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Südafrika Fußball-WM als Werbung in eigener Sache

Bei Confederations-Cup und Fußball-WM will sich Südafrika als aufstrebende Wirtschaftsnation präsentieren. Doch viele Probleme sind noch ungelöst.

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Soccer City Quelle: Bert Losse

Es gibt eine neue Kneipe in Alexandra. Fünf Mann haben sie in 45 Minuten zusammengezimmert, aus ein paar Brettern und einer angeschimmelten Sperrholzplatte, mit alten Nägeln und Kronkorken als Unterlegscheibe. Der Standort ist gut gewählt, denn es gibt reichlich Laufkundschaft: Fünf Meter entfernt beginnt zwar eine übel riechende Müllkippe, doch da stehen eben auch diese acht mobilen Toilettenhäuschen, die sich hier, im Elendsviertel im Nordosten von Johannesburg, rund 4000 Menschen teilen.

Es gibt eine Reihe von Slums in Südafrika, aber Alexandra – zu Apartheid-Zeiten eines der ersten schwarzen Townships – zählt zu den schlimmsten. Nur durch die Stadtautobahn vom wohlhabenden Stadtteil Sandton getrennt, hausen die Menschen hier eingepfercht in düsteren Wellblechhütten und Verschlägen. Die Arbeitslosenquote liegt bei geschätzten 80 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit für Fremde, hier abends überfallen zu werden, dürfte an manchen Straßenzügen noch darüber liegen.

Fußball-Events sollen Südafrika als Wirtschaftsnation etablieren

Nur wenige Kilometer weiter südlich wird derzeit ebenfalls gebaut und gehämmert. Dutzende von Handwerkern und Bauarbeitern verpassen der traditionsreichen Rugby-Arena von Ellis Park den letzten Schliff, bevor hier am 14. Juni die Fußballteams von Südafrika und Irak das Eröffnungsspiel des Confederations-Cup bestreiten. Das Turnier ist die Generalprobe für die 2010 in Südafrika stattfindende Fußballweltmeisterschaft – und soll letzte Zweifel im Ausland zerstreuen, dass ein afrikanisches Land fähig ist, ein derartiges Großereignis zu stemmen. Das Stadion, das nun "Coca-Cola-Park" heißt, wurde komplett renoviert; es gibt neue Erholungsbecken für die Spieler, neue Sessel im Pressezentrum und holzvertäfelte Wände in der Presidential Suite, in der sich künftig die Funktionäre des Weltfußballverbands Fifa wohlfühlen sollen. Ähnlich weit sind die Arbeiten an den anderen Stadien gediehen: Danny Jordaan, Chef des südafrikanischen WM-Organisationskomitees (OK): "Wir sind voll im Zeitplan."

Pannen können sich das OK und die neue Regierung unter Jacob Zuma auch nicht leisten. Confed-Cup und WM sind für das Land mehr als Sport-Events. Gut 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid soll der Fußball das demokratische Südafrika endgültig in den Kreis der aufstrebenden Wirtschaftsnationen katapultieren; er soll zeigen, dass ein Schwellenland den organisatorischen und finanziellen Kraftakt WM meistern kann. Und er soll mithelfen, dass es Orte wie Alexandra irgendwann nicht mehr gibt oder zumindest nicht mehr so viele davon.

WM kostet Südafrika 3,3 Milliarden Euro

Umgerechnet 3,3 Milliarden Euro hat die Regierung in insgesamt 24 Großprojekte gesteckt, dazu zählen Bau und Renovierung der zehn WM-Stadien, aber auch neue Straßen und der Aufbau eines Schnellbussystems, damit die rund 500.000 erwarteten ausländischen WM-Touristen nicht im Dauerstau stehen. Parallel läuft ein bis 2012 angelegtes Konjunktur- und Investitionsprogramm der Regierung von 70 Milliarden Euro. An nahezu allen größeren Ein-und Ausfallstraßen von Johannesburg, Kapstadt oder Pretoria türmen sich derzeit rostbraune Erdhügel, auch an den Flughäfen wird emsig gebaggert.

Die Hoffnung der Südafrikaner: Eine erfolgreiche WM und die aufgemöbelte Infrastruktur sollen künftig neben Touristen auch Investoren ins Land locken. Und nicht nur das: Malcolm Simpson, Chef der WM-Task-Force im südafrikanischen Finanzministerium, sieht die WM als „Instrument der Charakterbildung“. Der Druck, alle Planungen und Bauten für das Megaprojekt pünktlich zu beenden, um sich – und damit ganz Afrika – nicht zu blamieren, habe den „institutionellen Wandel in Südafrika spürbar vorangetrieben“. Was eine vornehme Umschreibung dafür ist, dass politische Grabenkämpfe, Korruption und Bürokratie die Vorbereitungen anfangs derart lähmten, dass die Fifa bereits über eine Verlegung der WM nachdachte.

Sauberes Trinkwasser ist in den armen Gegenden Südafrikas Mangelware Quelle: AP

 Auch wenn Prestigeprojekte wie der Hochgeschwindigkeitszug Gautrain nur schleppend vorankommen und bis zur WM allenfalls die Verbindung zwischen Flughafen und Innenstadt von Johannesburg steht, sind die Baufortschritte unübersehbar. Bis Dezember sollen sämtliche WM-Stadien fertig sein. Und damit 2010 auch organisatorisch alles rund läuft, haben sich die Südafrikaner auch ausländische Expertise besorgt: Rund 100 Deutsche, vor allem aus den Gastgeberstädten der WM 2006, sind in die WM-Vorbereitungen einbezogen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung stellte für die Beratungsdienste 7,4 Millionen Euro zur Verfügung. Experten der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) gingen mit Vertretern der südafrikanischen WM-Städte sogar das Kleingedruckte in den Fifa-Verträgen durch.

"Die WM soll dazu führen, dass Südafrika eine Marke wird und die Menschen in aller Welt uns kennen und schätzen", sagt OK-Chef Jordaan. Vor allem aber dürfte das Fußballfest die ökonomische Dominanz Südafrikas auf dem Kontinent weiter verstärken. Schon jetzt erwirtschaftet das Land zwischen 14 und 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von ganz Afrika. Allein die Region Gauteng mit den Städten Johannesburg und Pretoria steht für sieben Prozent der afrikanischen Wirtschaftsleistung. Der Wachstumseinbruch im Gefolge der Weltwirtschaftskrise fällt 2009 mit minus 1,8 Prozent vergleichsweise milde aus. Schon 2010 rechnen Ökonomen – auch wegen der WM – wieder mit einem BIP-Zuwachs von rund 3,1 Prozent.

Sicherheit ist die große Unbekannte

Gleichwohl sind viele wirtschaftliche und soziale Probleme noch ungelöst. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 24 Prozent, in Wahrheit könnten es bis zu 40 Prozent sein, wenn man die unzähligen kleinen Straßenhändler einbezieht, die sich so gerade eben über Wasser halten. Die Energieversorgung durch den Quasi-Monopolisten Escom funktioniert zwar wieder leidlich, nachdem es 2008 zu massiven Stromausfällen gekommen war. Doch noch immer findet sich an vielen Hotelaufzügen der Warnhinweis, bloß nicht den Lift zu benutzen, sollte Escom mal wieder keinen Strom liefern. Die Besitzer von Großraumtaxen revoltieren derweil gegen die neuen Schnellbuss-Linien, weil sie um ihre Geschäfte fürchten.

Und dann gibt es noch eine große Unbekannte: Wie sicher wird die WM? Südafrika und speziell Johannesburg gelten als Verbrechenshochburg – auch wenn die Zahl der Raubüberfälle laut regierungsamtlicher Statistik um fast zehn Prozent gesunken ist. Die seit den ersten freien Wahlen 1994 vom African National Congress (ANC) geführte Regierung hat es jahrelang versäumt, den aus Apartheid-Zeiten diskreditierten Polizeiapparat zu reorganisieren und vernünftig auszustatten. Überdies wurden verdiente ANC-Freiheitskämpfer in Schlüsselstellen bei der Polizei gehievt, die mit dieser Aufgabe überfordert waren.

"Peace Worker" sollen Kriminalität eindämmen

Erst jetzt dämmert es der Regierung, dass überfallene Fußballfans die WM-Stimmung durchaus trüben könnten. In der Innenstadt von Johannesburg, derzeit nach Geschäftsschluss eine No-go-Area für Weiße, wurden 200 Kameras installiert, die Zahl der Polizisten soll um jährlich 11.000 steigen. Hinzu kommen unkonventionelle Wege der Verbrechensbekämpfung: Während des Confed-Cup werden neben der regulären Polizei rund 350 sogenannte "Peace Worker" patrouillieren. Das sind junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren aus den Townships rund um Pretoria, die an einem mehrjährigen Modellprojekt der GTZ im Auftrag des Entwicklungshilfeministeriums teilnehmen. Die von der Stadtpolizei Pretoria geschulten Hilfspolizisten "kennen die Guten und Bösen in ihrem Viertel genau und sollen durch ihre Präsenz Kleinkriminalität und Drogenhandel eindämmen“, sagt Projektmanager Ulrich Burgmer.

Im Township Atteridgeville etwa patrouillieren solche Peace Worker bereits stundenlang durch die engen Gassen, bewaffnet nur mit einem Funkgerät, mit dem sie in Notfällen reguläre Polizeikräfte anfordern können. Am Anfang wurden die jungen Leute von Nachbarn und Freunden verspottet oder der Spionage verdächtigt. "Mittlerweile aber", so berichtet Burgmer, "gibt es auf 350 Stellen fast 20 000 Bewerbungen." Der Grund: 80 Prozent der Peace Worker bekommen anschließend bei der Polizei einen festen Job.

Wer dieses Glück hat, für den hat sich die WM dann wirklich gelohnt.

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