Vertrauen der Anleger ist entscheidend. In ganz Europa mangelt es derzeit daran. Dieses Vertrauen zurückzugewinnen, ist der Schlüssel zur Lösung der Krise. Die Anleger müssen davon überzeugt werden, dass ein Staat willens und in der Lage ist, über viele Jahre nicht mehr auszugeben als er einnimmt, ja sogar einen positiven Haushalt vorzulegen, aus dessen Überschüssen Schulden getilgt werden können. Dazu bedarf es nicht nur entsprechender Beschlüsse der betroffenen Regierungen, sondern auch deren Vermarktung.

Die staatlichen Schuldenmanager aller Länder der Euro-Zone sollten den regelmäßigen, persönlichen Dialog mit Portfoliomanagern bei Fonds, Banken und Versicherungen intensivieren, um ihre Konzepte zum Schuldenabbau zu erläutern, Perspektiven aufzuzeigen und Fragen zu beantworten. Vertrauen hängt nicht nur von nackten Zahlen ab; es ist zum einem großen Teil Psychologie. Daher gilt: Menschen schaffen Vertrauen, nicht Statistiken.

Staatsbankrott trifft alle

Außerdem muss den Geldverwaltern innerhalb und außerhalb Europas eines deutlich vor Augen geführt werden: Wenn ein Land wie Italien es im kommenden Jahr nicht schaffen sollte, die über 400 Milliarden Euro aufzubringen, derer es bedarf, um seine alten Anleihen zurückzuzahlen, dann droht ein Staatsbankrott, den Europa nur schwer wird überleben können. Es gilt das Bewusstsein zu schärfen, dass auch diejenigen, die keinerlei Anleihen angeschlagener Länder der Euro-Zone besitzen, in einem solchen Szenario nicht ohne finanzielle Blessuren davon kommen werden.

Denn bricht Europas Rentenmarkt zusammen, dann werden auch andere Asset-Klassen leiden. Investitionen in europäische Staatsanleihen könnten sich also aus reinem Selbstschutz anbieten. Und sollte die European Financial Stability Facility (EFSF) solche Anleihen zukünftig auch noch mit einer teilweisen Garantie versehen, müsste das zögernde Anleger hinreichend ermutigen, wieder Anleihen zu zeichnen.

Hoffen auf das Waterloo der Euro-Untergangspropheten

Kehrt das Vertrauen in die Staaten der Euro-Zone eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages zurück, wird das Sentiment am Markt sehr schnell drehen. Und so mancher, der heute auf den Untergang des Euros setzt, wird dann sein persönliches Waterloo erleben. Statt die Notenbank zu bedrängen, mit dem unbegrenzten Ankauf von Staatsanleihen einen Weg mit ungewissem Ausgang zu beschreiten und die eigene Glaubwürdigkeit zu verspielen, sollten die politisch Verantwortlichen in der Euro-Zone sich bis dahin lieber an die Arbeit machen und eine "Agenda 2020" entwickeln, deren Ziel eine gemeinsame europäische Regierung mit voller Hoheit über alle Fragen der Finanz-, Wirtschafts- und Außenpolitik sein sollte. Eine solche europäische Regierung würde den schwersten Geburtsfehler des Euro heilen und unserer Region im weltweiten Streben aller Regionen um Wohlstand und Glück wieder einen vorderen Platz sichern.

Hinweis: Herr Engelmann ist Mitarbeiter der Citigroup in Deutschland. Der von ihm verfasste Text gibt allein seine persönliche Meinung wieder und ist keine Analyse, Beratung oder Empfehlung der Citigroup. 

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