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Standortpolitik Österreich lockt Forscher mit höheren Prämien

Die Alpenrepublik erhöht trotz eines harten Sparkurses die steuerlichen Anreize für Forschungsausgaben. In den vergangenen Jahren haben die Österreicher mit Erfolg den deutschen Mittelstand umworben – doch Sparvorhaben sorgen unter Wissenschaftlern für Unmut.

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Aushängeschild österreichischer Standortpolitik: Gebäude des Campus Vienna Biocenter

Infineon-Chef Peter Bauer ist Österreich-Fan – und das nicht nur wegen der schönen Berglandschaft. Es ist das Steuerrecht, das es dem Top-Manager besonders angetan hat. Großzügiger als die Deutschen seien die Österreicher bei der Förderung von Forschung und Entwicklung, sagt Bauer. Im Infineon-Werk im österreichischen Villach arbeiten Forscher an Halbleitern für die Autoindustrie – und haben dort etwa Reifendruck-Sensoren entwickelt. Künftig sollen die Tüftler auch an neuen Mikrochips für den Stromtransport bei Windkraftanlagen forschen. Eine Pilotanlage dafür richtete Infineon in Villach vor vier Monaten ein.

Der österreichische Infineon-Standort genieße gegenüber Deutschland „den Vorteil der steuerlichen Forschungsförderung zusätzlich zur Projektförderung“, meinte Bauer bei einer Veranstaltung im November. Deutschland habe dabei „einen klaren Wettbewerbsnachteil“.

Bei der Standortpolitik haben sich die südlichen Nachbarn in den vergangenen zehn Jahren vieles richtig gemacht. Etwa bei den Rahmenbedingungen, die forschungsintensive Unternehmen ins Land locken sollen: Im Gegensatz zu Deutschland werden Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen in Österreich staatlich gefördert – durch eigene Etats für Grundlagenforschung, aber auch durch Steuergutschriften.

Der Lohn für die Konsequenz: Seit 2000 sind die branchenübergreifenden Ausgaben für Forschung und Entwicklung um 70 Prozent auf 6,8 Milliarden Euro gestiegen. Mittlerweile verfügt das Land mit knapp 8,4 Millionen Einwohnern über 2.800 Kompetenzzentren und Forschungseinrichtungen.

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     „Unser Kunde ist der deutsche Mittelstand“, sagt René Siegl, Chef der österreichischen Ansiedlungsagentur ABA, nicht ohne Stolz. Ziel der ABA ist es, ausländische Unternehmen ins Land zu locken. Und das tut sie offenbar höchst erfolgreich: Die Weltbank-Gruppe hat die ABA 2009 als weltweit beste von insgesamt 181 Betriebsansiedelungsagenturen ausgezeichnet. Deutschland verfügt auf Bundesebene über kein solches Standortmarketing-Institut – nur die einzelnen Länder machen mit eigenen Agenturen Werbung für ihre Regionen.

    Insgesamt 6.850 deutsche Firmen haben sich in Österreich angesiedelt – von Weltkonzernen wie Siemens oder Henkel bis hin zu Mittelständlern wie dem deutschen Medizintechniker Otto Bock, der seit 1969 in Wien forscht. Deutsche Investoren schätzen mehrere Dinge an Österreich, weiß Siegl. Österreich sei ein kaufkräftiger Markt. Die Besteuerung von Unternehmen sei mit der Körperschaftssteuer von 25 Prozent und Freibeträgen für Forschung attraktiv. In Österreich ansässige Unternehmen können dank  Gruppenbesteuerung Verluste ausländischer Töchter gewinnmindernd geltend machen. Zudem ist das Arbeitsrecht flexibler. Im Gegensatz zu Deutschland könnten Angestellte ohne Angabe von Gründen entlassen werden.

    Besonders stolz sind die Österreicher auf die stark wachsende Biotech-Szene in Wien. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sich Wien zum innovativen Standort für Pharmaunternehmen gemausert. Internationale Pharma-Riesen wie Baxter, Boehringer Ingelheim, Eli Lilly oder Novartis schätzen Wien als Forschungsstandort. Am Campus Vienna Biocenter, der finanziell stark von Boehringer unterstützt wurde, arbeiten mittlerweile mehr als 1000 Forscher.

    Wiens Parade-Biotechunternehmen, der börsennotierte Impfstoffentwickler Intercell, ist allerdings Mitte Dezember in Turbulenzen geschlittert. Das Biotech-Startup stellte die Entwicklung eines Impfpflasters gegen Reisedurchfall ein, da Wirksamkeitsstudien erfolglos verliefen. Daraufhin brach der Aktienkurs um fast die Hälfte ein. Doch Intercell hat noch ein zweites Standbein: Für Produkte, die Intercell nicht selbst herstellen oder vermarkten will, hat der Impfstoff-Spezialist strategische Partner wie GSK, Novartis oder Merck an sich gebunden.

    Lokale Biotech-Mitbewerber lassen zudem mit Erfolgsmeldungen aufhorchen: Der Antikörper-Spezialist F-Star hat im November ein Kooperations- und Lizenzabkommen mit Boehringer geschlossen. Das potenzielle Gesamtvolumen des Deals: 1,26 Milliarden Euro.

    Damit die Attraktivität des Standorts auch in diesem Jahr ungebrochen bleibt, hat Österreichs Regierung Anfang 2011 die Forschungsprämie erhöht. Unternehmen können sich nun zehn statt acht Prozent der Ausgaben für Forschung „außer Haus“ am Abgabenkonto gutschreiben lassen. Rund 100 Millionen Euro mehr stehen so für die Forschung zur Verfügung, heißt es von Seiten der ABA. Bis 2020 will die Regierung die Forschungsausgaben auf vier Prozent des BIP erhöhen – ein Ziel, das nicht alle für realistisch halten.

    Erst vor wenigen Wochen wies der Rat für Forschung und Technologieentwicklung in seinem Mission Statement darauf hin, dass Österreich vom ursprünglichen Regierungsziel für 2020 weit entfernt sei. Dem Land fehle noch einiges, um zur EU-Spitze aufzusteigen, konstatierte der Rat unter der Führung von Hannes Androsch, einem ehemaligen Finanzminister und Industriellen. Das Land müsse etwa die Zahl seiner naturwissenschaftlich-technischen Absolventen steigern und die Bedingungen für die Spitzen- und Grundlagenforschung verbessern. Dafür müsse die Regierung mehr Geld in die Hand nehmen als die Ausweitung der Forschungsprämie. Höhere Ausgaben für die Forschung müssen auch in Zeiten eines Sparkurses möglich sein. „Das ist eine Notwendigkeit“, sagt Androsch. „Wenn man das nicht tut, wird man die Zukunft verspielen.“

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      Eine Warnung, die mit gutem Grund erfolgte: Denn im Zuge eines allgemeinen Sparpakets will Österreichs Regierung im Jahr 2011 34,4 Millionen Euro bei den Ausgaben für Wissenschaft und Forschung einsparen. Bis 2014 soll insgesamt mehr als viermal so viel in dem für die Zukunft so wichtigen Bereich eingespart werden.

      Für einen Aufschrei der Empörung sorgten Regierungspläne, 40 außeruniversitären Forschungsinstituten ab 2011 die staatliche Unterstützung zu entziehen. Einrichtungen wie das Erwin-Schrödinger-Institut für mathematische Physik oder das Institut für die Wissenschaft vom Menschen sind durch diese Pläne in ihrer Existenz bedroht. Sogar die UNESCO-Kommission des Landes warnte die Regierung vor den Folgen. Doch bisher bleibt Wissenschaftsministerin Beatrix Karl in der Sache standhaft. Damit könnte sie Österreichs hochfliegenden Standort-Plänen einen Bärendienst erweisen.

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