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Studie der Bertelsmann-Stiftung Die Menschen lieben den Freihandel – und fürchten die Globalisierung

Eine Studie hat ermittelt wie Menschen weltweit die Globalisierung wahrnehmen. Viele freuen sich über wachsenden Möglichkeiten – doch es gibt große Angst um den Job.

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Weltweit lieben die Menschen den Freihandel, haben aber Angst vor der Globalisierung. Quelle: dpa

Berlin Die meisten Freunde findet die Globalisierung in Schwellenländern. Chinesen, Inder, Indonesier und Mexikaner sind zutiefst überzeugt: Die Globalisierung macht die Welt zu einem besseren Ort. In den reichen Industrieländern herrscht dagegen Skepsis; ebenso wie in den Entwicklungsländern: Dort liegt das freudige Ja zur segensreichen Wirkung der Globalisierung unter 50 Prozent. Nur die Kanadier sehen sie mit einer 55-Prozent-Mehrheit uneingeschränkt positiv.

Diese Ergebnisse zeigt eine weltweite Umfrage der Bertelsmann-Stiftung. Im Auftrag der Stiftung fragte das Online-Umfrage-Institut Yougov insgesamt 14.831 Personen in zwölf Ländern, die repräsentativ für die jeweilige nationale Gesamtbevölkerung stehen.

In den Schwellenländern waren im Durchschnitt 64 Prozent der Befragten überzeugt, dass die Globalisierung positiv wirkt; in China waren es sogar 77 Prozent, in Mexiko 73 Prozent, in Indien 72 Prozent. In Deutschland dagegen waren nur 40 Prozent vom „guten Einfluss“ der Globalisierung überzeugt, 31 Prozent finden sie „schlecht“, und 29 Prozent sind mit einem „weiß ich nicht“ zumindest skeptisch. Ähnlich sieht es in den USA, Japan, Frankreich und Großbritannien aus.

Die wichtigste Ursache dafür: Globalisierung trägt dazu bei, dass die soziale Ungleichheit zunimmt, sagen die Befragten in allen Ländern. Während in den Schwellenländern aber eher das Gefühl vorherrscht, dass die Ungleichheit Lohnerhöhungen für einen Teil der Bevölkerung bringt, also eine Chance bedeutet, sehen sich die Menschen in den Industrieländern von sinkenden Löhnen bedroht.

Die Autoren der Studie führen dies auf tatsächliche Erfahrungen zurück: In den Schwellenländern brachte die Globalisierung seit den 1990er Jahren starke Wohlstandsgewinne in zuvor sehr armen Ländern. Das Paradebeispiel dafür ist China.

In den Industriestaaten kam es dagegen am Anfang des Jahrtausends vielfach zu einer Stagnation von Löhnen und Gehältern. Je länger diese Stagnation der Gehälter dauerte, umso negativer wird etwa die Übernahme von Firmen durch ausländische Investoren beurteilt. Vor allem In Deutschland werden Firmenübernahmen negativ gesehen.

Insgesamt positiv wird zwar fast überall der freie Handel von Waren beurteilt. In Deutschland zum Beispiel halten nur 13 Prozent den zunehmenden Handel für eine eher schlechte Sache. Allerdings wünschen sich die meisten Befragten, vor allem in Industrieländern, mehr Schutz durch ihre Regierung vor negativen Begleiterscheinungen der Globalisierung. Die Bürger brauchen ein starkes Netz der sozialen Sicherung, um ihre Globalisierungsangst zu verlieren, schlussfolgern die Studienautoren.

Denn viele Wirkungen der Globalisierung werden auch in den Industrieländern von großen Mehrheiten positiv gesehen, darunter: die Chance für mehr Wachstum, für neue Arbeitsplätze und für billigere Produkte. Fast überall stimmen Mehrheiten weit über 50 Prozent dem zu; nur in Frankreich überwiegt bei diesen Punkten die negative Sicht.

In Deutschland und den USA konnten die Studienautoren die Antworten mit denen älterer Umfragen vergleichen: Demnach hat die TTIP-Debatte in Deutschland dazu beigetragen, dass der Freihandel 2016, während dieser Debatte, deutlich weniger positiv gesehen wurde als 2014. Inzwischen ist die Zustimmung aber wieder gestiegen.  

In den USA wiederum ist die Nation gespalten darüber, ob ein Austritt aus der Freihandelszone Nafta mit Kanada und Mexiko eher gut oder schlecht sei – während in Kanada und Mexiko die Bevölkerung fest zu Nafta steht.

Ein gewisser Handels-Nationalismus zeigt sich aber nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland und Großbritannien. In Deutschland findet die Hälfte der Bevölkerung den deutschen Exportüberschuss gut. In Großbritannien glauben fast 60 Prozent, dass der Brexit für die britische Wirtschaft eher vorteilhaft oder sogar richtig gut sein wird.

Interessant ist auch das Ergebnis, welche Länder denn als Handelspartner in anderen Ländern bevorzugt werden: Auf Platz 1 landete Japan, knapp gefolgt von Deutschland und Kanada. Sogar in den USA ist Deutschland nach wie vor als Handelspartner beliebt, wenn auch dort erst auf Platz drei hinter Kanada und Großbritannien.  

Die Bertelsmann-Stiftung wollte auch wissen, welche Länder als Handelspartner bevorzugt werden. Unbeliebt als Handelspartner ist demnach fast überall China. In den USA allerdings gibt es einen noch unbeliebteren Handelspartner: Das ist Russland.

Insgesamt zieht die Bertelsmann-Stiftung als Fazit, dass in den meisten Ländern die Menschen keine generelle Abschottung wollen, sondern Schutz; und das vor allem vor billigerer Lohnkonkurrenz aus dem Ausland.

„Wenn zu viele Menschen meinen, dass ein verstärkter Handel zu einer Verschlechterung ihrer persönlichen Situation führt, wird es schwierig sein, den Konsens zugunsten des Freihandels zu erhalten“, warnen die Autoren. Die Lösung hieße demnach: Mehr Freihandel braucht einen stärkeren Sozialstaat.

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