Streumunition für die Ukraine: „Diese Bomben sind ein Albtraum für Russlands Soldaten“
Alte Streubomben der Bundeswehr wie diese sind mittlerweile vollständig aus den Lagern entfernt worden.
Foto: dpaWirtschaftsWoche: Herr Mölling, die USA werden international geächtete Streubomben an die Ukraine liefern. Das teilte das Weiße Haus mit. Was ist Ihre Meinung dazu?
Christian Mölling: Ethische Probleme wird die Auslieferung solcher Munition durchaus aufwerfen. Gerade für diejenigen westlichen Staaten, darunter auch Deutschland, die ein Abkommen zum Verbot unterschrieben haben. Eigentlich folgen sie einer Norm, Streubomben auch im Krieg nicht als Waffe einzusetzen. Dennoch gibt es jetzt einen Angriff auf die Ukraine und das Leben von Soldatinnen und Soldaten steht auf dem Spiel. Ziehen die USA jetzt diese Karte, stehen durchaus auch ihre westlichen Bündnispartner vor einem moralischen Dilemma zwischen Überzeugungen und Menschenleben.
Es heißt, die Ukraine würde eine neue Generation an Waffen erhalten, die kaum noch Schaden durch Blindgänger verursacht. Halten Sie das für ein vorgeschobenes Argument, um die Debatte zu entschärfen?
Nicht unbedingt. Das Verbot von Streubomben hat ja den Hintergrund, dass frühere Versionen viele kleine Sprengkörper erzeugten, die sich über ein großes Gebiet verteilten. Weil ungefähr 40 Prozent davon nicht zündeten, kam es später zu Verstümmelungen und Opfern unter Zivilisten. Wie bei einem Minenfeld. Mittlerweile sind technische Verbesserungen aber tägliche Praxis, auch weil Blindgänger bei anderen Waffen ähnliche Probleme verursachen. Heute gibt es Zeitzünder, die quasi eine Selbstzerstörung einleiten, wenn etwas bei der ursprünglichen Detonation schiefgelaufen ist. Oder der Zündmechanismus selbst wird zerstört, damit es keine verzögerten Explosionen mehr geben kann. Kollateralschäden lassen sich dadurch tatsächlich minimieren.
Auch neue Technik kann im Einsatz versagen, auch ein kleinerer Prozentsatz an Blindgängern kann für unerträgliches Leid sorgen…
Ich glaube, die Ukraine kalkuliert wie folgt: Ich setze eine Munition mit einer gewissen Restwahrscheinlichkeit an Blindgängern ein. Über einem Gebiet, das von den Russen bereits völlig vermint worden ist. Dass ich also bei einer Rückeroberung sowieso räumen muss. Dann könnten die Ukrainer die Waffen einsetzen, aber gleichzeitig die Gefahr für die eigenen Leute kleinhalten. Man will ja auch nicht sein eigenes Territorium unbewohnbar machen.
Wird die Lieferung von geächteten Waffen der Reputation der Nato so oder so ordentlich schaden?
Russland wird sicherlich schon bald seine Agenten darauf ansetzen, eine Scheinheiligkeits-Erzählung des eskalierenden Westens zu verbreiten. Sei es durch die AfD oder sonst wen. Und grundsätzlich stimmt es ja: Das moralische Dilemma des Einsatzes einer solchen Waffe bleibt schmerzlich. Es wird einen politischen Kraftakt brauchen, um das zu verargumentieren. Fakt ist aber auch: Die Norm gilt nur für jene Staaten, die das Abkommen unterschrieben haben. Die USA gehören nicht dazu, auch nicht die Ukraine. Russland und China übrigens auch nicht.
Ist denn die Lage der ukrainischen Armee so schlecht, dass man trotz Imageschadens zu diesem Mittel greifen muss?
Ich würde das in den Kriegsverlauf einordnen. Die Ukraine hat aktuell drei Hauptprobleme: Munition, Lufthoheit und die Schützengräben der Russen. Letztere behindern die ukrainische Gegenoffensive massiv. Die Streubomben sind durchaus eine Möglichkeit, dieses Hindernis zu überkommen.
Können Sie das erläutern?
Die Munition würde über den Schützengräben gezündet und dann die Soldaten darin verletzen oder töten. Die Stellungen wären damit also unbrauchbar. Dazu kommt ein psychologischer Effekt. Diese Bomben sind ein Albtraum für Russlands Soldaten. Wenn auf einmal Schrapnell vom Himmel regnet, vor dem sie sich kaum schützen können. Der Grad an Verletzungen wird hoch sein, die Lazarette schnell an ihre Grenzen kommen. Wir reden von einer brutalen Waffe, die nicht ohne Grund geächtet ist. Ich kann mir vorstellen, dass die Moral-Diskussion über ihren Einsatz bei westlichen Politikerinnen und Politikern gerade erst anfängt.
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