Stahl- und Aluminiumimporte Wie Trumps Strafzölle die USA spalten

Jubel bei den Aluminiumproduzenten, Entsetzen bei fast allen anderen: Die angekündigten Einfuhrabgaben schrecken Politik und Wirtschaft auf. Ein Überblick.

Der US-Präsident kündigte die Einführung von Strafzöllen in Höhe von 25 Prozent auf Stahl- und zehn Prozent auf Aluminiumimporte an. Quelle: Reuters

WashingtonMichael Bless verließ das Treffen mit US-Präsident Donald Trump mit einem Lächeln. „Wir freuen uns sehr und sind dankbar für das, was wir gehört haben“, so der CEO von Century Aluminum, einem der größten Aluminiumhersteller der USA. Sein Unternehmen sei bereit, die Produktion am Firmensitz in Kentucky wieder hochzufahren. „Wir werden fast 300 neue Mitarbeiter einstellen und mehr als 100 Millionen Dollar in das Werk investieren“, kündigte er an.

Bless hatte allen Grund zur guten Laune. Nachdem Trump am Donnerstag die Einführung von Schutzzöllen in Höhe von 25 Prozent auf Stahl- und zehn Prozent auf Aluminiumeinfuhren angekündigt hatte, sprang der Börsenkurs seines Unternehmens um rund zehn Prozent nach oben. Auch andere Metallproduzenten konnten sich über kräftige Zuwächse freuen.

Die meisten anderen Vorstände in den USA trauten hingegen ihren Augen nicht. Auf einen Schlag stürzten die Kurse ihrer Gesellschaften ab, die Börse zeigte sich tiefrot. Der Aktienindex Dow Jones fiel um 550 Punkte in die Tiefe.

Gut für die Aluminium- und Stahlindustrie, schlecht für den Rest? Ganz so einfach ist es nicht, doch die Reaktionen auf Trumps Zölle zeigen, wie gespalten die USA in dieser Frage sind. Auf der einen Seite stehen die Produzenten, die sich endlich vor billiger Konkurrenz aus dem Ausland geschützt sehen. Auf der anderen stehen die Unternehmen, die Aluminium und Stahl in ihren Produkten verwenden und nun höhere Einkaufspreise befürchten.

Die Angst ist nicht unbegründet. Schließlich ist die US-Wirtschaft auf Metalllieferungen aus dem Ausland angewiesen. Die Vereinigten Staaten sind der weltweit größte Importeur von Stahl, Tendenz steigend. Rund ein Drittel der rund 100 Millionen Tonnen Stahl, die amerikanische Unternehmen jährlich verarbeiten, werden eingeführt. Bei Aluminium beträgt der Anteil sogar 90 Prozent.

Trumps Kalkül ist, dass durch die Zölle die heimische Produktion der Metalle angekurbelt wird. Das senkt die Abhängigkeit von ausländischen Produzenten und schafft gleichzeitig neue Jobs in den USA. Die Pläne des Präsidenten seien „ein ermutigendes Zeichen der Unterstützung“, so Scott Paul, Chef der Alliance for American Manufacturing.

Auch die Arbeitnehmer der Branche zählen auf Trump. Man schätze die Aufmerksamkeit, die der Präsidenten dem Thema gewidmet habe, so Leo W. Gerard, Führungsmitglied der United Steelworker. Die angekündigten Zölle könnten dabei helfen, den Industriezweig wieder aufblühen zu lassen.

Das hofft auch Trump. Dem Präsidenten geht es vor allem um Arbeitsplätze. Bereits im Wahlkampf hatte er deutlich gemacht, dass er durch protektionistische Maßnahmen Jobs zurück in die Regionen der USA bringen will, die vom Strukturwandel besonders hart betroffen sind, etwa den Mittleren Westen. Ob dies unterm Strich allerdings auch zu insgesamt mehr Beschäftigung führt, ist längst nicht klar.

Weniger Jobs durch Zölle möglich

Industrievertreter rechnen bereits vor, dass die Zölle sogar zu weniger Arbeitsplätzen führen könnten. Die Produktion mache beispielsweise nur etwa drei Prozent der Jobs in der aluminiumverarbeitenden Industrie aus. Die restlichen 97 Prozent, rund 156.000 Jobs, hingen an Unternehmen, die den Rohstoff für ihre Produkte verwenden. Diese Arbeitsplätze seien durch die mutmaßlich steigenden Preise bedroht.

Zahlreiche US-Unternehmen hatten deshalb in den Wochen zuvor versucht, die Zölle noch abzuwenden. So schrieben Getränkehersteller Coca-Cola, Pepsi oder Dr. Pepper Snapple vor wenigen Wochen einen Brief an den Präsidenten, warnten vor „größeren negativen Folgen“ für ihre Branche. Denn die Tarife erhöhen die Kosten für Aluminiumdosen.

Aus dem gleichen Grund wetterten Bierhersteller wie Molson Coors Brewing gegen die Schutzmaßnahme. Deren Branchenvereinigung Beer Institute schätzt die Mehrkosten auf rund 350 Millionen Dollar.

Was die Unternehmen nicht ausdrücklich sagten, aber Experten wissen: Kostenerhöhungen reichen Konsumgüterhersteller an die Kunden weiter. Die werden künftig mehr für eine Dose Budweiser oder Miller zahlen müssen. Das schadet dem Absatz, laut dem Beer Institute stehen mehr als 20.000 Jobs in den USA auf dem Spiel.

Deshalb war der Vorsitzende der Vereinigung, Jim McGreevy, nach Trumps Entscheidung auch um Schadensbegrenzung bemüht. Das Aluminium für Bierdosen komme aus den USA und Kanada, „einer von Amerika stärksten Alliierten“, sagt er. Daher „dränge er das Handelsministerium, Aluminium für Bierdosen von diesen Tarifen auszunehmen“.

Noch größer könnte der Arbeitsplatzverlust in der Flugzeug- und Automobilindustrie sein. Exakte Zahlen nennen die Branchenverbände zwar nicht, ihre Sorge ist jedoch offensichtlich. Er habe die Regierung gewarnt, in der Zollfrage vorsichtig zu sein, um nicht andere Teile der Wirtschaft zu schädigen, so Remy Nathan, Vize-Präsident der Aerospace Industries Association. Auch der Verband der Autoteilehersteller gab zu bedenken, dass der Import einiger Aluminiumteile allein in seiner Branche mehr als 870.000 Jobs stütze.

Die Tarife führen nun zu höheren Kosten für die US-Autobranche. Nach vielen Boomjahren schwächt sich die Nachfrage im weltweit zweigrößten Automarkt leicht ab. „Sie könnten nicht zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen”, sagte Cody Lusk, Chef von der American International Automobile Dealers Association, einer Branchenvereinigung der US-Autohändler.

Die Big Three aus Detroit warnten vor „unbeabsichtigten Konsequenzen“ für die Autobranche, sehen sich im Nachteil im Wettbewerb mit ausländischen Konkurrenten, wie die Branchenvereinigung American Automotive Policy Council dem Weißen Haus sagte. Hersteller wie General Motors sehen sich bestätigt, möglichst verschiedenes Material für die Autoherstellung zu verwenden.

„Was auch immer die Handelspolitik ist“, sagte Mark Reuss, Produktchef von General Motors „müssen wir großes Augenmerk darauf halten und diszipliniert dabei sein, was wir kaufen und wie wir unsere Fahrzeuge entwickeln und entwerfen“.

Auch in der Politik werden die Sorgen der Wirtschaft geteilt. Allerdings gibt es hier auch Unterstützung für Trumps Entscheidung. Auffällig: Die Frontlinie verläuft hier anders als im polarisierten Washington sonst üblich.

Es sind vor allem Trump-Republikaner, die sich gegen die Zölle aussprechen. Er hätte solche Maßnahmen von einer „linken Regierung“ erwartet, so Ben Sasse, Senator aus dem Bundesstaat Nebraska. Auch sein Kollege aus Utah, Orrin Hatch, äußerte Kritik. „Zölle auf Stahl und Aluminium sind eine Steuererhöhung, die das amerikanische Volk nicht braucht und sich nicht leisten kann.“

Der Abgeordnete Charlie Dent, ebenfalls ein Republikaner, zeigte sich besorgt, dass die Zölle den Schokoriegelhersteller Hershey’s belasten könnten, der sein Werk in Dents Heimatstaat Pennsylvania hat.

Applaus bekam Trump hingegen von den oppositionellen Demokraten. Die Maßnahme sei „überfällig“, so Sherrod Brown, demokratischer Senator aus Ohio. Und Ron Wyden, Senator aus Oregon, sagte, er sei „erfreut“ über die Schritte des Präsidenten.

Wie genau die Zölle ausgestaltet sein werden, ist noch unklar. In der kommenden Woche sollen weitere Details bekanntgegeben werden. Dann dürfte auch die Reaktion der amerikanischen Handelspartner konkreter werden. Es wird gemeinhin erwartet, dass etwa China mit Zöllen auf Lebensmittelimporte reagieren wird – was vor allem Trumps Anhänger im Kernland der USA treffen könnte.

Auch die EU ließ bereits durchblicken, dass die die amerikanischen Zölle nicht einfach so hinnehmen wird. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ließ mitteilen, man bereite Zölle auf Harley-Davidson-Motorräder, Bourbon und Levi’s Jeans vor.

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