Rot, so weit das Auge reicht. Die Schaufenster der Buchhandlung im sechsten Stock des Imperial World sind von breiten roten Rahmen eingefasst. Wenige Meter weiter hat der Fernsehsender TV 24 seine Zentrale. Die Leuchtreklame und Werbeplakate davor: alle rot. Gegenüber geben zwei Glastüren den Blick frei auf ein großzügiges Büro. Auch dort sind die Wände rot gestrichen.
Die sechste Etage des Kaufhauses in der Bangkoker Innenstadt ist so etwas wie das Hauptquartier der sogenannten Rothemden, jener politischen Bewegung, die dem 2006 geschassten und immer noch populären Premier Thaksin Shinawatra nahesteht.
Seit fast acht Jahren, mit einigen Unterbrechungen, halten die Roten das Land mit Protesten und Massendemonstrationen in Atem. Ihre Gegner sind die Gelben, eine Allianz aus großstädtischem Establishment, dem Militär und Anhängern der Demokratischen Partei. Immer wieder hatten diese versucht, Macht und Einfluss der roten Bewegung und ihrer demokratisch legitimierten Regierungen zu beschneiden. Ende Mai kehrte vorerst Ruhe auf den Straßen der thailändischen Hauptstadt ein: Die Armee unter ihrem Chef Prayuth Chan-ocha verhängte das Kriegsrecht und putschte die demokratisch gewählte Regierung unter Thaksins Schwester Yingluck und ihrer Pheu-Thai-Partei von der Macht.
Jetzt sitzen ihre Anhänger auf den Fluren des Kaufhauses zwischen Büros, kleinen Läden, Cafés und Gemüseständen und vertreiben sich die Zeit mit Kartenspielen. Gesprochen wird im Flüsterton, denn die Angst ist groß, die Wut kaum weniger. Regelmäßig patrouillieren Soldaten; wegen des Kriegsrechts kann jeder ohne Begründung verhaftet werden.
Nicht nur an der Basis, auch in der Führungsmannschaft der Roten herrscht eine Mischung aus Furcht und Zorn. Einer der Top-Leute der United Front for Democracy against Dictatorship (UDD) versteckt sich in einem kleinen Büro. „Die einfachen Leute haben seit dem Putsch nichts mehr zu sagen, und die Militärs wollen das Rad in nächster Zeit noch weiter zurückdrehen“, klagt der Funktionär, der seit 2006 sieben Mal im Gefängnis saß und aus Furcht vor Repressalien anonym bleiben will. Die UDD ist die größte formale Organisation innerhalb der Bewegung der Roten.
Furcht vor neuen Unruhen
Es herrscht Ruhe im Königreich. Auf den Straßen ist kaum Militär zu sehen. Demonstrationen gibt es nicht. Doch der Unmut der Thais, die sich in den vergangenen Jahrzehnten an freie Wahlen, unabhängige Presse und Demonstrationsrecht in ihrem Land gewöhnt hatten, ist groß. Nur die Angst, ohne Begründung für lange Zeit in einem Gefängnis zu verschwinden, hält die Menschen zurzeit zu Hause.
Doch die Furcht der Militärregierung vor neuen Unruhen ist kaum weniger groß. Darum denkt General Prayuth auch mehr als fünf Monate nach dem Putsch noch nicht daran, das Kriegsrecht aufzuheben. „Die viel zitierte Stabilität gibt es nicht“, sagt ein westlicher Diplomat in Bangkok.
Auch am 21. November, wenn sich Spitzenvertreter der deutschen Wirtschaft sowie Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel im vietnamesischen Ho-Chi-Minh-Stadt zur Asien-Pazifik-Konferenz treffen, dürfte die Krise in Thailand Thema sein.
Thailand in Zahlen
Thailand hat 1932 die absolute Monarchie abgeschafft. In der parlamentarischen Demokratie ist der König aber weiter Staatsoberhaupt. Seit 1932 hat die Armee 18 mal geputscht, zuletzt 2006. Das Land in Zahlen:
Einwohner: 64 Millionen (etwa 21. größtes Land der Welt)
Bruttoinlandsprodukt (BIP): 484 Milliarden Euro (etwa 25. Stelle)
BIP pro Kopf: 7540 Euro (etwa 120. Stelle)
Wirtschaft: 43 Prozent Industrie, 44 Prozent Dienstleistungen, 12 Prozent Landwirtschaft
Alphabetisierungsrate: 94 Prozent
Armut: von 2007 bis 2011 von 21 Prozent auf 13 Prozent reduziert
Religion: 94 Prozent Buddhisten
Korruptionsindex: Rang 102 von 177 Ländern (2012: Rang 88)
Bangkok: Acht bis zehn Millionen Einwohner, erbringt ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung, Pro-Kopf-Einkommen dreimal so hoch wie nationaler Durchschnitt
Deutschland ist wichtigster Handelspartner Thailands in der EU, 600 deutsche Firmen in Thailand
Erst wenn es dunkel wird in Bangkok und sich die Straßen geleert haben, trauen sich die Menschen offen auszusprechen, was ihnen unter den Nägeln brennt. Jutathip Wanaporn betreibt in einer kaum zwei Meter breiten Gasse im Norden der Stadt einen kleinen Laden. In den Regalen stehen Waschpulver, Süßigkeiten und Whisky. Im Hintergrund plärrt ein Fernseher. Eine Neonröhre an der Decke spendet Licht.
„Es muss einen durch Wahlen legitimierten Regierungschef geben“, sagt Jutathip, die bei den großen Demonstrationen im Frühjahr genauso dabei war wie 2010 und 2008. Der Militärjunta traut sie kaum etwas zu. „Die werden doch nichts für das Volk tun.“ Eine Nachbarin kommt aus ihrem Haus. „Keiner kann mir vorschreiben, was ich zu denken habe“, sagt die Frau. Wenn das Kriegsrecht aufgehoben ist, will sie wieder demonstrieren. Mehr als eine halbe Stunde diskutieren die beiden Frauen über den künftigen politischen Kurs in Thailand. Die Regierung der Militärs lehnen sie rundweg ab.
Ein tiefer Riss
Gerade die einfachen Leute, so scheint es, haben in den vergangenen Jahren ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein entwickelt. Mit dafür gesorgt hat ausgerechnet Thaksin. Als er und seine Partei „Thais lieben Thailand“ 2001 an die Macht kamen, beglückte er die Bauern im rückständigen Nordosten des Landes mit Subventionen, führte eine kostenlose Gesundheitsversorgung für die Landbevölkerung sowie Studentenkredite für einkommensschwache Familien ein. Für seine populistische Politik musste sich der damalige Premier, der als Telekomunternehmer Milliarden verdient hatte und sich bis heute gegen Korruptionsvorwürfe wehren muss, heftige Kritik anhören. Doch Kenner des Landes betonen auch, dass er der erste Politiker in der jüngeren Geschichte Thailands war, der den einfachen Menschen das Gefühl gab, dass sich jemand um sie kümmert und ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht.
Kate stirbt im Kugelhagel
Eine, die sich ihr Recht auf Mitsprache von den Militärs nicht nehmen lassen will, ist Payao Akahat. An einem heißen Samstagvormittag sitzt die 49-Jährige vor ihrem Laden am nördlichen Rand von Bangkok. Auf der Straße donnern Motorräder vorbei. Payao flicht aus Orchideen kleine Kränze. Die Gebinde verkauft sie für ein paar Cent in der Nachbarschaft. „Ich will, dass die Todesschützen vor Gericht kommen“, bricht es auf einmal aus Payao hervor.
Es ist der 19. Mai 2010, als Soldaten gegen Abend das Feuer auf den Tempel Pathumwanaran eröffnen. Wochenlang hatten die Rothemden in Bangkoks Straßen demonstriert. Im Tempel kümmern sich Studenten um Verletzte. Auch Payaos Tochter Kate, 25, ist dabei – die Mutter wird ihr Mädchen nicht mehr lebend wiedersehen. Kate stirbt im Kugelhagel der thailändischen Armee. Seitdem kämpft Payao dafür, dass die Schützen vor Gericht kommen. Erst kürzlich saß sie wieder für einige Tage im Gefängnis, weil sie Flugblätter verteilt hatte. Auf den Papieren standen die Namen der angeblich für das Massaker Verantwortlichen. „Ich war nie besonders politisch“, sagt Payao, „aber hier geht es um Gerechtigkeit für meine Tochter.“
Die Thailänderin will Antworten, Antworten, die sie von der Militärregierung unter General Prayuth, der inzwischen auch Premierminister ist, wohl nicht bekommen dürfte. Denn der ist dabei, das Rad mit Schwung zurückzudrehen. Demokratie und Meinungsfreiheit wie im Westen passten im Grunde gar nicht zur „thailändischen Seele“, betonen die Militärs jetzt häufig. Die thailändische Seele und das Besondere am „Thai sein“ streichen die Generäle inzwischen bei fast jeder Gelegenheit heraus und wollen das Land damit politisch vom Westen abgrenzen. An den Hochschulen sollen die Studenten demnächst Patriotismusunterricht bekommen, ganz so wie im kommunistischen China. Es ist eine Entwicklung, die an die Debatte um sogenannte asiatische Werte und deren angebliche Unvereinbarkeit mit dem westlichen Pluralismus in den Neunzigerjahren erinnert.
„Die Soldaten können das Volk doch nicht zum Thai sein zwingen“, empört sich der UDD-Funktionär, der aus Angst vor Repressalien ungenannt bleiben will. Er und viele andere aus dem roten Lager glauben, die konservative Allianz aus Militärregierung, Kräften aus dem Königshaus, großstädtischer Bildungselite und reichen Geschäftsleuten könne das alte System der Klassenunterschiede erhalten, von dem sie in den vergangenen Jahrzehnten so sehr profitiert haben. „Die wollen die feudalistische Gesellschaftsordnung um jeden Preis bewahren“, schimpft der UDD-Mann.
Doch nicht nur durch die thailändische Gesellschaft geht ein tiefer Riss, auch die Militärregierung, so betonen Experten, ist gespalten zwischen erzkonservativen und gemäßigt fortschrittlichen Kräften. General Prayuth gilt als schwach. „Er hat seine beste Zeit hinter sich“, sagt ein westlicher Diplomat in Bangkok, „ab jetzt geht es bergab.“ Wenig vertrauenserweckend war etwa Prayuths Erklärung für sein akutes Rückenleiden vor einigen Wochen. Mithilfe schwarzer Magie, hatte der General dem staunenden Publikum erklärt, hätten Feinde ihn verhext.
Eine Frage von Monaten
Doch die größte Gefahr für Thailands Stabilität droht aus dem Königspalast. Bhumibol Adulyadej, seit 1946 Staatsoberhaupt, ist schwer krank; manche in Bangkok sagen, der Tod des 86-jährigen Monarchen sei eher eine Frage von Monaten als von Jahren. Dann beginnt die schwierige Suche nach einem Nachfolger für den König, den die Thais wie einen Gott verehren.
Das Kempinski Hotel am Münchner Flughafen ist ein lichtdurchfluteter Bau aus viel Glas und Stahl. In der Empfangshalle stehen rote Ledermöbel und künstliche Palmen. In den Gängen und Treppenhäusern der Nobelherberge patrouillieren zu jeder Tages- und Nachtzeit muskelbepackte Thais in dunklen Trainingsanzügen – Leibwächter von Maha Vajiralongkorn, Sohn des greisen Königs und damit Thronfolger. Der 62-jährige Kronprinz verbringt dort die meiste Zeit. Einerseits, heißt es, sei er schönen Dingen wie etwa dem Glücksspiel zugeneigt. Andererseits, versichern Insider mit guten Kontakten zum Königshaus, lasse sich Maha in München wegen einer HIV-Infektion behandeln. Offizielle Bestätigungen hierfür gibt es nicht. So oder so: Ein idealer Thronfolger für ein Land, in dem die Monarchie einen so großen Stellenwert hat und der König oberste moralische Instanz ist, sieht anders aus. Wegen der unsicheren Thronfolge könnte in Thailand, das bei vielen Deutschen immer noch als Paradies gilt, Panik ausbrechen.
Leichtes Wachstum
Um die Stimmung im Volk zu heben, versucht die Regierung, mit Ausgabenprogrammen die Wirtschaft anzukurbeln. Umgerechnet allein 60 Milliarden Euro wollen die Militärs in den kommenden sieben Jahren für den Ausbau der Infrastruktur ausgeben. Priorität genießt der Ausbau des Schienennetzes und der Aufbau einer Hochgeschwindigkeitstrasse, die das Königreich von Nord nach Süd durchqueren soll. Mit Steuer- und Zollerleichterungen wollen die Militärs zudem Investoren aus dem Ausland nach Thailand locken.
Fürs Erste scheint sich die Wirtschaft stabilisiert zu haben. Schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt zwischen Januar und März noch um 0,5 Prozent, verzeichneten die Statistiker für das zweite und dritte Quartal wieder ein leichtes Wachstum von weniger als einem Prozent. Vom einstigen Boom mit Raten zwischen fünf und sieben Prozent ist Thailand allerdings weit entfernt.
Dass das Vertrauen schnell zurückkehrt, ist jedoch wenig wahrscheinlich. Unternehmen aus dem Ausland klagen über zunehmende Rechtsunsicherheit und eine grassierende Korruption. Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International ist Thailand innerhalb eines Jahres von Rang 88 auf Rang 102 gefallen. Auch die Touristenzahlen liegen noch weit unter dem Niveau aus der Zeit vor der politischen Krise. Schwierig in einem Land, in dem der Fremdenverkehr fast zehn Prozent zur Wirtschaftsleistung beiträgt.
Ausland
Das Volk versucht General Prayuth indes mit Reformversprechen zu beruhigen. Ende kommenden Jahres, so beteuert er, würden in Thailand Wahlen abgehalten. Wirklich fruchten wollen solche Zusagen nicht. „Ich glaube den Militärs gar nichts“, sagt der UDD-Funktionär.