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Südamerika Brasilien taumelt in die Krise

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Falsche Vorbilder

Lawrence Pih kennt Lula noch gut aus seiner Zeit als Bürgerschreck. Der Unternehmer war vor 25 Jahren einer der ersten, die den Linken Lula öffentlich unterstützten. Der in Shanghai geborene Pih kam achtjährig nach Brasilien. Er sympathisierte mit dem ehemaligen Hungerflüchtling, Schuhputzer und Dreher Lula, der sich als Gewerkschafter und Arbeiterführer in der Politik hocharbeitete – während Pih in der gleichen Zeit aus der kleinen Spedition seines Vaters das führende Getreidemühlenimperium Brasiliens aufbaute. Der Ferrari-Fan Pih, der jeden Morgen um 4.30 Uhr in seinem Büro in São Paulo den Arbeitstag beginnt, ist jedoch enttäuscht von Lulas Politik: „Die großen Reformen, mit denen Brasilien wettbewerbsfähig sein könnte – die hat es unter Lula nicht gegeben“, sagt Pih, mit 73 nur drei Jahre älter als Lula. „Lula hat sich mit kleinen Veränderungen zufriedengegeben.“

Die brasilianischen Linken würden China als Vorbild sehen, weil dort Millionen aus der Armut geholt worden seien. „Doch dort gibt es keine Demokratie, keine Streiks. Die Chinesen arbeiten 14 Stunden, während uns Brasilianern eigentlich acht Stunden schon zu viel sind“, sieht Pih den Unterschied zwischen Brasilien und China. Niemand wolle derzeit investieren: Es gäbe keine Nachfrage, keine Rechtssicherheit. Keine Prognosen seien möglich zu Politik, Zinsen oder dem Real. „Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe immer noch nicht verstanden, wie in Brasilien Politik gemacht wird.“

Wie es weitergehen soll, ist nicht nur Pih schleierhaft. Die Risikoanalysten von Eurasia Group haben die Wahrscheinlichkeit eines Abgangs Rousseffs vor Ende ihrer Amtszeit 2019 auf 75 Prozent erhöht. „Im Mai könnte es so weit sein“, schätzt Eurasia-Analyst Christopher Garman. Die Finanzinvestoren setzen bereits auf den Abgang der Präsidentin: Um 22 Prozent ist die Börse in drei Wochen gestiegen. Doch das sind Spekulanten. Die denken kurzfristig.

Die Unternehmer sorgen sich um die längerfristige Perspektive Brasiliens: Sie fürchten, dass es dem genauso charismatischen wie gerissenen Lula als Kabinettschef gelingen könnte, die Stimmen abtrünniger Abgeordneter zu gewinnen – mit Hinterzimmer-Abkommen, mit Etatzusagen. Bargeld hat in Brasilien schon so manche Regierungskrise gelöst.

Einmal superreich, heute pleite: Diese Milliardäre stehen in Brasilien für Aufstieg und Fall

Jetzt verhärten sich die Fronten in der Politik: Vergangene Woche hatte Lula die Gewerkschaften, Arbeiterpartei und linke Sozialbewegungen zu Protesten aufgerufen, denen eine halbe Million Brasilianer gefolgt ist. Das sind zwar deutlich weniger als die Demonstranten der Opposition. Doch es zeigt, dass Lula politisch nicht isoliert ist. Bei den brasilianischen Linken ist der Expräsident wegen seiner erfolgreichen Armutsbekämpfung weiterhin populär – trotz der Korruptionsaffäre und der schwachen Regierung unter Rousseff, die Lula als Nachfolgerin aufgebaut hat.

Gelingt es Lula und Rousseff, an der Macht zu bleiben, dann würde die wirtschaftliche Agonie Brasiliens noch bis Ende 2018 anhalten, fürchten die Unternehmer. „Wir bewegen uns auf eine Depression zu“, sagt etwa Pedro Passos, Milliardär und Co-Gründer des Kosmetikkonzerns Natura. Noch zweieinhalb Jahre politische Stagnation – für Brasilien wäre das verheerend.

Denn die Arbeiterpartei von Rousseff und Lula verlangt als Gegenleistung für Linientreue, dass die Regierung nun die verbliebenen Devisenreserven einsetzt, um Jobprogramme zu finanzieren und Kredite in den Wohnungsbau zu kanalisieren. Die hohen Dollar-Vorräte sind das Einzige, was Brasiliens Wirtschaft derzeit unter den Investoren noch eine gewisse Glaubwürdigkeit verschafft. Würde die Regierung die Devisen jetzt für Arbeitsbeschaffungsprogramme verpulvern, wäre Brasilien auf den Finanzmärkten schnell isoliert.

Das Risiko sei groß, dass die Regierung die Ausgaben jetzt noch steigern wird, statt zu sparen, fürchtet die Ratingagentur Moody’s, die gerade als Letzte der drei Agenturen Brasilien-Anleihen auf Ramschniveau abgestuft hat.

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