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Stelter strategisch

So spielen Anleger den Waffenstillstand im Handelskrieg

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Logik des Handelskrieges

Dabei treffen die Zölle China zu einem ungünstigen Zeitpunkt in der eigenen Entwicklung. Der Unternehmenssektor ist hoch verschuldet und es gibt erhebliche Überkapazitäten in einzelnen Industrien und im Immobiliensektor. Der Versuch der Regierung, von der Droge billigen Geldes wegzukommen und zugleich den Anteil des privaten Konsums zu stärken, hat bereits zu einer deutlichen Abnahme des Wirtschaftswachstums geführt. In dieser Umbruchphase treffen die Strafzölle der USA einen ohnehin schwankenden Boxer.

Strategisch gesehen muss man Trump konzedieren, dass er einen guten Zeitpunkt für seinen Angriff gewählt hat. Wenn man den Aufstieg Chinas noch verhindern will, muss man es heute machen. In den kommenden Jahren setzt der massive Rückgang der chinesischen Erwerbsbevölkerung ein, weshalb das Szenario eines Landes, das „alt wird, bevor es reich wird“, durchaus realistisch erscheint. In vielerlei Hinsicht ähnelt China übrigens der japanischen Entwicklung noch mehr als Europa, wie die Deutsche Bank vorrechnet.

Für Trump wird es erst attraktiv nachzugeben, wenn seine Wiederwahl gefährdet ist. Dies wäre der Fall bei einem deutlichen Einbruch an der Wall Street – wobei das für den Großteil seiner Wähler eigentlich keine Rolle spielt – und einer Rezession in den USA. Nüchterne Beobachter meinen sogar, dass der Handelskrieg die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA senkt. Begründung: China ist gezwungen, die eigene Wirtschaft mit (noch mehr) billigem Geld zu stützen, was bisher immer der Weltwirtschaft und auch den USA genutzt hat. Zugleich wird die Fed eher bei einer lockereren Geldpolitik bleiben.

Die aktuelle Schwäche des Renminbi würde dieses Szenario stützen. Es deutet darauf hin, dass die Chinesen die geldpolitischen Zügel lockern.

 Der Waffenstillstand wird kommen

Dennoch ist es realistisch, dass es in den kommenden Monaten zu einer Einigung kommen wird. Je stärker die Börse doch noch reagiert, desto wahrscheinlicher, dass Trump zu einer Einigung bereit ist. Die Gegenmaßnahmen von China und der Fed wären da schon im Gange und damit auch die Wahrscheinlichkeit für eine gute Konjunktur im kommenden Herbst. Außerdem könnte sich Trump dann noch publikumswirksam die deutsche Automobilindustrie vorknöpfen, eine Entscheidung, die er wohl nur aufschob, um einen Zweifrontenkrieg zu verhindern.

Dabei darf man sich keiner Illusion hingeben: Jedes Abkommen zwischen den USA und China dürfte mehr den Charakter eines Waffenstillstandes als eines Friedensvertrages haben. Die Konfliktbereiche zwischen den beiden Ländern sind zu weitgehend. Dies gilt meines Erachtens unabhängig davon, wer im Weißen Haus sitzt.

Aus Sicht von Investoren ändert das Theater nichts an dem stabilen Portfolio, das ich stets propagiere: Liquidität, Gold, Aktien und Immobilien in einer am globalen BIP ausgerichteten regionalen Gewichtung.

Für Spekulanten mag es attraktiv sein, bei stärkeren Rücksetzern Positionen aufzubauen, um diese in der zu erwartenden Rally mit Gewinn zu verkaufen. Ebenso interessant dürfte es sein, in die Rallye hinein (gedeckte) Calls (Kaufoptionen) zu schreiben, um eine schöne Prämie zu verdienen, gerade auch, nachdem die Volatilität wieder angezogen hat. Für ganz Mutige bietet es sich zudem an, auf eine Abwertung des Hongkong-Dollars zu wetten. Ist Hongkong doch eine Plattform für die Kapitalflucht aus China und zudem nach einem Schuldenboom des Privatsektors anfällig für Schocks.

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