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Süd- und Nordkorea „Trump hat etwas erreicht, was seine Vorgänger nicht geschafft haben“

Süd- und Nordkorea Quelle: dpa

Der Nord-Süd-Gipfel diente der Vorbereitung für den mit Trump. Nordkorea-Experte Hanns-Jürgen Hilpert erklärt, warum das Treffen der Staatslenker trotzdem historisch war und ob Investoren in Nordkorea Perspektiven haben.

WirtschaftsWoche: Herr Hilpert, gestern fand das erste Treffen koreanischer Staatsführer seit elf Jahren statt. Was ist Ihr Eindruck?

Hanns-Günther Hilpert: Es ist ein historisches Ereignis. Wir haben sehr schöne Bilder gesehen, sehr viel Symbolik – für das koreanische Volk dürfte das alles sehr bewegend sein. Konkrete Vereinbarungen haben Kim Jong Un und Moon Jae In aber kaum abgeschlossen. Es geht hier vor allem um die Hoffnung auf Frieden, Stabilität und Wohlstand, um zukünftige Verbesserungen.

Welche Vereinbarungen haben die beiden Staatsführer denn konkret getroffen?
Das reicht von einer gemeinsamen Sportmannschaft für die Asienspiele hin zu Gesprächen zwischen den Militärs beider Länder zur Entspannung etwaiger Krisensituationen. Zudem gibt es Liaison Offices – was wir in Deutschland als ständige Vertretungen kennen. Damit unternehmen die Koreaner einen wichtigen Schritt hin zu einer friedlichen Koexistenz.

All das klingt aber erst einmal nach eher kleinen Schritten.
Ganz im Gegenteil. Sie müssen sehen, wo Nord- und Südkorea im vergangenen Jahr noch standen – da sprachen wir über einen möglichen Krieg. Kommunikation mit Nordkorea fand praktisch nicht mehr statt. Jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Das sind große Fortschritte, die die Lage im Land und in der ganzen Region stabilisieren und die Wahrscheinlichkeit eines Krieges enorm senken.

Zur Person

Was sagt uns das Ergebnis des Gipfels über das womöglich anstehende Treffen zwischen Kim Jong Un und Donald Trump?
Es schafft eine positive Basis für diese Gespräche.

Sie haben das Zusammentreffen von Moon und Kim Jong Un als ein historisches Ereignis bezeichnet. Ist Trumps „Mad Dog“-Taktik also aufgegangen?
Ich vermag nicht zu beurteilen, wie sein Verhalten bei der nordkoreanischen Staats- und Parteiführung angekommen ist. Trump hat auf jeden Fall etwas erreicht, was alle US- Präsidenten vor ihm nicht erreicht haben, nämlich dass China sich an den UN-Sanktionen gegen Pjöngjang ernsthaft beteiligt hat und zwar so weit, dass sie tatsächlich eine Wirkung gezeigt haben.

Lag das denn nicht auch in Chinas Interesse? Immerhin sind sich der chinesische Präsident Xi Jinping und Kim Jong Un auch nicht allzu positiv gesonnen.
Chinas Entgegenkommen hat sicherlich auch etwas mit den eigenen Interessen zu tun. Nichtsdestotrotz: Der Konsens zwischen China und den USA im Weltsicherheitsrat darüber, die Sanktionen gegenüber Nordkorea enorm zu verschärfen und die Importe und Exporte Nordkoreas weitgehend zu lähmen, hat enorme Früchte getragen. Bis vor ein paar Wochen war die nordkoreanische Staatsräson noch nukleare Rüstung plus wirtschaftliche Entwicklung. Seit dem letzten Parteitag vor wenigen Wochen ist es im Wesentlichen nur noch wirtschaftliche Entwicklung.

Wie bewerten Sie denn Nordkoreas Abrücken von der Atombombe? Chinesische Experten hatten berichtet, dass Nordkoreas Testgelände nicht mehr weiter nutzbar ist.
Aus der Ferne können wir nicht beurteilen, wie es um das Testgelände bestellt ist. Die Gerüchte, dass weitere Tests unmöglich sind, gab es schon unmittelbar nach dem letzten Atomtest. Da scheint etwas dran zu sein. Gleichwohl, das von Kim Jong Un angekündigte Testmoratorium heißt ja nicht, dass Nordkorea seine Kapazitäten oder das Wissen um die Nukleartechnologie aufgibt. Das Testmoratorium erfordert von Nordkorea keine großen Opfer. Den Weg der Denuklearisierung zu gehen, den die USA fordern, ist dagegen noch einmal etwas ganz anderes.

Können Sie da etwas ins Detail gehen?
Die Amerikaner wollen ein sogenanntes CVID – das steht für vollständige, verifizierbare und unumkehrbare Denuklearisierung. Das hieße, dass die Kapazitäten Nordkoreas wirklich demontiert würden, dass die Inspektoren der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) ins Land gelassen würden und das Recht hätten, unangekündigt Inspektionen der Anlagen durchzuführen. Ich sehe aktuell nicht, warum Nordkorea bereit sein sollte, diesen Forderungen in dieser extremen Form nachzukommen.

Das Atomabkommen mit dem Iran torpediert Trump nach Möglichkeiten. Welche Rolle spielt das?
Wenn das Iran-Abkommen scheitern sollte, weil die Amerikaner es einseitig aufkündigen, ist die Glaubwürdigkeit der US-Delegation schwer beschädigt. Die von Nordkorea als Preis für die Aufgabe der eigenen Nuklearrüstung geforderte Sicherheitsgarantie wäre in weiter Ferne. Vor diesem Hintergrund erscheint mir ein weites Entgegenkommen Nordkoreas erst recht undenkbar. Aber auch wenn das Iran-Abkommen hält, erscheint mir eine umfassende Denuklearisierung unwahrscheinlich.

Warum?
Nordkorea hat dem Testmoratorium im atomaren und ballistischen Bereich sowie der Aussetzung der Plutoniumproduktion unter dauerhafter Präsenz der Inspektoren der IAEO auf ähnlichem Niveau schon 1994 und 2007 zugestimmt – das könnten sie jetzt wieder tun. Alles darüber hinaus halte ich für unwahrscheinlich, aber ich lasse mich gerne überraschen.

Sollten sich auch Trump und Kim Jong Un verständigen, ist dann eine Marktöffnung Nordkoreas wahrscheinlich? Die Bodenschätze dort werden immerhin auf einen Wert von rund sieben Billionen US-Dollar geschätzt.
Für Investoren hat Nordkorea in der Tat viel zu bieten. Neben den immensen Bodenschätzen wären da die sehr günstigen Arbeitskräfte, die in der Regel gut ausgebildet, sehr arbeitsam und enorm belastungsfähig sind. Aber der Standort Nordkorea birgt auch enorme Risiken: Die Wahrscheinlichkeit, enteignet zu werden, ist dort sehr groß, die Infrastruktur ist schlecht, Bürokratie und Korruption sind enorm. Aber die Öffnung für Investoren ist ohnehin erst der übernächste Schritt. Erst einmal muss es eine Einigung zwischen Nordkorea und den USA geben – und die Wirtschaftssanktionen müssen gelockert werden.

Glauben Sie an eine solche Einigung?
Das ist schwer zu prognostizieren. Ich vermute, Trump will nicht mit leeren Händen vom Gipfel zurückkehren und beide Seiten sind gewillt, einen Erfolg zu verkünden. Insofern könnte es durchaus eine Einigung geben.

Kim Jong Un gilt in Westen als ein verrückter Diktator. Sollten wir unsere Sicht auf ihn nun ändern?
Das müssen Historiker einstmals entscheiden. Voraussichtlich wird er als erster Nordkoreaner ein Treffen mit dem US-Präsidenten zustande bringen. Gleichwohl müssen wir sehen, wie er regiert. Seine Bevölkerung ist völlig verarmt. Er führt das letzte totalitäre Land dieser Welt mit Menschenrechtsverletzungen, die laut einem UN-Bericht ihresgleichen suchen. Was sicherlich richtig ist: Die Nordkoreaner sind taktisch enorm geschickt, denken strategisch und haben sich mit konventioneller und nuklearer Abschreckungsfähigkeit viel Respekt auf dem internationalen Parkett geschaffen.

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