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Start-up-Hochburg Israel „Wir haben ein anderes Verhältnis zum Risiko“

Tel Aviv ist das Herz der israelischen Startup-Szene. Quelle: imago images

Grisha Alroi-Arloser, Chef der Israelisch-Deutschen Handelskammer, über das wachsende Interesse der deutschen Wirtschaft an Israel, die Ursachen für die hohe Gründerquote dort – und das Militär als Innovationstreiber.

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Herr Alroi-Arloser, die israelische Mondmission endete im April mit einem Debakel, die Raumsonde "Beresheet" zerschellte bei der Landung. Wie stark ist Israels Ruf als High-Tech-Nation dadurch beschädigt?
Kaum. Israel zählt zu den nur zehn Staaten weltweit, die eine Mondumrundung geschafft haben. Und die Regierung hat bereits angekündigt, bei der Mondlandung einen zweiten Versuch zu starten. Es zählt zu den Eigenheiten in Israel, dass man sich durch Misserfolge nicht entmutigen lässt. Scheitern gilt hier nicht als Katastrophe, sondern als konstruktive Erfahrung. Das ist die ökonomische DNA des Landes.

Wo kommt die her?
Die Israelis befinden sich seit 70 Jahren de facto im Kriegszustand, sie leben in dauerhafter Gefahr, die etwa von der Hamas im Westen und der Hisbollah im Norden ausgeht. Dies führt dazu, dass die Menschen ein völlig anderes Verhältnis zum Risiko haben als in westlichen Ländern. Das schlägt sich in allen Lebensbereichen nieder – eben auch in der Wirtschaft. Nicht von ungefähr hat Israel weltweit die zweithöchste Existenzgründerquote pro Kopf. Die Kinder lernen hier schon in der Schule, auch mal „out of the box” zu denken. Später setzt sich das fort, es gibt in Israel eine rege Risikokapitalszene. Pro Kopf der Bevölkerung ist nirgendwo auf der Welt so viel Risikokapital verfügbar. Die Geldgeber finanzieren gescheiterte Existenzgründer, die einen zweiten Versuch wagen, übrigens oftmals lieber als komplette Newcomer. In Deutschland wäre das undenkbar.

Wie stark ist der Einfluss des Militärs auf die Wirtschaft und die Start-up-Szene?
Sehr stark. Militär und Rüstungsindustrie waren und sind in Israel zentrale Innovationstreiber, das hört sich für viele Europäer wahrscheinlich komisch an.

Grisha Alroi-Arloser ist Geschäftsführer der Israelisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer in Tel Aviv und seit 2011 Präsident der Israelisch-Deutschen Gesellschaft. Er kam 1956 in Sibirien zur Welt, wuchs in Deutschland auf und lebt seit 1978 in Israel. Quelle: imago images

Stimmt.
Aber es gibt in Israel nun mal keinerlei Berührungsängste zwischen Armee, Wissenschaft und Unternehmen. Der Militärdienst hat eine sozial nivellierende Wirkung, der Student kann hier durchaus der Vorgesetzte seines als Reservist eingezogenen Professors sein. Viele Soldaten nutzen die beim Militär entstandenen Kontakte und Netzwerke später für ihre Karriere, viele holen sich hier auch Input für Firmengründungen im High-Tech-Bereich.

Trotz guter Wirtschaftsdaten ist Israel aber kein ökonomisches Wunderland. Es gibt eine Reihe struktureller Probleme.
Klar, die Verkehrsinfrastruktur ist katastrophal. Und unter den OECD-Staaten hat nur Mexiko eine höheren Anteil von Menschen, die sich als einkommensarm bezeichnen. Trotzdem ist richtig, dass Israels Wirtschaft eine außergewöhnliche Entwicklung nimmt.

Wie präsent ist die deutsche Wirtschaft in Israel?
Das Interesse der deutschen Wirtschaft ist spürbar angestiegen. Vor zehn Jahren habe ich als Geschäftsführer der Auslandshandelskammer maximal drei Delegationen pro Jahr betreut. 2018 waren es schon 26 und in diesem Jahr dürften es mehr als 30 sein. Zugleich ist die Delegationsstärke von durchschnittlich acht auf 25 Leute gestiegen. Mittlerweile sind rund 6500 deutsche Unternehmen ist Israel präsent, für viele deutsche Firmen ist Israel der bedeutendste Absatzmarkt im Nahen Osten. Allerdings hat in den vergangenen Jahren ein strategischer Wandel eingesetzt.

Inwiefern?
Deutsche Unternehmen wollen nicht nur verkaufen, sondern Teil der boomenden israelischen Innovationsszene werden. Sie gehen Kooperationen mit Gründerzentren und Forschungseinrichtungen ein oder kaufen israelische Start-ups auf. Merck etwa hat in Jerusalem eine Start-up-Firma im Bereich Nanotech übernommen. Mittlerweise sind fast alle großen deutschen Konzerne vor Ort, von Siemens und Telekom bis hin zu Innogy, SAP und Munich Re. Eine Studie unserer Kammer hat ergeben, dass israelische Investitionen in Deutschland zu 90 Prozent vom Wunsch getrieben sind, einen besseren Marktzugang und bessere Chancen bei öffentlichen Ausschreibungen zu erreichen. Nur zehn Prozent suchen in Deutschland nach technologischen Impulsen. Umgekehrt ist das anders: Deutsche Firmen, die nach Israel gehen, investieren zu 50 Prozent in neue Technologien. Allerdings: Die Deutschen sind nicht allein. Auch die Chinesen sind in Israel derzeit mit großen Einkaufswagen unterwegs.

Kann sich die israelische Konjunktur von der prekären Sicherheitslage entkoppeln oder ist die latente Terror- und Kriegsgefahr ökonomisch „eingepreist“?
Bei einer Eskalation leidet natürlich der Tourismus, manchmal kommt es zu Lieferengpässen. Insgesamt aber waren die ökonomischen Folgen bei Unruhen in den vergangenen Jahren überschaubar. Beim letzten Großkonflikt im Gazastreifen vor vier Jahren gab es am Ende nur eine leichte Delle in der Konjunktur. Richtig ist allerdings auch: Wir sind ein so kleines Land, dass wir uns lange kriegerische Auseinandersetzungen wirtschaftlich nicht leisten können.

Israels Wirtschaft orientiert sich stark am Weltmarkt. Wäre es nicht ökonomisch sinnvoll, trotz aller Konflikte den Handel mit den Nachbarstaaten zu intensivieren? Handel schafft bekanntlich Wohlstand – und könnte womöglich dem Extremismus einigen Nährboden entziehen.
Der Handel zwischen Israel und den Palästinensern ist durchaus rege, gleiches gilt für Jordanien und Ägypten. Sie dürfen allerdings nicht die sozioökonomischen Rahmenbedingungen in diesen Ländern vergessen. Das Pro-Kopf-Einkommen in Jordanien etwa beträgt etwa ein Zehntel des Pro-Kopf-Einkommens in Israel. Die Kaufkraft ist gering, der Absatzmarkt überschaubar. Es gab in der Vergangenheit die Idee gemeinsamer Industriegebiete von Ägypten, Jordanien und Israel, in denen Freihandel herrscht, die so genannten „Qualifying Industrial Zones“. Das Projekt ist derzeit aber auf Eis gelegt – leider.

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