Syrien-Einsatz Soldaten bereiten Aufklärungs-„Tornados“ vor

Deutsche Piloten stehen vor einem der heikelsten Aufträge in der Geschichte der Bundeswehr. „Tornado“-Jets sollen in Syrien den Kampf gegen die Terrormiliz IS unterstützen. Da schwingen auch Sorgen mit.

Insgesamt sechs Maschinen sollen in der Türkei stationiert werden und von dort voraussichtlich erstmals im Januar zu Aufklärungsflügen nach Syrien starten. Quelle: dpa

Das Brüllen der Düsentriebwerke hallt über das Flugfeld in Jagel. Dann schießt der „Tornado“-Aufklärungsjet mit aktiviertem Nachbrenner über die Startbahn und hebt ab in den wolkenbehangenen Himmel Schleswig-Holsteins. Noch sitzen die Piloten des Taktischen Luftwaffengeschwaders 51 „Immelmann“ nur zu Trainingszwecken in ihren Fliegern. Bald schon wird es aber ernst für sie. Die Soldaten sind Teil der deutschen Beteiligung am Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Kurz nach dem Übungsflug des „Tornados“ gibt der Bundestag am Freitag dafür grünes Licht.

„Dieser Einsatz ist sicherlich gefährlich“, sagt Geschwader-Kommodore Michael Krah. „Sorgen muss man sich natürlich machen, aber keine übertriebenen.“ Der Einsatz in Syrien gilt als eine der heikelsten Missionen in der Geschichte der Bundeswehr.

Bereits in der kommenden Woche sollen die ersten Maschinen von Schleswig-Holstein aus in Richtung Türkei aufbrechen. Zunächst werden rund 50 Soldaten in Incirlik stationiert. Wie viele weitere aus Jagel folgen werden, steht noch nicht fest. Nach derzeitigen Planungen nehmen auch zwei „Tornados“ aus dem rheinland-pfälzischen Fliegerhorst Büchel an der Mission teil.

So marode ist die Bundeswehr
Aufklärungsjets am BodenImmer neue Einsätze stellen Deutschlands Armee vor Herausforderungen. Immer wieder kommt es dabei auch zu Problemen mit dem Material. So waren die deutschen "Tornados", die für Aufklärungsflüge gegen die Terrormiliz IS in Syrien und im Irak eingesetzt werden, zunächst nachts nicht einsetzbar. Die Cockpit-Beleuchtung war zu hell. Zwar hat die Bundeswehr die Flieger nachgerüstet, doch nicht alle Jets sind tatsächlich einsetzbar. Von den 93 deutschen Tornados waren laut Berichten aus dem November nur 66 in Betrieb - und nur 29 einsatzbereit. Das macht eine Quote von 44 Prozent, vor einem Jahr waren immerhin noch 58 Prozent der Flugzeuge einsatzbereit. Die teilweise über 30 Jahre alten Flugzeuge gelten als Auslaufmodelle. Quelle: dpa
Kampfjets ohne RaketenBeim Nachfolgemodell Eurofighter sind immerhin schon 55 Prozent der 109 Kampfjets einsatzbereit. Dieser Wert lag im vergangenen Jahr aber noch bei 57 Prozent. Wie im November bekannt wurde, fehlt es der Bundeswehr allerdings an Raketen für ihre Flugzeuge: Insgesamt 82 radargelenkte Amraam-Raketen besitzt die Bundeswehr, berichtet die "Bild am Sonntag". Im Ernstfall aber sollte jeder Jet mit zwei Raketen bestückt werden - die Bundeswehr bräuchte also 218 Amraam-Raketen. Quelle: dpa
Hubschrauber mit TriebwerksschädenNoch schlechter steht es um die Hubschrauber-Flotte: Nur 22 Prozent der Transporthubschrauber des Typs NH90 der Bundeswehr sind einsatzbereit. Der Hubschrauber hat vor allem Probleme mit seinen Triebwerken: 2014 musste ein Pilot auf dem Stützpunkt in Termes in Usbekistan notlanden, weil ein Triebwerk explodiert war. Eigentlich hat sich die Bundeswehr das Ziel gesetzt, dass 70 Prozent der zur Verfügung stehenden Bestandes für den täglichen Dienst nutzbar sein soll. Doch insbesondere bei ihren Fluggeräten verfehlt die Bundeswehr diesen Werte oft deutlich. Quelle: dpa
Flügellahmes FluggerätSo ist nur jeder vierte Schiffshubschrauber "Sea King" (siehe Foto) bereit für einen Einsatz. Beim Kampfhubschrauber Tiger liegt die Quote bei 26 Prozent, beim Transporthubschrauber CH53 immerhin schon bei 40 Prozent. „Die Lage der fliegenden Systeme bleibt unbefriedigend“, urteilt Generalinspekteur Volker Wieker in seinem aktuellen Bericht zum Zustand der Hauptwaffensysteme. 5,6 Milliarden Euro will die Bundeswehr in den nächsten zehn Jahren investieren, um den Zustand ihrer Ausrüstung zu verbessern. Quelle: dpa
Transportflugzeuge mit LieferschwierigkeitenUnd von den Transportflugzeugen "Transall" sind nur 57 Prozent bereit zum Abheben. Die teilweise über 40 Jahre alten Flugzeuge gelten als anfällig für technische Defekte. 2014 sorgte das für eine Blamage für die Bundeswehr im Irak, wo die Ausbilder der Bundeswehr kurdische Peschmerga-Kämpfer bei ihrem Kampf gegen den "Islamischen Staat" unterstützen sollten. Weil die Transall-Maschine streikte, konnten die Soldaten nicht zu ihrer Mission aufbrechen und mussten die Maschine wieder verlassen. Eigentlich sollen die Transall-Flugzeuge in den kommenden Jahren durch neue Airbus-Transportflugzeuge des Typs A400M ersetzt werden. 53 der Maschinen hat die Bundeswehr bestellt, doch die Auslieferung verzögert sich. Erst zwei Exemplare kann die Bundeswehr dieses Jahr im Empfang nehmen, die dazu nicht mal alle Funktionen haben: Fallschirmspringer zum Beispiel können die ausgelieferten Flugzeuge nicht absetzen. Airbus muss wegen der Probleme 13 Millionen Euro an den Bund zahlen. Quelle: dpa
Panzer mit BremsproblemenDie Bodenausrüstung findet sich zwar in besserem Zustand als die Flugsysteme der Bundeswehr. Aber auch hier gibt es Probleme, zum Beispiel beim Panzer "Puma". Aus Sicherheitsgründen musste die Höchstgeschwindigkeit für den Panzer von 70 km/h auf nur noch 50 km/h heruntergesetzt werden. Der Grund: Bei einer Geschwindigkeit von mehr als 50 km/h bremst der Panzer nicht mehr zuverlässig, der Bremsweg verdoppelt sich, wie das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBs) bei Tests herausfand. Die Probleme gab es wohl auch, weil die Bundeswehr erst spät in der Entwicklungsphase den Wunsch einbrachte, dass der Panzer bis zu 70 km/h schnell fahren sollte. Außerdem sollte der 1000 PS starke, bis zu 2000 Schuss pro Minute abfeuernde Panzer ohne Panzerung nur 31,5 Tonnen wiegen. Die Hersteller Krauss Maffei und Rheinmetall hatten Schwierigkeiten, die Auflagen zu erfüllen. Auch deshalb lieferten sie den Panzer erst in diesem Juni aus, ganze fünf Jahre später als geplant. Quelle: dpa
Das Skandal-GewehrDas Dauerthema bleibt jedoch das Pannengewehr G36: Das Sturmgewehr des Herstellers Heckler und Koch soll bei hohen Temperaturen nicht mehr präzise schießen, Verteidigungsministerin von der Leyen erklärte daraufhin, das Gewehr habe bei der Bundeswehr keine Zukunft. Rund 180 Euro hat die Bundeswehr für die insgesamt 178.000 Gewehre bezahlt. Die Aufklärung der Affäre bindet viele Kapazitäten im Ministerium: Insgesamt vier Kommissionen befassen sich mit dem Skandal. Ab 2019 soll ein neues Sturmgewehr das G36 ablösen. Quelle: dpa

Insgesamt sechs Maschinen sollen in der Türkei stationiert werden und von dort voraussichtlich erstmals im Januar zu Aufklärungsflügen nach Syrien starten. Mit den dabei gewonnenen Informationen will Deutschland jene Nationen unterstützen, die Luftangriffe gegen mutmaßliche IS-Stellungen fliegen, nicht zuletzt Frankreich. Der Einsatz ist eine Antwort Deutschlands auf die Terroranschläge von Paris.

Ihre Daten können die Aufklärungsflieger direkt aus der Luft an die Bodenstationen übertragen. Ihre Reichweite beträgt laut Bundeswehr mehrere Hundert Kilometer.

Zuletzt hatte es Zweifel am Zustand vieler Jets der Luftwaffe gegeben. Nach einem Ministeriumsbericht sind von den 66 verfügbaren „Tornados“ derzeit nur 29 einsatzbereit. Der 40 Jahre alte „Tornado“-Pilot Alexander hat am Zustand seines Fliegers keinen Zweifel: „Auch wenn die Hülle schon 21 Jahre im Einsatz ist, das Innere der Maschinen ist absolut modern.“ Er saß bereits während des Afghanistan-Einsatzes mehrfach im Cockpit eines „Tornados“.

Sein Kommodore ist davon überzeugt, dass die Maschinen für den Einsatz gegen den IS einen Mehrwert bringen. „Aufklärung kann man nie genug haben“, sagt Krah. Die Jets seien wesentlich flexibler als eine Drohne. „Mit ihnen kann man große Flächen abdecken mit detaillierten Bildern.“ Unter ihrem Rumpf befindet sich ein Behälter mit optischen Kameras und Infrarot-Scanner. Ihr digitales Aufklärungssystem heißt „RecceLite“ (Reconaissance Litening Targeting Pod). Die Flieger kamen bereits während des Kosovo-Krieges und in Afghanistan zum Einsatz.

Und dennoch schwingt beim Gedanken an die Bilder des vom IS verbrannten jordanischen Piloten Sorge mit. Das spiele in den Köpfen der Besatzungen natürlich eine Rolle, sagt Krah. Pilot Alexander meint: „Natürlich haben wir uns auch diese Videos angeschaut und natürlich ist das ganz schrecklich.“ Er habe jedoch Vertrauen in die internationale Rettungskette. „Das gibt uns die Zuversicht, dass man sehr schnell gerettet wird, wenn man irgendwo in diesem Land runterkommt.“ Ein gewisses Restrisiko bestehe aber immer.

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„Grundsätzlich gibt es in den Höhen, in denen wir fliegen, keine Bedrohungen“, sagt der Pilot und spricht etwas vage von „mittleren“ Höhen. „Das wird kein Tiefflug“, sagt Waffensystem-Offizier Nils. Zu ihrer Verteidigung werden die Maschinen im Gegensatz zum Afghanistan-Einsatz auch mit Luft-Luft-Raketen ausgerüstet. Das Risiko eines Angriffs vom Boden beispielsweise durch Raketenbeschuss hält Nils „für überschaubar“. Das Szenario gleiche in gewisser Weise dem in Afghanistan. „Es ist allerdings ein neuer Gegner, von dem wir nicht wissen, wie er reagiert.“

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