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Südost-Asien Lahmender Löwe Singapur

Die Krise rüttelt am Fundament des erfolgsverwöhnten Stadtstaats Singapur. Auch deutsche Unternehmen überdenken ihre Zukunft auf der Insel.

Finanzplatz Singapur. Noch Quelle: dpa

Demutsgesten wie diese sieht man selten bei Kishore Mahbubani. In Singapurs Nationalmuseum, das mit seiner neoklassischen Würde und makellos moderner Architektur patriotischen Stolz demonstriert, schlägt Mahbubani ungewohnt nachdenkliche Töne an: Singapur blicke zwar wie kaum ein anderes Land auf ein halbes Jahrhundert vorbildlicher Regierung zurück. „Doch unser Staatsprojekt kann scheitern, gerade dann, wenn wir es am wenigsten erwarten.“ Das erstaunt. Der frühere Botschafter des Inselstaats bei der UN, der jetzt als Politikprofessor an Singapurs Nationaluniversität gerne mit deftigen Thesen zum Thema Menschenrechte für Aufruhr im Westen sorgt, gilt eigentlich als Anhänger des autokratischen Regierungsmodells.

Schrumpfendes Wirtschaftswachstum in Singapur

Seine neuen, leiseren Töne sind kein Zufall: Die Krise hat dem erfolgsverwöhnten Musterstaat Singapur einen harten Schlag versetzt. Reichtum statt Demokratie lautete das Credo, mit dem sich die Regierung seit der Unabhängigkeit 1965 fest im Sattel hielt. Doch in diesem Jahr schrumpft die Wirtschaft so stark wie in keinem anderen asiatischen Land: Die Regierung warnt vor einem historisch einmaligen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um bis zu neun Prozent. Die steigende Arbeitslosigkeit und das kollabierende Staatsvermögen machen es der Regierung schwer, ihr zentrales Versprechen nach Wohlstand einzulösen. Erstmals stellt sich die Frage nach Wandel.

Rückgang der Investoren

Die Krise trifft Singapur an seiner verletzlichsten Stelle: Der Ministaat hat keinen bedeutenden Binnenmarkt. Er lebt davon, dass internationale Investoren sich an dem strategisch günstigen Standort niederlassen, um von dort aus in Asien Geschäfte zu machen. So nutzt Daimler die zentrale Lage, um die gesamte asiatisch-pazifische Region mit Ersatzteilen zu versorgen. Von seinem Logistikzentrum in Singapur liefert der Autokonzern nicht nur nach Südostasien, sondern auch nach China, Indien oder Australien. Deutsche Mittelständler wie der Kältetechniker Güntner aus Fürstenfeldbruck haben den Vorzug des Standorts ebenfalls erkannt: Güntners Wärmetauscher für Kühlhäuser sind im tropischen Südostasien gefragt – von Singapur aus lässt sich dieser Markt gut betreuen.

Starker Aufschwung (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Für Deutschland ist Singapur wichtigster Handelspartner unter den Asean-Staaten. Handel und Finanzdienstleistungen erwirtschaften einen wesentlichen Teil des Bruttoinlandsprodukts der globalisierten Metropole. Doch der krisenbedingte Einbruch des Welthandels hat auch den stolzen Stadtstaat mit dem Löwen im Wappen erwischt. Allein im Januar und Februar brach der Container-Umschlag in Singapurs Hafen um jeweils 20 Prozent ein, im März noch mal um 15 Prozent. Fast 30 Millionen Container-Einheiten wurden 2008 dort bewegt, so viele wie sonst nirgendwo auf der Welt. Dieses Jahr sollen es noch 24 Millionen sein. Manche hoffen, dass Singapur seine Rolle als sicherer Hort für Finanzanlagen ausbaut. Vor allem reiche Asiaten schaffen ihre Millionen gerne ins ruhige und bislang zuverlässige Singapur. Zuletzt haben auch immer mehr wohlhabende Westler die Vorteile des Inselstaats schätzen gelernt. Doch europäische und deutsche Anleger sind noch die Minderheit.

Innovativer Mittelstand fehlt

„Was fehlt, ist ein kreativer und innovativer Mittelstand, eine nennenswerte heimische Wirtschaft, die helfen könnte, das Land zu stabilisieren“, kritisiert Asien-Chefvolkswirtin Syetarn Hansakul von der Deutschen Bank. Auch Klaus Regling, ehemaliger Generaldirektor der EU-Kommission und derzeit Gastforscher an der Nationaluniversität Singapur, ist überzeugt, der Staat brauche „mehr Freiheiten, um Kreativität zu entwickeln“.

Unter den Einheimischen war Regierungskritik bisher nur die Sache von wenigen Mutigen. Einer von ihnen ist Sinapan Samydorai. Ihn kann man nicht in einem schicken Büro treffen. Er schlägt einen Coffeeshop in einem der unzähligen Einkaufszentren vor – seine Organisation namens Think Centre hat keine eigenen Räume, nur eine Internet-Seite. Der Familienvater ist seit Langem einer der wenigen, die öffentlich gegen Staat und Regierung Gesicht zeigen, ein Teil der außerparlamentarischen Opposition in der Stadt.

Unterdrückung mit System

Im blitzsauberen Coffeeshop wirkt der Grauhaarige wie ein Fremdkörper, etwas verschroben und zauselig. Wenn in Singapur vieles makellose Fassade ist, dann verweigert sich hier jemand auch äußerlich dem herrschenden System. Doch was er sagt, ist eindeutig: „Die Regierung ist leider sehr intelligent, wenn es um Einschüchterung und Entmutigung geht.“ Führende Oppositionspolitiker würden systematisch mit Mitteln einer „beeinflussten“ Justiz kleingehalten. Mit dem staatlichen Wohnungsprogramm steuerten Singapurs Politiker die Sozialstruktur ihrer Wahlkreise. Sinapan Samydorai spricht aus, was viele über die Politik und die Regierung denken: „Die Bevölkerung hat genug von der Intransparenz und der Geheimnistuerei.“

Das deutlichste Symbol dieser Verschwiegenheit hat seinen Sitz weitab von den Glaspalästen des internationalen Finanzdistrikts. Temasek, einer der beiden einst so mächtigen singapurischen Staatsfonds, residiert unauffällig an der Shoppingmeile Orchard Road. Doch vor der Krise können sich die Staatsinvestoren dort nicht verstecken. Mit dem Notverkauf von Anteilen an der Bank of America setzte der Fonds im ersten Quartal des Jahres auf einen Schlag geschätzte 3,3 Milliarden Euro in den Sand. Zwischen März und November 2008 sank Temaseks Vermögen von 185 auf 127 Milliarden Singapur-Dollar (etwa 65 Milliarden Euro). Es hagelte Kritik in Blogs und Internet-Foren und selbst in den staatsgelenkten Medien.

Solchen Druck ist das System nicht gewöhnt. Die jahrzehntelange Ein-Parteien-Herrschaft hat Singapur zu einem Kastenstaat werden lassen, straff organisiert und durchwirkt vom Willen des Staatsgründers Lee Kuan Yew. Noch heute ist der 85-Jährige als „Minister Mentor“ das Gravitationszentrum des Staates. Sein Sohn Lee Hsien Loong hat den Posten des Premierministers erst 2004 übernommen.

Mit Konjunkturpaket gegen die Krise

Das Investmentdebakel des Staatsfonds fällt nun direkt auf die herrschende Familie zurück. Temasek-Chefin Ho Ching, Frau des Premierministers und damit Schwiegertochter von Übervater Lee Kuan Yew, muss im Oktober gehen. Ein Novum für die Familie Lee, deren Spitzenstellung vorher niemals infrage gestellt wurde. Ihr autoritärer Regierungsstil war gefürchtet. Mit Fleiß, Professionalität und Kompetenz hatten sich die Lees selbst bei Kritikern Respekt erworben. Jetzt hat die Krise ihr erstes Opfer in der bisher unantastbaren Familie des Staatsgründers gefordert.

„Wir sind besorgt über die öffentlichen Reaktionen“, versucht Teo Min Kian zu beschwichtigen. Doch der Staatssekretär im Finanzministerium weiß: Zum ersten Mal muss die Regierung ihre Reserven anzapfen, um mit einem milliardenschweren Konjunkturpaket gegen die Krise anzukämpfen. Leiharbeiter aus Bangladesch oder Malaysia werden ausgewiesen, weil die eigenen Bürger um ihre Jobs fürchten. Deutsche Unternehmen in Singapur spüren die Unsicherheit und warten erst mal ab. „Die Firmen nutzen die Zeit auch, nach neuen Märkten zu suchen, damit sie vorbereitet sind, wenn die Wirtschaft wieder anzieht“, sagt Tim Philippi, Chef der Singapurisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer. Für das aktuelle Jahr, ergab eine Umfrage der Kammer unter deutschen Unternehmen vor Ort, erwartet fast die Hälfte kein oder sogar negatives Wachstum.

Wohlstand hält nur drei Generationen, sagt ein chinesisches Sprichwort. Die sinophilen Singapurer kennen diese Warnung. Aus Angst um ihren Reichtum werden die Bürger der Regierung daher stärker auf die Finger schauen – auch nach der Krise.

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